Samstag, 6. Januar 2018

CSU: Die Rechtsnationalen

Dobrindt passt gut in die Führung der CSU. Die Frage ist nur, wer um Gottes Willen hat ihn dazu gebracht Leitlinien zu formulieren, eine Art Manifest der neuen Rechten. Entweder ist er schon so dumm, dass er einfach ein paar Wörter aus dem Wortschatz der Nazis durcheinandergewürfelt hat, damit er im braunen Sumpf verstanden wird, oder es steckt ein Plan dahinter. Wer hat ihm da die Hausaufgaben gemacht? Frau Le Pen, Herr Strache, Herr Trump? Jedenfalls finden wir hier eine Leitkultur, die sich deutlich absetzt von konservativen Ideen des Bewahrens und Erhaltens, zum Beispiel der Demokratie.

Daher spricht aus Dobrindt auch der Satz von einer "konservativen Revolution", ein Begriff, der bewusst den direkten Vorlauf der nationalsozialistischen Bewegung bezeichnet, also alle Kräfte, die damals gegen die Demokratie zu Felde zogen. Nicht gewusst? Es ist ja üblich geworden, Formulierungen, wie auch "Lügenpresse" oder "völkisch" aus dem Nazi-Kontext zu lösen, um sie unverbraucht wieder aufbauen zu können. Bedeuten sie dann etwas anderes? Nein. Im Gegenteil. Alle sollen Bescheid wissen wohin die Reise geht.

Daher auch die folgerichtige Einladung der CSU an den rechtsnationalen Orban, Präsident des neuen Heimatlandes der internationalen Faschisten, die Klausurtagung der CSU-Landesgruppe im Kloster Seeon zu besuchen. Auf einer CSU-Pressekonferenz darf dieser Orban in genau der Terminologie der neuen Bewegung sagen, das kommende Jahr werde "das Jahr der Wiederherstellung des Volkswillens in Europa". Das europäische Volk werde erzwingen, dass auch in Sachen Migration sein Wille erreicht werde. Genau. So reden sie. Volkswillen! Der Mob wird zum 'Volk' stilisiert, das die Eliten, die Juden, die Ausländer hinwegfegen soll. Und die CSU bescheinigt umgehend ihrem Freund, ein lupenreiner Demokrat zu sein und lässt seine Ausfälle umkommentiert. Allerdings - von Presse und Medien bleiben sie nicht umkommentiert.

Typisch. Immer sind die Intellektuellen, die Journalisten, überhaupt sind alle Vertreterinnen des "versifften links-rot-grünen 68er Deutschlands" - immer dagegen. Daher ist auch in dem Papier von „linker Meinungsvorherrschaft“ ist die Rede, gegen die das Bürgertum aufstehen soll. Diese Verbreiter von Fake News, sollen, wie auch Frau Merkel, verschwinden. "Wir werden sie jagen!" Das sagt Dobrindt natürlich nicht, aber er meint es und lässt es andere sagen. Wenn er selbst etwas sagen muss, wird es ohnehin schwierig und dann wird das alles auch noch von böswilligen Journalisten kaputt gemacht. Das muss ein Ende haben.
Eine wie Frau Slomka darf nicht noch einmal im 'heute journal' einen wie Dobrindt als dummen Jungen entlarven. Erdogan wirft solche Leute einfach ins Gefängnis. So wird es sein. Sperrt sie ein!
Aber eins bleibt, das sollte ihm klar sein: Auch unter einem CSU/ AfD-Kanzler wird Dobrindt nur Verkehrsminister werden.


Samstag, 9. Dezember 2017

An Nahles kommt keiner vorbei...

...wenn wir uns ausziehen um das Fürchten zu lernen, also wenn wir ausziehen, wenn wir, wie wir, nein, wie die wir, wie sie, ach die, das macht mich ganz durcheinander.

Es war einmal eine Kanzlerin, die war eben nicht wie Erdogan oder Orban oder Trump, die versuchte die Welt mit Vernunft zu sehen. Wenigstens das. Und die führte sich nicht auf wie Ochs und Esel.
Das konnten nicht alle verstehen. Nahles, zum Beispiel, ein Wesen, das durch eine Art Märchenwald tobte, lief laut singend durch das Unterholz, so, dass alle Tiere in Panik flüchteten. Manchmal stieg sie auch auf einen Baumstumpf und hielt Reden. Sie machte die Kanzlerin für das Chaos verantwortlich. Nahles, muss man wissen, lebte in einem Paralleluniversum, in dem Vernunft Irrsinn war und umgekehrt. In dieser Ver-Stimmung schmetterte sie der Kanzlerin ein Lied entgegen. Ein einfaches Lied zwar, aber die Töne wollten ihr nicht so recht gelingen, nur der Text stolperte heraus. Alle hielten sich die Ohren zu als es erklang "ich mach mir die Welt - wie die wie die wie sie mir gefällt". Es schallte durch den Wald und dieses Lied war noch nicht einmal, wie alle dachten, auf sie selbst gemünzt. Na ja.

Nach dieser wundersamen Begebenheit suchte sich Nahles ein Herrchen. Schulz, so hieß Herrchen, lebte auch in einem komisch verdrehten Universum. Also lief Nahles dem Schulz hinterher. Herrchen Schulz war, wie das Wesen Nahles, immer gut für einen Ausrutscher oder Schläge auf den Hinterkopf. Und Herrchen führte die EsPeDeh, eine ganz alte Partei, zu einer historischen Niederlage. Toll.

"Die Kanzlerin hat eine krachende Niederlage erlitten. Sie sollte zurücktreten." sagte Nahles, das Wesen, deutete aber offenbar die Fakten irgendwie nicht so ganz richtig, denn Frau Merkel hatte die Wahl nicht verloren, sondern gewonnen, mit Verlusten, aber gewonnen.
Der mit der krachenden Niederlage war Herrchen Schulz. Der aber trat nicht zurück, sondern sagte: Jetzt ist endlich Schluss mit regieren! Folgt mir. Ich führe euch in die Opposition, da ist es toll! Und alle jubelten. Also im Paralleluniversum EsPeDeh. Und Nahles trippelte hinterdrein und kicherte: "Ab morgen gibt's in die Fresse."

Dann aber wurde Herrchen Schulz zum Präsidenten des Waldes gerufen. Der war auch mal EsPeDeh aber der musste dem Schulz erklären, dass es auch eine Verantwortung gibt. Nach dem Gespräch sagte Herrchen: Vielleicht sollten wir doch regieren. In der EsPeDeh jubelte jetzt kaum noch jemand, aber Schulz wurde wiedergewählt. Wegen der krachenden... nein, wegen der Prinzipienfestigkeit... nein, ach, keine Ahnung.
Und Nahles hüpfte und krähte:
"Die SPD wird gebraucht. Bätschi, sage ich dazu nur. Und das wird ganz schön teuer. Bätschi, sage ich dazu nur."
Und alle jubelten. Und die Tiere im Wald liefen davon.

Montag, 20. November 2017

Lindner Baby auf dem Nonstop Flug über den Ozean der Regierungsbeteiligung abgestürzt

Ein Nonstop-Flug über den großen Ozean der Regierungsbeteiligung - das gab's schon lange nicht mehr. Die FDP-Maschinen am Boden. Defekt. Keine Starterlaubnis. Also auf ein Neues. Die Mechaniker haben sich auf Frisur, Hemd, Dreitagebart und Auftreten des Lindner-Babys, also des Piloten, konzentriert. Dazu der neue Trend: Digitalisierung. So fliegt sich's besser. Auch ohne Flugzeug.

Die Zeitungen und Plakate zeigen das Baby beim Jacke anziehen, Smartphone betrachten, Am-Türrahmen-Stehen. In Turnschuhen. Kann es fliegen? Nein. Hauptsache die Performance stimmt. Alles in Schwarz-Weiß mit Schlagschatten. Das Lindner-Baby will sein Fläschchen, das heißt Spontaneität und Digitalisierung, Flexibilität, Startups, Innovation. Was das heißen soll? Nichts. Kann das fliegen? Nein. Das Lindner-Baby bleibt am Boden und behauptet es sei von der Konkurrenz zum Absturz gezwungen worden.

Dann der entscheidende Satz: "Lieber nicht fliegen als falsch fliegen." Toll. Ein spontan formulierter Satz des Lindner-Babys. Es kann nicht nur sprechen, sondern lernt diesen Satz auswendig - in 50 Tagen - und der wird veröffentlicht. Überall. Große Schrift. Eine Sekunde nachdem der Satz ausgesprochen ist, hat er schon eine Werbeplattform.

Das Lindner-Baby muss allerdings noch von den Überfliegern der SPD lernen. Da stand der Satz: "Schulz landet in der Regierung" im Netz noch bevor er ausgetauscht wurde durch den Satz "Wir fliegen erst gar nicht", bevor auch der sich als falsch erweisen sollte und ausgetauscht wurde durch: "Wir landen doch, aber ohne zu fliegen", bevor der ersetzt wurde durch "Wir sind gegen das Fliegen. Aber alle brauchen unser Flugzeug, Bätschi!"

Samstag, 18. November 2017

Wir werden dümmer

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Die Menschheit wird von Jahr zu Jahr dümmer. Der durchschnittliche Intelligenzquotient sinkt. Weltweit. Auf arte zeigt eine Dokumentation unter dem Titel: "Verlieren wir den Verstand?" welche Ursachen diese Entwicklung hat. Wenn wir uns in der Welt umschauen, erübrigt sich die Frage.

Mir kam so ein Verdacht spätestens seit Menschen in meinem Umfeld immer mehr Sprechschablonen aneinander reihen mussten, statt zu sprechen (ich sag mal so - sozusagen - am Ende des Tages - ein Stückweit - sag ich mal), und seit der Genitiv der Ersatz vom Dativ wurde und seit es heißt "isch geh Kino", oder seit immer mehr Götter angerufen werden, bevor Schüsse fallen, oder ein Präsident meint, wenn so viel geschossen wird, brauchen wir mehr Waffen, oder er behaupten darf, auf einem Bild, auf dem weniger Menschen zu sehen sind als auf einem anderen, seien mehr Menschen zu sehen als jemals zuvor, oder er sagt, er könne jeder Frau an die Pussy greifen weil er berühmt sei und kurz darauf behauptet, niemand respektiere Frauen so sehr wie er...

Ein anderer Staatslenker behauptet, Deutschland sei faschistisch, und auch Holland. Dessen Anhänger glauben das auch und rufen "Gott ist groß". Ein paar andere Leute hinter ihren Gartenzäunen glauben, die BRD existiere gar nicht und glauben auch, ihr Haus sei ein Königreich. Andere glauben wieder, die AfD sei nicht faschistisch, aber sie wählen die Partei, weil sie ihr Land zurück haben wollen und den Hitler und sie rufen auf dem Marktplatz "Merkel muss weg" und "Putin hilf uns".

Und Leute, die chemische Ersatzstoffe essen, weil sie gesund leben wollen und am Fahrrad vorne mit einer grell blinkenden Lampe den entgegenkommenden Fahrzeugen jede Möglichkeit nehmen, den Abstand einschätzen zu können, damit man sie umfahren kann um zu beweisen, dass der Helm hält was er verspricht, nämlich den Kopf und nicht das Hirn.

