Freitag, 7. April 2017

Deutscher Pop - Die Poesie der Werbeindustrie

Ich habe gestern zufällig verpasst den Böhmermann wegzuzappen und ich habe krampfhaft, aber vergeblich versucht, nicht zu lachen. Es ließ sich einfach nicht vermeiden. Thema war die deutsche Pop-Musik.
Das genauere Betrachten der deutschen Musik-Industrie ist wirklich lustig. Sie versucht - mit Hilfe deutscher Pop-Nuscheler mit Wuschelhaar, die in Zeitlupe an Fenstern stehen und irgendetwas nöhlen, das mit Mädchen und Sternen zu tun hat - ihren Industrie-Kitsch an den blöden Mann und die doofe Frau zu bringen, um Millionen zu scheffeln. In Deutschland ist das ganz einfach. Und zum Totlachen. Aber Böhmermann: Neu war das natürlich nicht. Wem ist die Werbeclip-Ästhetik nicht zuwider, wem gehen die Songs, die klingen wie von der Auto- und Bierindustrie gesponsert, die von zwei simplen Tönen totgeritten werden, damit bei den jungen Hörern keine Schweißausbrüche entstehen, und die vollgestopft sind mit Oh-eh-oh-ohs, damit jeder mitsingen kann, nicht auf die Nerven. Und wer findet die Hütchen-Träger, die Tätowierten, die coolen Jungs, die mit Begriffen wie 'Tanzen' oder 'Menschen' an allen Allgemeinplätzen unserer schönen Städte herumlungern, nicht lächerlich. Vielleicht die unterbelichtete Teenies, die dieses Gesäusel als Begleitmusik für ihre Pubertät brauchen und sich damit zum Kauf von allerlei Dummheiten verführen lassen.

Ja, die Teenies glauben sogar, das sei 'Poesie'. Kein Wunder, dass heute jeder Abitur schafft. Und das Fernsehen macht mal wieder mit. Die 'Echo-Verleihung' wird - diesmal durch Vox - zu einem Preisverleihungs-Event stilisiert, obwohl dieser Preis nur ein Preis ist, der von Verkaufszahlen bestimmt wird. Also ist die Sendung was? Eine Dauerwerbesendung. Wie üblich.
Als Parodie hat Böhmermann aus Kalendersprüchen und den bekanntesten Versatzstücken einen Text von fünf Affen zusammensetzen lassen, das alles zu einem Musik-Mus zusammengerührt und in einem typischen Clip mit den typischen Ohs und Eh-Ohs versetzt.

Und schau an: Schon einen Tag später steht diese Parodie auf Platz 1 bei iTunes:
Jim Pandzko featuring Jan Böhmermann mit „Menschen Leben Tanzen Welt“. Kein Unterschied zu hören. Gute Nacht und hört recht schön.

Mittwoch, 5. April 2017

Restaurant

Köln. Innenstadt. Wo früher Menschen in Vorfreude in einem offenen Restaurant mit einem Glas Wein auf den Beginn von Oper oder Schauspiel gewartet haben, steht heute eine Abfertigungshalle für Esser neben einer ewigen Baustelle. Das Ausweichquartier des Schauspiels befindet sich in Mühlheim, das Ausweichquartier der Oper in Deutz. Der Innenstadt fehlt jede Kultur.

Ich sehe mich um. Verschiedene Theken, verschiedene Abteilungen. Bei Romeo und Julia gibt es Frozen Yogurt - ist das richtig geschrieben? -
Eine Theke ‚Gutbürgerliche Küche‘, daneben die für ‚Pasta, Salate und Steaks‘ - worin genau besteht da der Unterschied? - Eine Fresshalle für Besserverdienende und solche die es gerne wären. Töpfe klappern. Fahrstuhlmusik. Die Mädchen und die tätowierten Jungs, die sich etwas zurufen, lassen fremde Sprachen hören.

Große Holztische, kleine Hocker mit karamellfarbenem Kunstleder überzogen. Das ganze Event führt in einen Supermarkt.
Ein Blick über die Straße: auf der Hausfassade steht "Kauf dich glücklich" - in eingekasteten Design-Buchstaben. Auf der anderen Seite das 'Dumont Carré'. Das hat nichts mit Literatur zu tun, ist ein Shoppingcenter.
Früher war hier das Pressehaus und gegenüber ein Italiener, wo sich Künstler, Kölner und Journalisten trafen. Leben eben. Heute steht das Pressehaus in Niehl. Ein Glaspalast, aus dem niemand mehr mit Steinen wirft. Kontakt abgerissen. Presse ist auch nicht mehr wichtig.