Mittwoch, 15. November 2017

Künste der Welt - gescheitert in Köln

Die Akademie für die Künste der Welt in Köln – auch so eine Geschichte fehlgeleiteter Kulturpolitik.

Die Welt in Köln. Keine lokale Bindung, aber großer Anspruch. Und wieder meint die Stadt Köln, hier möge ein Leuchtturm entstehen. Interkulturell. Klingt gut. Und schon gibt es eine Million. Eine Million, für die die gesamte freie Theaterszene seit Jahren vergeblich gestritten hat.

Die freien Theater sind einfach zu klein, haben keinen globalen Anspruch, nur diese überflüssige lokale Bindung und die Bedeutung für das Publikum, dazu noch eine Verankerung in der Heimat-Stadt. Die erste Theaternacht Deutschlands entstand hier. Köln hat eine besondere Vielfalt. Also weg damit. Es gibt sogar Theater, die spielen noch Theater. Etwa „Mutter Courage“ und nicht „Digging.the.fucking.brecht.mother - reloaded“. Keine Sorge, ist in Arbeit.
Aber die Sache mit den dotcom-Titeln führt eben nicht immer zum Erfolg, zum Image des Global Players in Sachen Kultur. Die Stadt Köln ist enttäuscht.
Die erste Konsequenz. Kein Leuchtturm, also Kürzung des Etats von einer Million auf € 600.000.-

Was geschieht überhaupt in dieser fast unsichtbaren Institution. Auf der Internetseite ist das übliche Kraut-Und-Rüben-Themen-Hopping zu sehen - in schrägem Design natürlich. Jung und dynamisch. Und farbig.
Natürlich sind die Performer gegen PEGIDA und natürlich wird in einer ‚Streitschrift‘ gegen ihre Urheber zu Felde gezogen, zu denen folgende Intellektuelle zählen sollen: Hans Magnus Enzensberger, Ralph Giordano, Monika Maron, Günter Wallraff, Necla Kelek, Henryk M. Broder, Hamed Abdel-Samad. Als intelligente Menschen haben die letztgenannten den gewaltverherrlichenden Charakter einer mittelalterlichen Religion kritisiert.
Die neue Kultur-Toleranz will das nicht zulassen.

Dass Dummheit und religiöse Verzückung, auch ohne in Gewalt münden zu müssen, der Vernunft und der Menschlichkeit entgegenstehen - diese Erkenntnis ist für jeden Humanisten eine Selbstverständlichkeit. Aber Aufklärung ist in der Akademie offenbar in Vergessenheit geraten. Vergessen ist überhaupt ein wichtiger Faktor der Kultur-Elite geworden. Alles heutig, gegenwärtig, kompatibel, alles wird im großen Topf verrührt.

Deshalb liest sich das Mantra der Akademie wie eine kabarettistische Überhöhung des stereotypen Wortgeklingels der Internet-Multikultur. „Digging the Global South“. Toll.
Oder „Pluriversale“ - das ist ein Fest. Da darf natürlich Milo Rau und seine Performance nicht fehlen.

Multikultur ist gut. Identität ist schlecht. Schemata. Das Geschwätz der neuen Kultur-Elite wird nicht mehr lange darüber hinwegtäuschen können, dass besonders diese Elite rechtes Gedankengut salonfähig macht und eine Kultur predigt, die von Populismus nur so starrt. Alles zum Event, alles zur Performance zu machen ist nichts anderes als Populismus. Der Feind: Die Erzählung, das Theater-Theater, Tradition, Ensemble. All das muss abgeschafft werden. Zu kompliziert, zu sprachlastig, zu sozial, zu sehr ‚Kunst‘.
Dafür werden Religion, Schamanismus, Tanz, Fakten-Check und Video durcheinandergewürfelt um als Cross-Over-Kultur auferstehen zu können. Mediale Zersplitterung wird gedanklichen Zusammenhängen entgegengestellt. Bislang war Identität immer ein Projekt vernunftbegabter Menschen. Auf der Seite der Akademie aber finden wir den Satz:  „Wie dekonstruiert sie (die Kunst) nationale Identität?“ Seit langem nicht mehr so einen reaktionären Satz gelesen. Reaktionär, links, Mann Frau, egal.

Als fortschrittlich galt noch vor Jahren, sich der Geschichte zu stellen, sich ihrer bewusst zu sein, Traditionen zu kennen, eine Bindung zur Geschichte herzustellen, um eben gerade denen entgegenzutreten, die immer schon Debatten beenden wollten, mit Sätzen wie „Ich hab nichts mit Nazis oder Krieg zu tun, ich war noch gar nicht geboren.“ Diejenigen, die so versuchen, sich und uns mit solchen Sätzen von der Geschichte zu isolieren, ja sich aus der Geschichte zu verabschieden - sie wollen, dass wir ohnmächtig im Hier und Jetzt trudeln. Und genau das wird noch gefördert von der ‚innovativen’ internetbesessenen Kultur und ihrer zwanghaften Gegenwärtigkeit. Und siehe da: Die dazugehörigen starren Bürokratien fördern natürlich genau diese Kultur, nur noch diese Kultur, weil das so modern klingt und sich niemand mehr Gedanken machen muss um Qualitätskriterien. Und schau an: Auch die Medien verbraten nur noch Beiträge über Erregungskultur. Sonst laufen die Leute weg. Oder schalten ab. Sie sind das Volk.

Als es noch um Kultur und Debatte ging, als die Kunst noch eine eigene Sprache pflegte, haben wir entgegnet: „Wir müssen entdecken, was uns durch unsere Vorfahren, unsere Geschichte und Erziehung zu denen gemacht hat, die wir sind. Was macht unsere Kultur aus? Wir können erforschen wer wir sind, um danach auch besser wissen zu können, wohin wir gehen. Nur durch die Kenntnis der Verbrechen und das Verständnis ihrer Wurzeln konnten wir uns gegen die Verbrecher wenden.

Das sehen nicht alle so. Vor kurzem trat eine Frau im Magazin ‚aspekte’ auf, Sasha Marianna Salzmann, sie arbeitet im Gorki Theater in Berlin, um auf die begeisterte Feststellung der Kultur-Moderatoren, sie sei Jüdin, Russin, Theaterfrau, Queer... unter nervösem Gestikulieren klar zu machen, dass Identität keine Rolle spiele, dass Identität flexibel sei. Jüdin oder auch nicht, Frau oder nicht... Russin? Sie könne alles sein. Alles flexibel, alles beliebig, jedes Geschlecht, keine Sprache, keine besondere Verantwortung.
„Man kann natürlich sagen ich bin das das das das“, sagt sie in einem Einspieler, „Ob das etwas über mich aussagt, das bezweifele ich.“
Das ist der Irrsinn eines Kultur-Geplappers, das in eben solchen Worten einen reaktionären Kern enthüllt, der aber offenbar nicht als reaktionär wahrgenommen wird.
Ich habe spontan gedacht: Die hat sie nicht mehr alle. Und der Moderator schwieg. Natürlich. Immerhin macht sie experimentelles Theater.

Niemand wagt auszusprechen, dass hier eine gefährliche, verantwortungslose, rechte Gesinnung zu Markte getragen wird. Hier hätte ein Mensch, eine Frau, Profil schärfen können, stolz sein können auf ihre Wurzeln, auf ihre Identität. Frau, Russin, Jüdin. Aber nein.
Es stimmt schon: Gesichtslosigkeit, Gesinnungslosigkeit und Geschichtslosigkeit, sind Markenzeichen des zeitgenössischen Kulturbetriebes geworden.
Keine Geschichte, kein Theater, keine Sprache. Stattdessen performative Austauschbarkeit.
Das Gorki Theater erhält folgerichtig einen Theaterpreis wegen seines „performativen und diskursiven“ Programms, seine Schauspieler aus allen Teilen der Welt, spielten sich heraus „aus Schubladen, Zuschreibungen und (Gender-)Eindeutigkeiten“. So heißt es tatsächlich in der Begründung der Jury. „Identität ist für sie keine fixe Kategorie, sondern die Möglichkeit, sich immer wieder neu zu betrachten und zu hinterfragen.“ Immer neu hinterfragen.
Der Kulturbegriff dieser Leute hört sich schon seit Jahren an wie die Therapiestunde gescheiterter Sozialarbeiter.

Dafür steht auch die Akademie. Künste der Welt? Nein. Deutsch-pubertierende Künstler mit Migrationshintergrund sind nicht 'die Welt'. Postkolonial? Nein.
Ein Sammelsurium medienkompatibler Veranstaltungen, die Kulturschaffende aus der eigenen Stadt ausgrenzt, ignoriert, eine solche Mixtur setzt eher Maßstäbe der Kolonisierung des gesamten Kulturbetriebes unter korrekte Überschriften. Debatte? Nein. Ausstrahlung? Null.
Und jetzt? Kolleginnen und Kollegen, die sich selbst so gerne als Leuchttürme sehen, mindestens aber die Zuschüsse dafür einstreichen wollen, erklären sich solidarisch und wenden sich gegen die Kürzung. Haben sie Sorge, dass auch sie betroffen werden könnten. Ich habe eher Sorge, dass es bald keine Kunst mehr gibt.

Ein klares: Geld für die Kunst.

Dienstag, 7. November 2017

Aufschrei - zum wievielten Mal?

Früher, in den 50ern hatten die Frisuren der Frauen festen Sitz, in den 60ern ihre Haltung, in den 70ern gab's dann auch festen Sitz für ihre Stimmen.
Heute flattert, zumindest in den Medien, ein Chor von Entenstimmen in luftige Höhen – ein einziges Quaken und Zwitschern. Vöglein, Mäuse, Bärlis und Enten. Erinnert ein wenig an die Sendung mit der Maus, wobei Erklärungen in der Sendung mit der Maus nicht so infantil daherkommen wie der ganze Hashtag-Zirkus. Das Hashtag-Gezwitscher erweist der Sache der Emanzipation einen Bärendienst, einen Bärchi-Dienst. Emanzipation. Allein das Wort.
Früher war der Kampf um die Emanzipation eher unverständlich, es musste außerdem auch immer umständlich formuliert werden: Nieder mit der Unterdrückung und Ausbeutung der Frau. Schluss mit Gewalt gegen Frauen. Das versteht doch sowieso keiner mehr. Und wenn doch: eins in die Fresse.

Früher war auch nicht alles besser. Ich kann mich noch erinnern, in den späten 60er Jahren wurde alles faschistisch genannt, was nicht bei drei unter einer roten Fahne stand. Jeder war Faschist, der zum Beispiel Schlager hörte und jede war Faschistin, die Kitschfilme sah. Stellen Sie sich das mal heute vor. Wir hätten ein ganzes Land voller Faschisten. Kurze Pause zum Nachdenken.

Aber schon damals allerdings mahnte manch kluger Kopf, in Wahrheit würden die Opfer faschistischer Gewalt so denunziert und die Verbrechen klein geredet. Wenn dieses Etikett überall auftauche, wenn jeder Faschist sei, könne niemand mehr den Unterschied erkennen. Lange her. Wir sollten gelernt haben.
Aber nein. Der digitalen, skandalorientierten Kommunikation fällt alles zum Opfer.

Ein Aufschrei. Ein Hashtag. Ein Hashtag jagt den nächsten. Eine Welt voller Hashtags. Hashtag Aufschrei, Hashtag MeToo. Ist die Welle durch, kommt der nächste Aufschrei. Ändern wird sich (natürlich) nichts. Aber schön, dass wir mal drüber geredet haben.

Und dass wir wieder einen Pranger haben. Alle Sexisten, vom Kussräuber bis zum Kniehandaufleger, vom Minister bis zum Hollywood-Schauspieler, stehen am Pranger – der berühmte amerikanische Schauspieler will dem noch entgehen und outet sich als homosexuell, als ob das eine Entschuldigung wäre. Es gibt eine Anklage, aber noch keine Beweise und auch kein Urteil. Trotzdem werden Dreharbeiten beendet, Verträge gelöst, Filme aus dem Programm genommen, Szenen mit ihm herausgeschnitten. Die Schriftstellerin Thea Dorn sagt in einem Interview: „Das ist ein neuer Totalitarismus, der da heraufzieht, ein moralischer."

Der britische Verteidigungsminister Michael Fallon tritt zurück, weil er einer BBC-Journalistin vor 15 Jahren bei einem Dinner ans Knie gefasst haben soll. Ob er vielleicht vor wenigen Jahren Kriegseinsätze befahl oder Waffengeschäfte einfädelte? Das steht natürlich auf einem andern Blatt.
Überall werden Demütigungen toleriert, Gewalt als gegeben hingenommen, aber, wie schon in Amerika, kann jede Berührung zum kriminellen Akt werden, zum Gewaltakt. Nur durch einen Tweet. Erst dann: Rücktritt.

Alles schlimm, alles Hashtag, kein Unterschied. Vergewaltigung, Witz, Knie – egal. Ja, das Netz kriegt alles klein.
Bald nach den Hashtags kommt die Hashtag-Übersättigung und in der Folge eine Zeit des Schweigens – #schweigen. Komisch: Nach den massenhaften sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln gab es nur den Hashtag #einearmlänge. Und #Rassismus.
Und dann? Gehen alle nach Hause. Und dann geht es im Netz und auf dem Boulevard wieder weiter nur um Brustvergrößerungen und Mode-Tipps. Normal. Die Kids hören Schlager und die Frauen schauen Kitschfilme. Ohne Faschisten zu sein. Und im Dunkeln wird weiter gegrapscht. So ist das Leben.

Der Hashtag verhallt in leerer Luft und psychisch kranke Einzeltäter, wie Donald Trump, bleiben weiter unangetastet. Wie immer. Es bleiben: Geschichten und Skandale. Wie immer. Irgendwann weiß keiner mehr, wo Wahrheit und wo Lüge stecken. Wie immer. Ergebnis? Ein paar Karrieren gehen zu Ende. Gegen manchen Promi wird ermittelt. Das war's. Was bleibt? Der Hashtag.

Dienstag, 17. Oktober 2017

Tod auf Malta

Die bekannteste maltesische Bloggerin Daphne Caruana Galizia ist durch eine Autobombe getötet worden.

Die "Panama Papers" bestätigten 2016 Enthüllungen, die von Daphne Caruana Galizia, einer kritischen Bloggerin, über umfangreiche dunkle Finanzoperationen, über Malta als Paradies für Steuerhinterzieher, beschrieben worden waren. Auch die Verwicklungen zweier zentraler Mitarbeiter von Maltas Premier Joseph Muscat hatte sie aufgedeckt.

Der letzte Eintrag am 16. Oktober 2017 auf ihrem Blog endet: "Da sind Gauner, wo du auch hinschaust. Die Lage ist verzweifelt." Um 14.35 Uhr gepostet. Um 15:00 Uhr war sie tot.

Der letzte Blog-Eintrag von Daphne Caruana Galizia


Die "Süddeutsche" schreibt: "Konrad Mizzi, damals Energie- und Gesundheitsminister sowie Vorsitzender der Labour Party, und Keith Schembri, Muscats Kabinettschef, sollen Offshore-Konten in Panama und Trusts in Neuseeland eröffnet haben.

Den Steuerbehörden daheim meldeten sie nichts davon. Fragwürdig war das auch, weil beide Politiker ihre Konten und Trusts einrichteten, kaum waren sie an die Macht gelangt. Zunächst beklagten sich Schembri und Mizzi über die Vorwürfe der Bloggerin und taten sie als parteiische Fantasterei ab. Als dann die "Panama Papers" veröffentlicht wurden und ein internationales Publikum von den Anschuldigungen erfuhr, wuchs der Druck auf die Regierung."
Über den Auftritt Schembris vor dem Richter schreibt Daphne Caruana Galizia in ihrem letzten Blogeintrag: "Dieser Gauner Schembri war heute im Gericht und plädierte, dass er kein Gauner sei."

Dienstag, 3. Oktober 2017

Kultur - ich bin optimistisch

Tag der deutschen Einheit. Nach der Wahl. Das wäre doch eine Gelegenheit für Kultur. ODER?
Mal schauen. Eine Show. Moderiert von Kiwi, der weiblichen Hüpfburg und unerträglichen Quasseltante, die sonst Volksmusikanten durch den ZDF-Garten scheucht. Das ZDF will aber an diesem Tag auch die jungen Scheintoten erreichen. Also sind die Gäste der Show natürlich hippe Hütchenträger, deren werbekompatibler Nöhl- und Nuschel-Pop so austauschbar klingt, dass alle zufrieden sind und niemand mehr unterscheiden kann, ob Max Giesinger oder Max Giesinger auf tanzenden Frauen herumreitet.
Und der Osten? Was servieren wir dem Osten? Jan-Josef Liefers, weil der eben aus dem Osten kommt und im Tatort spielt. Er darf zeigen, dass er auch ein Hütchen tragen und nicht singen kann, seine Frau röhrt derweil in einer Kult-Ost-Band. Himmel. Schnell zurück in den Westen. Mary Roos und Thomas Anders führen in einer Art modern talking durch ihre Heimat. In Einspielern. Dann das nächste Hütchen, ein als Lockenkopf getarntes Hütchen namens Wincent Weiss - Wahnsinn - Wincent mit W - Wincent darf unter Beweis stellen, dass seine Allgemein-Kitsch-Texte noch blöder sind als die von Giesinger mit seiner Sonne-Mond-Und-Sternchen-Poesie. Hauptsache Oh oh oh ohhh zum Mitgrölen. Das ist Kultur.
Nein. Stopp. Ich bin optimistisch.

Und sie bewegt sich doch. Die Kultur. Auch wenn das niemand mehr glauben kann. Auch wenn sie nicht mehr auftaucht, nicht mehr zu sehen ist, als Thema nicht mehr vorkommt. Sie kommt im Netz nicht vor, sie kommt in den Nachrichten nicht vor. Und wenn wir allein den Medien glauben wollen, dann befinden wir uns im Krieg und die Kultur liefert die Geräuschkulisse zum Kampf. An der Kulturfront taucht Kultur auf, als Kampfbegriff, als 'Leitkultur', oder wenn sich die Frage stellt, was deutsche Kultur überhaupt sei. Na? Mal überlegen. Keine Burka und keine Steinigungen. Das ist doch mal was. Da wissen wir zumindest Bescheid, was sie nicht ist.

Was ist mit dem Journalismus? Wo bleibt der kritische Kulturjournalismus? Doch. Es gibt ihn noch. Im Feuilleton der 'ZEIT' und der FAZ taucht Kultur unter den Rubriken Bücher und Film noch auf, dagegen beim Fußvolk, also in Provinzblättern, nur noch unter Event und Performance, oder in meiner Heimatstadt unter 'Köln'. In den Online-Ausgaben finden wir sie getarnt unter 'Party', 'Ausgehen' und 'Lifestyle'. Und die Rubrik Theater kommt in den Medien nur noch vor, wenn sich die Moderatoren verkleiden dürfen, um in einer performativen Performance aufzugehen (so gesehen bei 'aspekte'), oder auch wenn es wieder einmal um Skandale geht (Fördergelder für internationale Festivals verschwinden in dunklen Kanälen, Sanierungskosten explodieren oder eine performative Gruppe besetzt die Berliner Volksbühne).

Die ZEIT schreibt am 20. September: "Weshalb muss die Kunst verschwiegen werden?
'Alles Wichtige vom Sport ...Werbung und Wetter folgen. Die Werbung sagt uns, was wir jetzt noch zum Wohlfühlen brauchen, und die Wetterprognose verrät uns einigermaßen treffsicher die Zukunft. Und ausgerechnet die Kultur soll keiner täglichen Meldung wert sein?" Genau.

Und politisch? In den Parteiprogrammen ist Kultur schon gar kein Thema, keine Frage dazu im Wahl-O-Mat, kein Politiker wagt von Kultur zu sprechen im Land der Dichter und Denker. Er würde sich ja lächerlich machen. Flüchtlinge, Steuern, Digitalisierung, das reicht.
Den Rest übernehmen andere. Gewalttäter im Dunstkreis der AfD haben schon einmal angefangen, den Intendanten der Schaubühne zu jagen, ihm die Scheiben einzuschlagen. Wen interessiert's?
Kleiner Hinweis: So beginnt Machtergreifung, nicht durch Wahlergebnisse... Sie wollen ausmisten, sie wollen niederbrüllen, sie wollen erst das Flüchtlingsheim, dann den Reichstag anzünden.

Trotzdem:Ich bin optimistisch.
Bei uns im Theater, im TAS Köln, spielen drei Frauen drei Insekten, die die Apokalypse überlebt haben und Menschen spielen. "Lasst uns also Menschen spielen - und wie sie das Herzchen fühlen". Die Käfer - Das rote Album. Ein melancholisch- skurriles Endzeitstück mit Musik, eine Uraufführung. Das Neue: Zum ersten Mal erschien überhaupt kein Pressevertreter zur Premiere.

Trotzdem bin ich optimistisch. Die ZEIT liefert Fakten: "Es gibt in Deutschland jährlich ungefähr 35 Millionen Besucher in 126.000 Theateraufführungen und 9.000 Konzerten. Es gibt rund 140 öffentlich getragene Theater, 220 Privatbühnen, 130 Opern-, Sinfonie- und Kammerorchester, 70 Festspiele, 150 Theater- und Spielstätten ohne festes Ensemble, 100 Tournee- und Gastspielbühnen ohne festes Haus plus eine unübersehbare Vielzahl freier Gruppen. Und es gibt gut 110 Millionen Besucher in 6.358 Museen. Es gibt Kinos, Popkonzerte, Literaturhäuser, Galerien, Chöre, Laienorchester, Musikschulen, Malkurse, Kunstvereine, es gibt Bibliotheken mit Myriaden von Nutzern, Freunden, Förderern, Sponsoren und, und, und."

Ja, ich bleibe optimistisch. Ja.