Samstag, 1. April 2017

Weiter

Das Schauspiel begann. Die Wellen wellten, kicherten, taten harmlos, plätscherten aber kokett, bildeten Kämme, frisierten den Mond, betrachteten ihn dann und lächelten. Die Töchter des Meeres freuten sich mehr und mehr über den Spaß, funkelten und brachen sich im Licht des Mondscheins. Sie wussten um ihre Schönheit.
Der Mond schien über all das einigermaßen ungehalten und zog das ganze Meer zu sich heran - ein Kuss? Die Wellen wehrte sich wild und wechselten ihre Farbe zu Quecksilber.

Der Mond zeigte sein blasses, gleichgültiges Gesicht. Der Liebeskampf begann. Das Meer stieg zu ihm auf und senkte sich wieder, in scheinbarer Unterwerfung. Das Schwein. Der kalte Mond drückte es zu Boden. Ein stetiges Ringen. Amüsiert beobachtete der mächtige Trabant die Fingerspiele des Meeres, das Schäumen der lüsternen Töchter, die über den Sand krochen um sich schließlich zu verlieren. Und er stand über dem Strand und saugte das Salz. Die Haut gespannt, eines seiner Krater-Augen verschleierte sich. Gespannt auch das unsichtbare Herz. Der Kuss, kaum zu spüren. Ein Hauch lag noch lange über dem Horizont. Mit einem nachtblauen Band wurde die Szene verpackt.

Dienstag, 28. März 2017

Es ist schön

Uuuuaaaaaa
Das Wetter. Und heute Nacht wird es klar. Tanzen. Und die ISS ist auch zu sehen. Flieg! Zieh deine Bahn. Über ganz Europa. Leuchte ruhig. Wir sehen dich. Du bist nicht wie die anderen. Sterne funkeln, Flugzeuge blinken, nur du, Raumstation, glühst kalt und beständig. Ein Zuhause, das in der Sonne scheint, über einem himmelblauen, unwirtlichen, fremden Planeten.
Und ich träume Äpfel und Birnen, die umeinander kreisen. Am Tag werden die bereits erregten Bäume mit Grün beworfen. Ruhige, lebendige, grüne Punkte, die im Wind zittern. Früher gab es früher Kroküsse. Jetzt schon vorbei. Früher Schnee. Und Unwetter. Kommen noch. Jetzt sind im gleichen Zeitraum Rekordtemperaturen in Sicht. Und Osterglocken.

Wir wollen Meer und Wein und Fritten. Und Wind und Sonne. In Sicht. Kommt.

Montag, 27. März 2017

Schulzzug ins Nichts

Landtagswahl im Saarland. Die Saarländerinnen und Saarländer haben Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer - und schon ist die Redezeit zu Ende.
Im Ernst: Hohe Wahlbeteiligung und die Bestätigung einer seriösen Frau im Amt, statt eine neue Welle von Wutbürgertum, Chaos und rechtsnationalem Hau-Drauf, sind gute Zeichen.
Der Wunsch nach stabilen Verhältnissen macht auch denen einen Strich durch die Rechnung, deren Wahlkampf aus hohlen Phrasen und Öffnungen bestand. Vor allem eine Öffnung - für neue Bündnisse, für die Macht. Für Rot-Rot. Schiefgegangen. Nicht alle übersehen, dass die SPD keine Linke ist und dass die 'Linke' eben auch keine Linke ist, sondern Sammelbecken für Ostalgiker, Spießer, alte Stasi-Agenten und junge Frauen, die alles nachplappern, was Putin vorplappert. Nur der Lafontaine-Effekt verschaffte der Linkspartei ein zweistelliges Ergebnis.