Montag, 2. Oktober 2017

Was gibt's Neues?

Es kam wie es kommen musste und so kam es dann auch. Wir erlebten die Wiedergeburt einer Nazi-Partei: Die Wütenden, die Abgehängten, sie haben so lange geschrien und getobt, bis sie wählen durften, bis zum ersten Mal seit Kriegsende Nazis in den Bundestag einziehen können, die die Kanzlerin oder wen auch immer "jagen" wollen, die die 'Schwatzbude' Parlament ausmisten wollen, die wieder stolz auf die Wehrmacht sind, die sich Volk und Land zurückholen wollen.

Im Westen 13 % - im Osten 23 % - In Sachsen 33 % - Im Erzgebirge stärkste Partei - nicht nur je bildungsferner die Wählerschaft, desto höher der Prozentsatz, auch je mehr für die Ost-Deutschen erkennbar wurde, dass die versprochenen blühenden Landschaften öde Landstriche blieben und zum Teil überhaupt erst Brachland wurden... sie machten nicht etwa Kohl dafür verantwortlich, sondern 'den Westen', deshalb brüllten sie "Putin hilf", Schuld waren 'die da oben', sie stecken sowieso alle unter einer Verschwörungsdecke und - vor allem alle Fremden, die werden gerettet, der Osten nicht. Merkel ist Schuld, Merkel muss weg. Ein Schock aus dem zu lernen ist.

Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte uns ein wichtiger Teil demokratischer Kultur abhanden kommen? Selbst der Präsident einer Weltmacht pöbelt nur noch über Kurzmitteilung. Mit der Zeit wird klar, was die Kommunikations-Schnellschüsse, was das 'Netz' anrichtet. Die Meinungsgesellschaft verblödet in Hashtags und twittert sich zu Tode. Sie hat sich in den letzten Monaten, wie ein Tornado, immer schneller um ein Auge des politichen Nichts gedreht. Die Massenmedien haben einen großen Anteil daran, dass sich diese Windhose immer schneller drehen konnte und an Zerstörungskraft zunahm.
Auf der einen Seite müssen wir den Journalismus verteidigen: Die typische Hetze gegen 'Lügenpresse' kommt genau von denen, die aus Prinzip lügen, betrügen, verwirren und einfach nur verhindern wollen, dass ihre Machenschaften aufgedeckt werden. Eine freie Presse ist das Herzstück einer Demokratie.

Auf der anderen Seite: Kritik an den Medien ist wichtiger denn je. Denn der kritische Journalismus scheint den Geist aufgeben zu wollen, schon lange wird das Fernsehen mehr und mehr zum Boulevard, zur Plattform für aufgepumpte Satzfragmente und immer schnelleren Takt an Erhitzung durch Skandalisierung. Besonders die Talkshows, auch die politischen, von Illner bis Will sind für die Einschaltquote immer mehr zum Gruselkabinett verkommen. So sahen die Fernsehzuschauer während des Wahlkampfes die Hetzer und neuen Nazis in jeder Talk-Runde sitzen. Und nach jeder Provokation wurden sie abermals in die Shows eingeladen um sich zu rechtfertigen. Sie saßen und quatschten, bis jeweils zu inszenierten Empörungs-Abgängen und anschließenden Tweets. Und dann saßen sie wieder da und konnten als Wortführer der Wortverdrehung wortreich betonen, so sei das nicht gemeint, das sei gelogen, das sei entstellt, das sei typisch, sie wollten erst einmal ausreden dürfen, sie seien nicht extremistisch - um im nächsten Augenblick wieder, nach einem Einspieler, eine Nazi-Hetzrede kommentieren zu dürfen und zu behaupten, das sei natürlich aus dem Zusammenhang gerissen. So türmte sich ungehindert eine Propagandaschicht auf die nächste, von hilflosen Versuchen der anderen Talkgäste flankiert, Vernunft walten zu lassen. Dazu kamen Ungarn, Österreicher oder Sprachrohre der Erdogan-Diktatur. Überall nur noch populistisch- rechtsnationales Geblöke. Die Talkmasterinnen - hilflos. Das Ergebnis kennen wir.

Und dann noch die Lawine von Umfragen bis dicht an den Urnengang. Eine Lawine, die dazu beigetragen hat, dass immer mehr Menschen einfach das, was die Umfragen schon vorgaben, auch tatsächlich wählten. Ein bisschen mehr Protest, mehr Grün, mehr Gelb. Und vor allem: noch mehr Wut.

Und jetzt ist schon die nächste Medien-Kampagne losgetreten: Mutti habe nicht verstanden, sie habe eigentlich verloren, sage aber trotzdem, sie wolle sich treu bleiben. Ich bin froh, dass sie sich treu bleibt, und nach wie vor nichts daran ändern will, Obergrenzen und anderen Schwachsinn nicht mitmachen zu wollen. Und es ist nun einmal so: Sie hat die Wahl, auch mit Verlusten, tatsächlich gewonnen. Sie wird Kanzlerin und alle sollten, auch sie, politisches Handeln am Volk orientieren, am Volk und nicht an denen, die 'Wir sind das Volk' brüllen und anschließend ein Asylbewerberheim anzünden. Also Schnauze, CSU. Nächste Umfrage: Die Kleinen werden noch größer. Und in der nächsten Talkshow, bei Lanz, sitzt der Oberhetzer der AfD.

Und die SPD? Die größte der Kleinen? Nachdem die Schulz-Partei alles falsch gemacht hat, was man nur falsch machen kann, feiert sie unverdrossen den 100%-Vorsitzenden und bejubelt ihn. Rücktritt? Nach einer Erdrutsch-Niederlage? Nie und nimmer. Ich mach mir die Welt wiediewiediewiesiemir gefällt. Jetzt Opposition. Aber richtig. Kein Wunder dass Schulz in der großen Runde vollkommen die Contenance verliert und das Rumpelstilzchen macht. Ach wie gut dass niemand weiß, dass ich Opponentenschulzi heiß'. Frau Merkel lächelt, schüttelt leise den Kopf und denkt an Schröder.
Frau Nahles, von der wir schon wissen, dass sie oben zitiertes Lied nicht singen kann, lässt sich vom großen Vorsitzenden aufstellen und spricht Klar-Tweet: Ab morgen gibt's in die Fresse. Au weia. Und die SPD-Wähler glauben, ihre Partei könne sich in der Opposition erneuern. Klar. Mit dem jungen, erfolgreichen, neuen Vorsitzenden... In vier Jahren kämpft die SPD nur noch mit der 5% Hürde.
Sagen die Umfragen.

Montag, 18. September 2017

Das Theater wird abgeschafft

Vor langer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, gab es im Kino Breitwand und Technicolor, die Alternative war das Theater. Es regte unsere Phantasie auf besondere Weise an, erzählte von fernen Räumen, nahe liegenden und nahe gehenden Konflikten, von Königen, Eheleuten, Kobolden, wie in allen Zeiten - und es waren dort Figuren zu beobachten, die menschlich agierten, über die wir lachen oder staunen konnten. Vorbei.
Heute beherrschen spartenübergreifende Mixturen, angereichert von Lärm und Video die Bühnen des Landes.

Seit Jahren, fast Jahrzehnten, toben sich Eventmanager, Performer und Experimentierer in den großen und kleinenTheatern aus und behaupten, erst mit Recherche gäbe es Realitätsnähe und nur mit der Abbildung von Realität würde sich Aktualität einstellen. Nur das sei innovativ. Welch ein Irrtum. Jedem Trend, jedem politischen Skandal reflexartig hinterherzulaufen, kreiert eine Art populistisches Pop-Theater. Nichts anderes.
Im Ergebnis wird so jedes Theaterschiff gegen die Kaimauer gefahren.

Die freien Theater (im Grunde die Erfinder des verstörenden Experiments), werden flächendeckend nur noch gefördert, wenn sie die hysterischen Zustände der Stadt- und Staatstheater ordentlich imitieren und jedes Thema, jede Textfläche zum Steinbruch für experimentelle Hohlräume umbauen. Doch zurück in die Belle Etage.

In Berlin ist nun der Ost-Wahnsinnige und Berserker Casdorf von einem Eventmanager (dem belgischen Kurator Chris Dercon) ersetzt worden, dem Berliner Ensemble steht Oliver Reese vor. Ein Fortschritt?
Vom Stückespielen halten beide nichts. Ein Beispiel aus dem Zentrum der Eitelkeiten.
Zwei lustige Intendanten attackieren in Berlin das Theater gleich von zwei Seiten.

Der Journalist Simon Strauss war für die FAZ dabei, staunte und schrieb unter anderem:
"Ein großer Teil der Theaterszene bewegt sich im Moment in Richtung spartenübergreifender Performance, so dass auch ein Erdrutschsieg ihrer Fraktion – anders wird man die Übernahme der Volksbühne wohl nicht bezeichnen können – kaum überraschen darf. Die Frage, was diese neue Spitzenstellung der experimentellen Theaterhaltung an künstlerischer Innovation bringt, bleibt allerdings weiter offen...
Reese ... ging unter dem wertkonservativen Berliner Theaterpublikum sofort auf Stimmenfang und sprach vom 'postdramatischen Fieber' und der Missachtung des 'well-made play'. Dercon dagegen definierte das Theater umständlich als einen 'Ort, wo die Kommunikation der Gesellschaft sich präsentiert', und wies vor allem auf dessen Charakter als 'Begegnungsstätte' hin. Er kündigte eine Auflösung der Grenzen zwischen den Sparten Theater, Tanz und bildender Kunst an und stellte eine Reform der unbeweglichen 'Theater-Maschinerie' (mit anderen Worten: des Ensemblegedankens) als unausweichlichen Schritt in die Zukunft dar...
Den Vorwurf des Traditionalismus wollte Reese nicht auf sich sitzen lassen und verwies auf den radikalen Ausschluss von Klassikern aus seinem Spielzeitprogramm."

An dieser Stelle denke ich nur noch 'Oh Gott', seid ihr alle verblödet oder werdet ihr dafür bezahlt dem Theater den Todesstoß zu geben? Wahrscheinlich beides. Aber weiter im Text:

"In den alten Stücken fänden sich, so argumentierte ernsthaft ein ehemaliger Dramaturg, keine Antworten mehr auf die drängenden Fragen unserer Zeit. (Wieso muss eigentlich jeder etwas zu Klimawandel und Migration sagen?) Deshalb sei ein Fokus auf die Gegenwartsdramatik unausweichlich. Jetzt war es an Dercon, sich als Bewahrer zu inszenieren. Euphorisch verwies er auf die Rekonstruktion einer alten Beckett-Inszenierung, die bei ihm auf dem Programm stehe, weil sein Haus eben 'weniger an Aktualisierung als an Archivierung' von Theater interessiert sei.
... Dercon attestierte Reese einen ökonomisch getriebenen Produktionswahn – 'Bei Ihnen werde ich ja schon vom Zuhören ganz erschöpft'...

Es ging dann noch eine ganze Weile um die Frage, was wichtiger sei: das Nachdenken über Form oder Stoffe, Narration oder Ästhetik... Dercon meinte, dass sich die großen Themen der Zeit nicht durch 'große Geschichten' erzählen ließen (mit kleinen Theorien wird es besser gehen?), und Reese, von Dercons Polemiken etwas angeschlagen, kam nur noch mal auf den Eigenwert des Spiels zu sprechen. Am Ende trennten sich die beiden Kontrahenten punktgleich unentschieden."

Ich gehe schon nach dieser Lektüre fast KO. Jetzt brauche ich nur noch ein paar Zeilen Kulturentwicklungsplan der Stadt Köln und einen Absatz Förderkonzept (vielleicht der mit dem 'Experimentellen Theater'), dann... nein, ich gehe nicht zu Boden.
Wir werden aber weiter Theaterstücke spielen. Das Publikum liebt sie. Und wir lieben das Theater.
Wir brauchen gerade heute ein, zwei, viele unbeugsame Dörfer.

Donnerstag, 7. September 2017

Junger Wahlkampf

Nichts wie hinterher! Hip, cool, Netz, jung, geil. Plötzlich sind auch Politiker jung. Seht euch die Plakate von Lindner an. Jung und hip. Und siehe da, nein, es ist kein Katzenvideo, es ist ein Schulz, der einem Mädchen Fragen beantwortet. Alles jung. Nur die Antwort könnte jünger sein. Massentierhaltung könne nur gemeinsam mit der europäichen Union... Das Mädchen ist irritiert. Wenn das so kompliziert ist...
Nihan fragt Schulz

Die Youngster, die sich normalerweise filmen, während sie an Haar- und Modetipps arbeiten und dafür Millionen ‚Follower‘ sammeln, nennen sich YouTuber und sprechen neuerdings für die Jugend. Jetzt machen sie nicht nur Haare, sondern auch noch Politik. Noch eine Frage an Schulz: „Was war der größte Mist, den sie gebaut haben?“ - Interessante Frage. Aber Schulz bleibt auf bekanntem Niveau. Er habe einmal Waschpulver ins Freibad geschüttet. Im Wahlkampf? Wer denkt sich solche Fragen aus, wer sind diese YouTuber, die mittlerweile schon in Talkshows auftreten?

Damit die Follower wissen, wo’s lang geht, nennt sich einer von ihnen einfach Mr. Wissen. Nein, Mr. Wissen to go! Quatsch, noch besser: MrWissen2go! Ja. Mehr braucht es auch nicht, um alles zu wissen über Mr. Wissen... Wissen to go. Früher hieß das: Zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus. Oder noch besser: doof bleibt doof...

Montag, 4. September 2017

Fernseh Duell

Vor dem Duell (erster Lacher) zwischen Merkel und Schulz setzte die SPD schon am frühen Morgen ins Netz, Schulz habe das Duell gewonnen (zweiter Lacher). Nach dem Duell sah es umgekehrt aus. Realität schlägt Fake (dritter Lacher).

Den letzten Lacher aber löste ein Balken aus. Die übliche Befragung danach (wie war’s?) ergab tatsächlich, dass Schulz in einem wichtigen Punkt dann doch vorne lag: Eine Mehrheit meinte, er habe sich besser geschlagen, als erwartet. Offenbar haben diese Leute ihn vorher für einen Vollidioten gehalten. Viel Spaß bei der Aufholjagd.

Samstag, 29. Juli 2017

Das Ende der Kunst

Die dicke Frau mit der rotgefärbten Kurzhaarfrisur, die vor die Presse trat, war eine der Sprecherinnen der deutschen Sektion der NOOOAAJUFOCMUCOP (Non Official Organisation Of Arts And Justice For Creative Multi Colored People). Sie sprach in ihrem Statement davon, dass die meisten Sektionen ihrer Organisation bereits ein Jahr nach ihrer Gründung ein stückweit gut aufgestellt seien und dass Künstlerinnen und Künstler endlich einer Quotenregelung für Kunst der Ureinwohner, wie auch für Kunst von politisch Verfolgten, für Kunst von Schwulen und Lesben, von Gender-, Frauen-, afro-amerikanischer, indogener, antifaschistischer- und Volks-Kunst ein großes Stück näher gekommen seien, dass nun die Betroffenen selbst in Selbstbestimmung ihre eigene originäre Kunst schaffen und zeigen könnten, ohne ertragen zu müssen von selbstherrlichen, selbst ernannten 'Künstlern' weiter zu Objekten degradiert zu werden.

In dem Zusammenhang wies sie darauf hin, dass es endlich auch gelungen sei, die Bilder des Malers Gauguin aus den Museen entfernen zu lassen. „Sie gehören verbannt und verbrannt“, sagte sie der eifrig auf Sätze wartenden Presse. Zugegeben, ein griffiger, zitierfähiger Spruch. Alle fingen an zu schreiben. „Diese Art von Bildern sind politisch nicht mehr haltbar.“ Alle blickten auf.
Opfer von Gauguin: Frauen auf Tahiti
Sie seien, sagte sie weiter, typischer Ausdruck eines eurozentristischen, rassistischen Weltbildes, das sich in einem typisch arroganten, voyeuristischen Blick auf die Ureinwohner manifestieren würde.
Die neue Ausstellung „Wir sind anders“ würde endlich ausschließlich mit authentischen Werken der Ureinwohner bestückt werden können.
„Bunt, stark und authentisch“ sei das Motto.

Ob die patriarchale Religionskunst nicht auch auf die Liste gehöre, fragte ein interessierter Journalist und ein anderer, wann denn dann mit der Sprengung des Kölner Doms zu rechnen sei.
Die dicke Frau explodierte. Das sei die typische Art einer verlogenen Main-Stream-Presse, die gerechten Anliegen von Betroffenen in den Schmutz zu ziehen, giftete die Sprecherin.

Andere Sparten seien schon weiter. Auf den Theaterbühnen des Landes gäbe es schon lange, statt unverständlicher, wirklichkeitsferner 'Dichtkunst', das Recherche-Theater, in dem die Betroffenen selbst, die Flüchtlinge, Arbeitslosen und diskriminierten Minderheiten zu sehen seien, um unmittelbar ihre Geschichten selbst zu erzählen. Man müsse sich nicht mehr mit verstaubten Königsdramen den Blick auf die Fakten verstellen lassen. Ein Dichter habe nur dann noch aktuelle Kraft, wenn er mit zeitgenössischen Texten verbunden sei. Das neue multi-mediale, interaktive Theater sei Vorbild und Beispiel genug für jede Kunst, sagte sie und beendete die Pressekonferenz, ohne weitere Fragen zu beantworten.

Freitag, 21. Juli 2017

Dem Erklärbär kannst du nicht entkommen

Ununterbrochenes Meinungs-Geplapper. Im Fernsehen haben Lieschen, Fritz, Ahmed, Fatima und Niköööö auf jeden Fall und überall ein Mikrööö vor der Nase und produzieren Meinungen. Meinungen zu Syrien, Burka, Wetter, Waschmittel, Wahlen, Kindesmissbrauch, Unfällen, Bränden und Preisen. Dazu werden jeden Tag fünfzig neue Bücher mit Meinungen über, sagen wir, Gerechtigkeit oder gesundes Essen oder Wege zum Glück, auf den Markt geworfen. Noch verwaschener, korrekter, sauberer und antiseptischer als in unseren Zeiten geht es kaum noch.
Wo ist der Dreck geblieben, der Witz, wo bleiben die Geschichten, die Theaterstücke, die surrealen Bilder?

Es ist grauenhaft. Von überall her werden wir mit Realität konfrontiert, mit Authentizität, wir werden von Fakten, Daten und Zahlen eingekreist, mit Statistiken und Binsenweisheiten beworfen. Gegen den Hass, für die Liebe, gegen Rassismus, für die Buntheit, für die Wahrheit, gegen die Lüge, für das Gute, gegen das Böse. Unfassbar. Teilen, teilen, teilen. Wir gehen unter im Kugelhagel der Meinungen. Bewusstlos. Stopp. Fakten-Check. Aber die Fakten im Fakten-Check sind falsch. Was nun? Egal. Alle glauben alles.

Wir Intellektuellen aber wissen: Weniger glauben, mehr wissen. Also: Statt lachen zu dürfen, sehen wir das lehrreiche Recherche-Kabarett. Hier bekommen wir die Statistiken auch noch erklärt: soundsoviel Prozent im Land besitzen soundsoviel, und nur soundsoviel Prozent besitzen soundsoviel. Bedeutungsschwangere Pause. Kreischen, hysterischer Applaus.
Also gibt es statt Kabarett: Neues aus der Anstalt, statt Satire: Mann, Sieber! Statt politischer Analyse: Carolin Emke, statt Unterhaltung: Hirschhausen, statt Nachrichten: heuteplus, statt Essen die nächste Kochshow. Wahnsinnig authentisch. Nur dass es nichts zu lachen, nichts zu riechen und nichts zu schmecken gibt.

Das alles lässt sich auch kurz zusammenfassen. Alles ist Hashtag: #kurzerklärt.
Überall wird erklärt, erklärt und nochmal erklärt. Hauptsache erklärt. Hauptsache Fakten, Fakten, Fakten.
Auf dem Schirm erscheinen Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren, schwarz vor rotem Hintergrund, tauchen auf und verschwinden wieder. Sprechblasen und Pictogramme erklären uns Kindern in Deutschland die Fakten. Was ist so lustig an Fakten?
Animierte Figuren, die sich vermehren, verschieben oder umfallen. Aha.

Aber warum bluten sie nicht, wenn über Kriege berichtet wird, warum werden ihnen keine Finger oder Beine abgetrennt? Stattdessen sehen wir Geldscheine, die fliegen, wenn Geld ausgegeben wird - und all die schwirrenden Pfeile, Quadrate, Säulen und Kuchenstücke, aber die Kuchenstücke werden nicht von Putin gefressen oder von Xi Jinping an die Wand geworfen, die animierten Häuser nicht in lustigen Explosionen in die Luft gejagt. Warum wird Erdogan nicht sabbernd im Laufställchen gezeigt, oder Trump in der Anstalt, oder Kaczynski als Giftzwerg, oder Schulz ohne Kopf?

Das bringt mich auf eine Idee. Das wären doch gute Geschichten. Und gute Geschichten, gutes Theater sind wahrer und wahrhaftiger als jeder Tweet und jeder Check. Was brauchen wir Fakten? Erzählen wir unsere Märchen.

Samstag, 8. Juli 2017

Straßenschlacht in Hamburg

Hamburg, 7. Juli 2017
Die Schlacht von Hamburg macht mich wütend. Mit Links oder gar Widerstand gegen G20 hat das nichts, aber auch gar nichts zu tun. Null Politik. Auf der einen Seite die verkrachten Lederjackenträgern aus tiefster Vergangenheit, die sich fleezen und lallen und meinen, wenn die Polizei sie angreife - dann sei es kein Wunder, dass sie die Stadt auseinander nehmen müssten. Da fehlen mir die Worte.