Und alle hinterher
Und die SPD? Die SPD muss enttäuscht begreifen, dass es doch nicht reicht, eine Rede zu halten und dabei fünfzig Mal 'Gerechtigkeit' zu rufen, um glaubwürdig zu scheinen. Oder gar links. Und die SPD muss verwundert begreifen, dass es doch nicht reicht, einen Hype im Internet zu erfinden - ja gut, ihr habt von Trump gelernt - oder von Putin (vielleicht hat Schröder ja auch geholfen). Ihr müsst leider begreifen, dass es nicht reicht, die übliche Hashtag-Flut über uns hinwegrollen zu lassen, zuzüglich einiger Züge, Schulz-Züge, das führt am Ende nur zu entgleisten Gesichtszügen. Dann gab es noch Computerspiele, Zug-Spiele und zusätzlich haben eure SPD-Trolle Pop-Schulze und Schulz-Heiligenscheine aufleuchten lassen - im Netz - aber was passiert in der wirklichen Welt? Tja. Berlin ist nicht Bonn, Bonn ist nicht Weimar, Deutschland ist nicht Amerika, Amerika ist nicht Saarbrücken und Saarbrücken ist nicht Berlin... Aber: Hier! Hallo! Schulz-Effekt! Und alle Medien hinterher. Da verliert man schon mal den Überblick und den Blick auf die Wirklichkeit.
Na gut - der sich ständig potenzierende Wettlauf um das nächste Event, die nächste Schlagzeile, die zunehmende Infantilisierung der Politik, haben euch verführt zu glauben, dass der bärtige Mann mit dem Sprachfehler schon Kanzler ist. Selbst seriöse Medien laufen heute jedem Hype hinterher. Dem Hashtag-Populismus wird kaum noch kritische Berichterstattung entgegengesetzt. Kostet zuviel Zeit. Dumme Sache. So hängt der digitale Himmel voller Heißluftballons. Es sind schon so viele, dass sich die Sonne verdunkelt. Das kann dem Geisteszustand eines SPD-Parteitags nicht passieren. Wie vernebelt die Delegierten da herumlaufen und blöde um die Wette lächeln, dieser Zustand spiegelt sich genau in den 100% für den neuen Vorsitzenden... Das spiegelt den Zustand einer Partei, in der alle ohne Diskussion einem Messias hinterherlaufen, nur weil sie den alten los sind. Zu einer Zeit, in der es noch um Inhalte ging, waren ehrliche 80% für Brandt noch Ausdruck einer Auseinandersetzung. Heute wird ein Image verkauft. 100% für Nichts. Und alle hinterher.

Und es gibt wahrhaft Wichtiges. Während in der Türkei oder in Russland Menschen verhaftet werden, oder gar um ihr Leben fürchten müssen, wenn sie sich offen und kritisch äußern, müssen wir uns nach der Wahl in der 'Elefantenrunde' wieder zuquatschen lassen und die Wiederholung von Satz-Schablonen aus dem Wahlkampf ertragen. Kein Wunder, dass immer mehr Leute die Nase voll haben.

Noch etwas. Am Wahltag im Saarland gingen in weit über zwanzig russischen Städten massenhaft Menschen auf die Straße um gegen die herrschende Klasse, die korrupte Putin-Medwedjew-Klique zu protestieren. Ein gutes Zeichen.

Mittwoch, 22. März 2017

Lügen haben kurze Beine

Er lügt und lügt und lügt, verbreitet Falschmeldungen, verbreitet FAKE NEWS, schlägt um sich, geht auf alle los, die ihm an den Kragen wollen, diese Volksverräter, die ihn los werden möchten, diese Weicheier, die ihn unbedingt kritisieren müssen, die seine Lügen gar widerlegen wollen, oder einfach versuchen, Fakten - Haha - Fakten ans Licht zu bringen. FAKE gegen Fakten. Fakten, die Trump immer wieder versucht unter einem Haufen von FAKE NEWS zu begraben. Trump ist Trump. Er ist das Volk. Er lügt und lügt und lügt. Durch sein Dauerfeuer auf Sehende, Hörende und Sprechende stiftet er erst einmal Verwirrung. Sehen wir überhaupt? Nur er sieht klar: Wir brauchen keine Sehenden. Die Hörenden werden taub geprügelt, die Sprechenden zum Schweigen gebracht. Eine FAKE Welt muss entstehen, in der nichts mehr ist wie es scheint und nichts mehr scheint wie es ist. Je mehr wir mit FAKE NEWS über FAKE NEWS bombardiert werden, desto mehr scheint alles Lüge. Komplettes Desaster. Jeder gegen jede, das ganze Land umringt von Feinden und Verrätern. Nur einer bleibt übrig. Krieg gegen alle Feinde, Krieg gegen die Eliten, gegen die Presse, gegen die Juden, die Schwarzen, Mexikaner, Frauen, Behinderte... Trump versucht mit seinen Tweets auch die Organe der Demokratie zu diskreditieren, um sie schließlich abschaffen zu können. - Sie werden die Macht nicht freiwillig abgeben - warnt sein engster Berater, ein lupenreiner Nazi. Breitbart-Bannon. Seine Mannschaft besteht aus Rassisten, Antisemiten, Anti-Demokraten und Verschwörungstheoretikern. Und die haben mächtige Freunde.