Auf der anderen Seite der Jugendmob von heute. Ob dumpfe Rassisten, oder Hooligans vor den Fußballstadien, tätowierte, plündernde, saufende, grölende Rudel aufgepumpter Männer - sie wüten durch die Landschaft, um ihre geistige Leere mit Gewalt in die Straßen zu schneiden.

Dummheit, religiöser Wahn, Rassismus, Hass, eine ganze Schicht ungebildeter Jugendlicher, explosiv auch ohne Sprenggürtel, kriminelle Dummbeutel, bewaffnet mit Smart- (wie ironisch) phones, haben einen Auftrag: Destabilisierung der Demokratie. Das macht sie zu Hilfstruppen von Erdogan, Putin, Trump, den schwer erziehbaren Gewalttätern aus der oberen Etage. Aber dafür sind die aus dem Erdgeschoss zu blöd, das auch nur ansatzweise zu begreifen, gläubig bis zum Hirntod. Ihr widerwärtigen Idioten, macht euch vom Acker.

Wir wollen weder Erdogans Schläger, noch Putins Banden, noch Trumps Ku Klux Klan, weder Pegida-Mob noch Islam-Terror, weder braunen noch schwarzen Block.

Dienstag, 4. Juli 2017

Nachtrag: Bühnen Köln sind fertig - die Kulturverwaltung auch - wir noch nicht ganz

Immer neue Zahlen. 2023 stehen die Bühnen Köln aber nun wirklich zur Eröffnung bereit (woher kenne ich nur solche Formulierungen). Auch die Kosten, die sich seit Ratsbeschluss mehr als verdoppelt haben, werden immer präziser benannt.

Am 1. Juli 2017 schrieb der Kölner Stadt-Anzeiger von 250 Millionen Euro. Am 2. Juli hieß es: Es sind doch schon 570 Millionen Euro - mindestens.
Korrektur am 3. Juli: 570.554.049,49 Euro

Jetzt meine Bitte: Kann das Theater am Sachsenring nicht wenigstens diese 554.049,49 Euro haben? Auf den einen Tag kommt es doch nicht an.
Das wären nur 500.000 Euro mehr als der Zuschuss, auf den wir jetzt bereits seit 12 Jahren warten.

Die Kulturverwaltung lehnt normalerweise in fast allen Fällen, wenn es um Kultur geht, die Verantwortung ab: "Das entscheidet der Beirat" oder "Das hat die Politik so gewollt" oder "Der Topf ist leider schon leer", oder die Anliegen werden einfach zurückgewiesen oder delegiert oder ignoriert. Oder die Kulturdezernentin sagt wieder: "Ich trage hier nicht den Oberverantwortungshut". Ist kein Witz.

Also Vorschlag: In diesem Falle könnte die Verwaltung einfach einmal eine Umbuchung vornehmen. Kostet keine Mühe. Eine Bühne für Schauspiel, für zeitgenössische und klassische Stücke, im Zentrum der Stadt - dem TAS würde die Summe reichen, um weiter auf bekanntem Niveau Theater spielen zu können. Na, wie wär's?

Samstag, 1. Juli 2017

Bühnen Köln sind fertig - in sieben Jahren (frühestens)

Zwischenbericht: Nach Jahrzehnten beschloss der Rat der Stadt Köln 2009 endlich neue Bühnen am Offenbachplatz zu bauen. Ein lang gehegter Traum sollte Wirklichkeit werden.

Dann traten Neven DuMont, Karin Beier und eine so genannte 'alternative' Bewegung ("Mut zu Kultur") auf den Plan und setzten sich für eine Sanierung ein. Eine regelrechte Kampagne gegen den Neubau begann. Mit Argumenten wie Denkmalschutz und Sparsamkeit. Und mehr Geld für die Kunst.
Naivität oder Täuschungsmanöver oder beides? Auf jeden Fall handfeste Interessen. Wie immer. Ein Jahr später war der Beschluss vom Tisch.

Ich habe damals schon dagegen angeschrieben und habe Unverständnis geerntet.
Wer will kann einen Kommentar von vor sieben Jahren nachlesen:

http://spiegel-jk.blogspot.de/2010/02/inhalt-vor-fassade.html

Leider, wie schon im Ringen um eine bessere Förderung der freien Theaterszene, haben sich auch im Falle 'Sanierung' die geäußerten Befürchtungen in allen Punkten bestätigt.

Konkret: Die Sanierung von Oper und Schauspiel in Köln sollte 232 Millionen kosten, na ja, sagen wir mit Puffer 253 Millionen Euro, so genehmigte es der Rat. Da alle wissen, dass eine Genehmigung immer durch die Kosten überholt wird, auch mit Puffer (das gehört zum Ritual), sagen wir doch großzügig 350 Millionen. Der Rat musste aber, nachdem das auch das keine realistische Größe mehr war, vor einiger Zeit noch eine letzte Genehmigung beschließen. 404 Millionen Euro. Die Sanierung sollte 2015 abgeschlossen sein. Also sagen wir zwei Jahre später, also jetzt.

Jetzt wird aber erst ein Zwischenbericht vorgelegt.
Fertigstellung 2022 (frühestens) - Kosten 550 Millionen Euro. Ende nicht in Sicht. Schließlich geht es um Bautätigkeit, nicht um Kunst. Oder?


Sonntag, 25. Juni 2017

Schulz,

heißt es nicht Gereschtigkeit? So wie "europäisch"? Oder doch eher umgekehrt. Die europäichen Bürger und Bürger... Ach, lassen wir das. Ja, in der SP  fängt die Verwirrung schon mit der Aussprache an - und dem Verschlucken von Endungen.

Und Schröder, jaaa, zurecht erinnerst du die Partei an deine vorbildliche Aufholjagd 2005. Die SPD soll es jetzt genauso machen. Ja. Wird sie. Und am Ende wird Frau Merkel Kanzlerin. Wie damals. "Auf in den Kampf, Genossen und Genossen", sagt er und verschluckt wieder etwas. Ist sowieso nur Gedöns.

Und Schröder, schon wieder mangelt es auch hier an Aussprachekenntnissen. Und das in der Schlussbemerkung. Die soll kämpferisch klingen, lateinamerikanisch, irgendwie revolutionär, damals Che - heute Chulz. Aber, Chröder, es heißt nicht Venkeremos!
Der ZDF meldet wenig später, Chröder habe dem Parteitag Ventscheremos zugerufen. NEIN!
Auch falsch. Alles falsch. Dieser Unsinn wurde übrigens aus den folgenden Nachrichtensendungen herausgenommen.

Wogegen kämpft ihr? Gegen Windmühlen, gegen die eigene Vergangenheit? Gegen Frau Merkel. Die wird auf dem Parteitag zur Feindin stilisiert. Kann ich verstehen. Sie ist in vielen Dingen das Gegenstück: souverän, überlegt, intelligent, ruhig und eines der wenigen vernunftbegabten Wesen an der Spitze eines Landes. Wie kann man so etwas in Zukunft verhindern... Da kommen dem Chulz schon jetzt Verschwörungs-Phantasien. Die Merkel wolle durch dieses ewige Überlegen und Nachdenken die Wähler und Wähler einschläfern, damit sie nicht wählen gehen. Sie betreibe, was in Berliner Kreisen (Achtung Verschwörung) "asymmetriche Demobilisierung" genannt werde. Wow. Die hacht arbeitenden Menchen werden ihn genau verstanden haben. Sie wollen einen kämpferichen Kandidaten. Also wird Chulz zum deutschen Erdogan und setzt noch einen drauf: "ICH NENNE DAS EINEN ANSCHLAG AUF DIE DEMOKRATIE" - oh Mann! Ist dat warm hier. Und - er zieht die Jacke aus. Sicher ganz spontan.

Die Erkenntnis, durch ständiges Wiederholen wird ein Wort auch nicht richtiger oder wahrer, die Erkenntnis wird ignoriert, weil die SPD trotz misslungenem Internet-Pop und Schulzzug-Hype in den 'Netzwerken' immer noch an Simpel-Botschaften in Tweet-Format glaubt und daran festhält. Gerechtigkeit. Gerechtigkeit. Gerechtigkeit. Gerechtigkeit. Gerechtigkeit. Gerechtigkeit...

Mehr Zeit für mehr Gerechtigkeit oder Bildung (oder war es doch umgekehrt?) Irgendwas mit Gerechtigkeit und Zeit und Bildung. Tweet. Venkeremos Kommandante Chulz!

Montag, 29. Mai 2017

Kulturzeit

Zitate aus einer Kulturzeit-Sendung vom 29. Mai 2017

Thema: Theater der Welt in Hamburg.
Die Moderatorin sagt: "Auch wenn das Konzept nichts Neues hat..." Nein! Ist nicht wahr!
"Die Festivalleiter wollen vor allem eins: Grenzen überschreiten". Ach Gottchen. Grenzen überschreiten. Das ist ja mal was ganz neues.
"Diesmal ist der Theaterbegriff ganz besonders weit gefasst", sagt die Moderatorin. Ach ja? Diesmal?
Jetzt sehen wir: Frau mit weißer Bluse beschmiert sich Bluse und Gesicht mit roter Farbe.
Ach ja, und Mitmachtheater gibt es auch und die Moderatorin schleppt Sandsäcke.
Und es gibt überhaupt jede Menge Performance. Vieles findet die Moderatorin "erwartbar" und nicht gelungen.
In einer Inszenierung spielt Text wieder einmal kaum noch eine Rolle. "Textpassagen werden durch schier endloses Gestöhne ersetzt". Ach ja?
Fazit: Nicht immer geglückt...
Das habe ich wirklich nicht für möglich gehalten.
Kurz zuvor hatte Jonathan Meese (duschgeknallter Performance Künstler) schon in 'Kulturzeit' als Teil der Salzburger Festspiele gefordert, man solle endlich das Theatertheater hinwegfegen.
Der Festivalleiter schien einverstanden und redete über Entgrenzung und Performance. Ende.

Sonntag, 14. Mai 2017

NRWIERT abgewählt

Langsam geben mir die Wahlergebnisse Vertrauen in den Geisteszustand des Wählers und auch der Wählerin zurück. Die Nazis im Mäntelchen der AfD werden zwar leider immer noch gewählt. dafür gibt es viel zu viele wütende, unterbelichtete Gestalten, aber sie bleiben deutlich zwischen 5 und 10%. Die Putin-Nachplapperer ebenso.

Vor allem: Rot-Grün ist abgewählt und Mutti Kraft verschwindet. Mit Bildung und Kultur kann es also nur aufwärts gehen. Und auch die Grünen können sich hinter die Ohren schreiben, dass manchmal ein Blick auf die Wirklichkeit und die Benennung von Tatsachen durchaus helfen kann. Wir haben uns alle lieb und bleiben sauber - das ist zu wenig.

Außerdem: Dass Internet-Kampagnen, Hashtags, Hetze und einfältige Parolen nicht immer greifen, ist ein gutes Zeichen. Die Demokratie lebt.

Samstag, 13. Mai 2017

Xaver, der wütende Bauer

Wir haben es ja nicht nur mit dem eiskalten Avatar Helene Fischer und ihrem Schlager-Kitsch zu tun, nein, die Wuschel-Bübchen mit ihrem Kalenderspruch-Gelalle müssen wir auch noch ertragen - das nennt sich deutsche Pop Musik, ein Industrieprodukt, das sich vom verklebten Schlager schon lange nicht mehr unterscheidet.

An der Spitze des Jammer-Pops aber steht seit Jahren der Xaver mit seinen Söhnen aus Mannheim. Xaver macht am besten klar, wohin die Reise geht, wenn wir einen Blick hinter die Kulissen des Kitsches werfen. Oder einfach auf die Texte und woher sie kommen. Xaver hängt gerne mit dem Verschwörungs-Papst Elsässer ab und würde, wie alle Abgehängten und Verwirrten, am liebsten mit der Mistgabel unser besetztes Deutschland aufräumen.
Obwohl, eigentlich ist er Demokrat. Und Künstler. Also nichts für Ungut.
Kunst und Liebe sei das, sagt er und seine Freunde, Kabarettist Mittermeier und andere Quarkköpfe, verteidigen das Unschuldslamm mit Glockengeläut. Hört ihm doch mal zu!

Nein, das Wortgefetze, das der Xaver Songtext oder gar Kunst nennt, ist natürlich bei weitem keine Aneinanderreihung von Verschwörungsphrasen und Nazi-Sprüchen. Und sicher kein Aufruf die "Marionetten" aufzuhängen, wie auf den Pegida-Kundgebungen, man sollte sie nur in Fetzen reißen, die Marionetten, die Teile des Volkes schon Volksverräter nennen.

Xaver meint, das Produzieren von Songs geschehe sowieso ohne Bewusstsein. Ja, klar, woher soll das auch kommen? Denn sie wissen nicht was sie tun.
Ein Freund, so erzählt er treuherzig, spiele ihm eine Melodie vor und dann passiere es einfach. "In diesen Momenten verschwende ich keinen einzigen bewussten Gedanken darauf, wohin mich die Reise wohl führen mag." Ein anderer Freund findet, er werde immer missverstanden. Alles sei aus dem Zusammenhang gerissen. "Die grösste Lüge ist das Weglassen!" Alles Unterdrückung der Wahrheit. In Wahrheit Texte eines Genies.

Also gut. Lesen wir gemeinsam Strophe 2 und Strophe 4 seines Werkes ungekürzt. Zu Risiken und Nebenwirkungen...

Marionetten

2. Strophe
"Aufgereiht zum Scheitern wie Perlen an einer Perlenkette
Seid ihr nicht eine Matroschka weiter im Kampf um eure Ehrenrettung
Ihr seid blind für Nylon und Fäden an euren Gliedern und
Hat man euch im Bundestag, ihr zittert wie eure Gliedmaßen
Alles nur peinlich und sowas nennt sich dann Volksvertreter
Teile eures Volkes nennen euch schon Hoch- beziehungsweise Volksverräter
Alles wird vergeben, wenn ihr einsichtig seid
Sonst sorgt der wütende Bauer mit der Forke dafür, dass ihr einsichtig seid
Mit dem Zweiten sieht man (besser)

4. Strophe
Ihr seid so langsam und träge, es ist entsetzlich
Denkt, ihr wisst alles besser und besser geht's nicht, schätz' ich
Doch wir denken für euch mit und lieben euch als Menschen
Als Volks-in-die-Fresse-Treter stoßt ihr an eure Grenzen
Und etwas namens Pizzagate steht auch noch auf der Rechnung
Und bei näherer Betrachtung steigert sich doch das Entsetzen
Wenn ich so ein'n in die Finger krieg', dann reiß' ich ihn in Fetzen
Und da hilft auch kein Verstecken hinter Paragraphen und Gesetzen

Mittwoch, 10. Mai 2017

Trump entlässt FBI-Chef

Auch darauf habe ich gewartet. Danach konnte man die Uhr stellen. Obwohl jetzt alle überrascht und geschockt scheinen.
Der FBI-Chef James Comey ist von Trump fristlos entlassen worden (Unruhe) - Wegen der Clinton-EMail-Affaire (Gelächter) - Er sei unfähig (Gelächter). Ein nicht ganz einmaliger Vorgang.

Comey hatte dem notorischen Lügner Trump, auch während der ersten Tage seiner Präsidentschaft, öffentlich und mehrmals widersprochen (Obama habe Trump nicht abgehört, wie der in unflätigen Tweets behauptete). Zur gleichen Zeit wollte das FBI untersuchen, wie stark und auf welche Weise die Trump Administration mit Putin und seinen Agenten verbunden war und ist oder gemeinsame Sache macht. Ob Erdogan, Putin oder Trump - es sind immer die selben Methoden.
Jeder Kritiker wird mundtot gemacht. Mindestens.

Bisher hat es nur ein Präsident gewagt, Ermittlungen gegen seine Person mit einer Entlassung des Ermittlers aus der Welt zu schaffen. Nixon im Jahre 1973. Ein Jahr später war der kein Präsident mehr.

Freitag, 5. Mai 2017

Putin für Le Pen

Propaganda für Le Pen
Und wieder tauchen 'Dokumente' und Emails im Internet auf. Ich habe schon darauf gewartet. Endlich hat Putin seine Bots und Trolle auf den Präsidentschafts-Kandidaten Macron in Frankreich losgelassen, um, wie in Amerika, den Rechtsnationalen zum Sieg gegen die verhasste Demokratie zu verhelfen.
Diesmal unterstützt und finanziert Putin Frau Le Pen und ihre Nationale Front.

Putins Propagandasender RT - 'Russia Today' - lässt zum Thema einen gewissen Alain Soral, einen lupenreinen Nazi, zu Wort kommen. Wundert uns das? Der Ex-Boxer und Antisemit wird als Journalist ausgegeben und darf in einem 'Interview' gegen Macron hetzen. Der vertrete ausschließlich die Interessen der EU und Israels. Beweis: er habe in der Rothschild-Bank gearbeitet. Jüdische Weltverschwörung. Klar. Vielleicht hat Macron ja auch einen Kinderporno-Ring in einer Pizzeria mit Frau Clinton betrieben. Putin lässt sich ja immer die tollsten Sachen einfallen. Hauptsache, Chaos und Verwirrung.
Und, liebe Linke und Verschwörungs-Phantasten, ihr glaubt ja alles.

Diese dummdreisten Lügner, die alle Lügner nennen, die sie Lügner nennen, könnten zum Lachen reizen mit ihrem Kleinkind-Gehabe - wenn sie nicht so gefährliche, skrupellose Menschenfeinde wären. Putin, Trump, Erdogan, Le Pen - wir müssen ihnen entgegentreten, bevor sie uns in den Abgrund reißen. Sonst besteht Europa bald nur noch aus islamistischen Staaten, rechtsnationalistischen Diktaturen, Autokratien und isolationistischen Inseln.

Aber solange selbst 'Linke' noch den Lügen Putins hinterherlaufen, Agenten der Diktatoren in Talkshows zu Wort kommen, Verschwörungs-Anhänger RT-Nachrichten posten, weil sie glauben, das sei die unterdrückte Wahrheit, kommen wir hier keinen Schritt weiter. Noch funktioniert die Destabilisierung.
Aber was erzählen wir unseren Kindern? Wir haben von Nichts gewusst?

NRWIERT

NRWIERT

Der Wahlkampf in NRW ist geprägt von einem Wettlauf. Plakat blöd? Wir können blöder. Nach lustigen Gesichtern (CDU), lustigen Sprüchen (FDP) und lustigen Nazis (AfD) ist die SPD wieder Spitzenreiter (NRWIR) - mit Mutti Kraft. Hashtag Schulzug (Schulz-Zug) hat eine Nachfolge.

Freitag, 7. April 2017

Deutscher Pop - Die Poesie der Werbeindustrie

Ich habe gestern zufällig verpasst den Böhmermann wegzuzappen und ich habe krampfhaft, aber vergeblich versucht, nicht zu lachen. Es ließ sich einfach nicht vermeiden. Thema: die deutsche Pop-Musik.
Nuschelwuschel
Die deutsche Musik-Industrie versucht - mit Hilfe deutscher Wuschelpuschel Pop-Nuscheler, die in Zeitlupe an Fenstern stehen und irgendetwas nöhlen, das mit Mädchen und Sternen zu tun hat - ihren Industrie-Kitsch an den blöden Mann und die doofe Frau zu bringen. In Deutschland ist das ganz einfach. Aber Böhmermann: Neu war das natürlich nicht. Wem ist die Werbeclip-Ästhetik nicht zuwider, wem gehen die Songs, die klingen wie von der Auto- und Bierindustrie gesponsert, die von zwei simplen Tönen totgeritten werden, damit bei den jungen Hörern keine Schweißausbrüche entstehen, und die vollgestopft sind mit Oh-eh-oh-ohs, damit jeder mitsingen kann, nicht auf die Nerven. Und wer findet die Hütchen-Träger, die Tätowierten, die coolen Jungs, die mit Begriffen wie 'Tanzen', 'Menschen' oder 'Leben' an allen Allgemeinplätzen unserer schönen Städte herumlungern, nicht lächerlich. Vielleicht noch die unterbelichteten Teenies, die eine Begleitmusik für ihre Pubertät brauchen und sich damit zum Kauf von allerlei Dummheiten verführen lassen.

Ja, die Teenies glauben sogar, das sei 'Poesie'. Kein Wunder, dass heute jeder Abitur schafft.
Als Parodie hat Böhmermann aus Kalendersprüchen und den bekanntesten Versatzstücken einen Text von fünf Affen zusammensetzen lassen, das alles zu einem Musik-Mus zusammengerührt und in einem typischen Clip mit den typischen Ohs und Eh-Ohs versetzt.

Und schau an: Schon einen Tag später steht diese Parodie auf Platz 1 bei iTunes:
Jim Pandzko featuring Jan Böhmermann mit „Menschen Leben Tanzen Welt“. Original und Fälschung – nicht zu unterscheiden. Gute Nacht und hört recht schön.

Mittwoch, 5. April 2017

Restaurant

Köln. Innenstadt. Wo früher Menschen in Vorfreude in einem offenen Restaurant mit einem Glas Wein auf den Beginn von Oper oder Schauspiel gewartet haben, steht heute eine Abfertigungshalle für Esser neben einer ewigen Baustelle. Das Ausweichquartier des Schauspiels befindet sich in Mühlheim, das Ausweichquartier der Oper in Deutz. Der Innenstadt fehlt jede Kultur.

Ich sehe mich um. Verschiedene Theken, verschiedene Abteilungen. Bei Romeo und Julia gibt es Frozen Yogurt - ist das richtig geschrieben? -
Eine Theke ‚Gutbürgerliche Küche‘, daneben die für ‚Pasta, Salate und Steaks‘ - worin genau besteht da der Unterschied? - Eine Fresshalle für Besserverdienende und solche die es gerne wären. Töpfe klappern. Fahrstuhlmusik. Die Mädchen und die tätowierten Jungs, die sich etwas zurufen, lassen fremde Sprachen hören.

Große Holztische, kleine Hocker mit karamellfarbenem Kunstleder überzogen. Das ganze Event führt in einen Supermarkt.
Ein Blick über die Straße: auf der Hausfassade steht "Kauf dich glücklich" - in eingekasteten Design-Buchstaben. Auf der anderen Seite das 'Dumont Carré'. Das hat nichts mit Literatur zu tun, ist ein Shoppingcenter.
Früher war hier das Pressehaus und gegenüber ein Italiener, wo sich Künstler, Kölner und Journalisten trafen. Leben eben. Heute steht das Pressehaus in Niehl. Ein Glaspalast, aus dem niemand mehr mit Steinen wirft. Kontakt abgerissen. Presse ist auch nicht mehr wichtig.

Samstag, 1. April 2017

Weiter

Das Schauspiel begann. Die Wellen wellten, kicherten, taten harmlos, plätscherten aber kokett, bildeten Kämme, frisierten den Mond, betrachteten ihn dann und lächelten. Die Töchter des Meeres freuten sich mehr und mehr über den Spaß, funkelten und brachen sich im Licht des Mondscheins. Sie wussten um ihre Schönheit.
Der Mond schien über all das einigermaßen ungehalten und zog das ganze Meer zu sich heran - ein Kuss? Die Wellen wehrte sich wild und wechselten ihre Farbe zu Quecksilber.

Der Mond zeigte sein blasses, gleichgültiges Gesicht. Der Liebeskampf begann. Das Meer stieg zu ihm auf und senkte sich wieder, in scheinbarer Unterwerfung. Das Schwein. Der kalte Mond drückte es zu Boden. Ein stetiges Ringen. Amüsiert beobachtete der mächtige Trabant die Fingerspiele des Meeres, das Schäumen der lüsternen Töchter, die über den Sand krochen um sich schließlich zu verlieren. Und er stand über dem Strand und saugte das Salz. Die Haut gespannt, eines seiner Krater-Augen verschleierte sich. Gespannt auch das unsichtbare Herz. Der Kuss, kaum zu spüren. Ein Hauch lag noch lange über dem Horizont. Mit einem nachtblauen Band wurde die Szene verpackt.

Dienstag, 28. März 2017

Es ist schön

Uuuuaaaaaa
Das Wetter. Und heute Nacht wird es klar. Tanzen. Und die ISS ist auch zu sehen. Flieg! Zieh deine Bahn. Über ganz Europa. Leuchte ruhig. Wir sehen dich. Du bist nicht wie die anderen. Sterne funkeln, Flugzeuge blinken, nur du, Raumstation, glühst kalt und beständig. Ein Zuhause, das in der Sonne scheint, über einem himmelblauen, unwirtlichen, fremden Planeten.
Und ich träume Äpfel und Birnen, die umeinander kreisen. Am Tag werden die bereits erregten Bäume mit Grün beworfen. Ruhige, lebendige, grüne Punkte, die im Wind zittern. Früher gab es früher Kroküsse. Jetzt schon vorbei. Früher Schnee. Und Unwetter. Kommen noch. Jetzt sind im gleichen Zeitraum Rekordtemperaturen in Sicht. Und Osterglocken.

Wir wollen Meer und Wein und Fritten. Und Wind und Sonne. In Sicht. Kommt.

Montag, 27. März 2017

Schulzzug ins Nichts

Landtagswahl im Saarland. Die Saarländerinnen und Saarländer haben Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer - und schon ist die Redezeit zu Ende.
Im Ernst: Hohe Wahlbeteiligung und die Bestätigung einer seriösen Frau im Amt, statt eine neue Welle von Wutbürgertum, Chaos und rechtsnationalem Hau-Drauf, sind gute Zeichen.
Der Wunsch nach stabilen Verhältnissen macht auch denen einen Strich durch die Rechnung, deren Wahlkampf aus hohlen Phrasen und Öffnungen bestand. Vor allem eine Öffnung - für neue Bündnisse, für die Macht. Für Rot-Rot. Schiefgegangen. Nicht alle übersehen, dass die SPD keine Linke ist und dass die 'Linke' eben auch keine Linke ist, sondern Sammelbecken für Ostalgiker, Spießer, alte Stasi-Agenten und junge Frauen, die alles nachplappern, was Putin vorplappert. Nur der Lafontaine-Effekt verschaffte der Linkspartei ein zweistelliges Ergebnis.

Und alle hinterher
Und die SPD? Die SPD muss enttäuscht begreifen, dass es doch nicht reicht, eine Rede zu halten und dabei fünfzig Mal 'Gerechtigkeit' zu rufen, um glaubwürdig zu scheinen. Oder gar links. Und die SPD muss verwundert begreifen, dass es doch nicht reicht, einen Hype im Internet zu erfinden - ja gut, ihr habt von Trump gelernt - oder von Putin (vielleicht hat Schröder ja auch geholfen). Ihr müsst leider begreifen, dass es nicht reicht, die übliche Hashtag-Flut über uns hinwegrollen zu lassen, zuzüglich einiger Züge, Schulz-Züge, das führt am Ende nur zu entgleisten Gesichtszügen. Dann gab es noch Computerspiele, Zug-Spiele und zusätzlich haben eure SPD-Trolle Pop-Schulze und Schulz-Heiligenscheine aufleuchten lassen - im Netz - aber was passiert in der wirklichen Welt? Tja. Berlin ist nicht Bonn, Bonn ist nicht Weimar, Deutschland ist nicht Amerika, Amerika ist nicht Saarbrücken und Saarbrücken ist nicht Berlin... Aber: Hier! Hallo! Schulz-Effekt! Und alle Medien hinterher. Da verliert man schon mal den Überblick und den Blick auf die Wirklichkeit.
Na gut - der sich ständig potenzierende Wettlauf um das nächste Event, die nächste Schlagzeile, die zunehmende Infantilisierung der Politik, haben euch verführt zu glauben, dass der bärtige Mann mit dem Sprachfehler schon Kanzler ist. Selbst seriöse Medien laufen heute jedem Hype hinterher. Dem Hashtag-Populismus wird kaum noch kritische Berichterstattung entgegengesetzt. Kostet zuviel Zeit. Dumme Sache. So hängt der digitale Himmel voller Heißluftballons. Es sind schon so viele, dass sich die Sonne verdunkelt. Das kann dem Geisteszustand eines SPD-Parteitags nicht passieren. Wie vernebelt die Delegierten da herumlaufen und blöde um die Wette lächeln, dieser Zustand spiegelt sich genau in den 100% für den neuen Vorsitzenden... Das spiegelt den Zustand einer Partei, in der alle ohne Diskussion einem Messias hinterherlaufen, nur weil sie den alten los sind. Zu einer Zeit, in der es noch um Inhalte ging, waren ehrliche 80% für Brandt noch Ausdruck einer Auseinandersetzung. Heute wird ein Image verkauft. 100% für Nichts. Und alle hinterher.

Und es gibt wahrhaft Wichtiges. Während in der Türkei oder in Russland Menschen verhaftet werden, oder gar um ihr Leben fürchten müssen, wenn sie sich offen und kritisch äußern, müssen wir uns nach der Wahl in der 'Elefantenrunde' wieder zuquatschen lassen und die Wiederholung von Satz-Schablonen aus dem Wahlkampf ertragen. Kein Wunder, dass immer mehr Leute die Nase voll haben.

Noch etwas. Am Wahltag im Saarland gingen in weit über zwanzig russischen Städten massenhaft Menschen auf die Straße um gegen die herrschende Klasse, die korrupte Putin-Medwedjew-Klique zu protestieren. Ein gutes Zeichen.

Mittwoch, 22. März 2017

Lügen haben kurze Beine

Er lügt und lügt und lügt, verbreitet Falschmeldungen, verbreitet FAKE NEWS, schlägt um sich, geht auf alle los, die ihm an den Kragen wollen, diese Volksverräter, die ihn los werden möchten, diese Weicheier, die ihn unbedingt kritisieren müssen, die seine Lügen gar widerlegen wollen, oder einfach versuchen, Fakten - Haha - Fakten ans Licht zu bringen. FAKE gegen Fakten. Fakten, die Trump immer wieder versucht unter einem Haufen von FAKE NEWS zu begraben. Trump ist Trump. Er ist das Volk. Er lügt und lügt und lügt. Durch sein Dauerfeuer auf Sehende, Hörende und Sprechende stiftet er erst einmal Verwirrung. Sehen wir überhaupt? Nur er sieht klar: Wir brauchen keine Sehenden. Die Hörenden werden taub geprügelt, die Sprechenden zum Schweigen gebracht. Eine FAKE Welt muss entstehen, in der nichts mehr ist wie es scheint und nichts mehr scheint wie es ist. Je mehr wir mit FAKE NEWS über FAKE NEWS bombardiert werden, desto mehr scheint alles Lüge. Komplettes Desaster. Jeder gegen jede, das ganze Land umringt von Feinden und Verrätern. Nur einer bleibt übrig. Krieg gegen alle Feinde, Krieg gegen die Eliten, gegen die Presse, gegen die Juden, die Schwarzen, Mexikaner, Frauen, Behinderte... Trump versucht mit seinen Tweets auch die Organe der Demokratie zu diskreditieren, um sie schließlich abschaffen zu können. - Sie werden die Macht nicht freiwillig abgeben - warnt sein engster Berater, ein lupenreiner Nazi. Breitbart-Bannon. Seine Mannschaft besteht aus Rassisten, Antisemiten, Anti-Demokraten und Verschwörungstheoretikern. Und die haben mächtige Freunde.

Putin, von gleichem Schlage, half Trump schon früh während dessen Wahlkampfes mit einer Flut von Propaganda und Falschmeldungen (Clinton betreibt Kinder-Porno-Ring in einer Pizzeria), Falschmeldungen, deren Herkunft und Verbreitung durch Putins Computer-Bots und Auftrags-Trolle zurückverfolgt werden konnte und verfolgt wurde. In einer Anhörung kam heraus: Das FBI untersucht nun offiziell auf welche Weise Trumps Wahlkampf-Mannschaft mit Putins Kampagne zusammengearbeitet hat. Nicht 'ob', wie Trump erneut lügt, sondern auf welche Weise. Natürlich wurde die Anhörung ununterbrochen unterbrochen von Tweets des Psychopathen im Weißen Haus. Natürlich drehte Trump den Spieß erst einmal um, Obama habe ihn abgehört. Kein Hinweis, sagt das FBI. Es folgten wütende Tweets, man solle sich lieber um diejenigen kümmern, die Informationen verraten.

Der Ton wird lauter und nervöser. Je nachdem wie gravierend, wie eng sich die Kooperation mit Russland zeigt, könnte ernsthaft ein Amtsenthebungsverfahren diesem rechtsnationalen Präsidenten doch noch das Handwerk legen.

Übrigens ist dieser Präsident natürlich gegen Kulturförderung. Er schafft sie ab. Trump will staatliche Zuwendungen in Höhe von rund 300 Millionen Dollar im Jahr streichen. Außerdem soll niemand mehr Spenden für das Kulturleben steuerlich absetzen können. Auch dieses Prinzip eines liberalen, kunstfreundlichen Amerikas soll untergehen. Wie die Demokratie.

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.