Putin, von gleichem Schlage, half Trump schon früh während dessen Wahlkampfes mit einer Flut von Propaganda und Falschmeldungen (Clinton betreibt Kinder-Porno-Ring in einer Pizzeria), Falschmeldungen, deren Herkunft und Verbreitung durch Putins Computer-Bots und Auftrags-Trolle zurückverfolgt werden konnte und verfolgt wurde. In einer Anhörung kam heraus: Das FBI untersucht nun offiziell auf welche Weise Trumps Wahlkampf-Mannschaft mit Putins Kampagne zusammengearbeitet hat. Nicht 'ob', wie Trump erneut lügt, sondern auf welche Weise. Natürlich wurde die Anhörung ununterbrochen unterbrochen von Tweets des Psychopathen im Weißen Haus. Natürlich drehte Trump den Spieß erst einmal um, Obama habe ihn abgehört. Kein Hinweis, sagt das FBI. Es folgten wütende Tweets, man solle sich lieber um diejenigen kümmern, die Informationen verraten.

Der Ton wird lauter und nervöser. Je nachdem wie gravierend, wie eng sich die Kooperation mit Russland zeigt, könnte ernsthaft ein Amtsenthebungsverfahren diesem rechtsnationalen Präsidenten doch noch das Handwerk legen.

Übrigens ist dieser Präsident natürlich gegen Kulturförderung. Er schafft sie ab. Trump will staatliche Zuwendungen in Höhe von rund 300 Millionen Dollar im Jahr streichen. Außerdem soll niemand mehr Spenden für das Kulturleben steuerlich absetzen können. Auch dieses Prinzip eines liberalen, kunstfreundlichen Amerikas soll untergehen. Wie die Demokratie.

Sonntag, 12. März 2017

Metzger machen Wahlkampf und Kälber wählen ihren Metzger

Der Metzger
Der Metzger hat die Nase voll. Das freie Herumlaufen auf der Wiese, das ständige quaken, bellen und fauchen - und das Ganze ohne Zaun, das ist kein Leben, donnert er. Ihr müsst glauben und beten und gehorchen.
Wer das nicht glaubt, wird angekettet oder sofort geschlachtet.

Määähh! Schreien die Kälber und lassen sich festbinden. Schnell ist auch ein Zaun gebaut. Das Gefühl von Geschlossenheit stellt sich ein. Im Stall riecht es nach Ehre und in der Luft schlagen die Krähen Haken. Ja. Der Metzger soll ihr Präsident werden - ohne Muh und Mäh, ohne Parlament und Kabinett, auch ohne Lachmöwen, die nur herumfliegen und Lügen verbreiten. Metzger wissen was zu tun ist.

Den freien Vögeln, wilden Hamstern, stolzen Schwänen, selbstständigen Katzen und friedliebenden Schafen jenseits des Zauns geht es noch ziemlich gut. Und auch den Kälbern, die mit ihnen leben. Die Gehilfen des Metzgers wollen auch bei ihnen Stimmen für den Metzger sammeln.

Ein Hamster baut sich auf und ruft: Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber!
Das kommt dem Metzger zu Ohren und er droht: Dafür werdet ihr einen Preis bezahlen! Ihr seid Faschisten!

Katzen und Schafe schauen sich erst verwundert an und können dann ein lautes Gelächter nicht mehr unterdrücken. Die Lachmöwen schlagen Salto in der Luft und tragen es in die Welt.
Das hört der Metzger und tobt: Nazi Methoden. Ihr habt nicht die geringste Ahnung von der Natur. Ihr seid alle Nazis, ihr Schweine.
Määäähhhh, schreien die Kälber im Stall zustimmend und rufen: "Todesstrafe!"

Der Metzger ist zufrieden und lässt zum Dank sofort noch ein paar dutzend Kälber schlachten.

Mittwoch, 8. März 2017

Kinderfernsehen in Deutschland - Die goldene Kamera 2017

Seit Jahren feiert sich das deutsche Fernsehen mit den Höhepunkten deutscher Witzigkeit in Preisverleihungen. Bambi oder Kamera. Höhepunkte aller Höhepunkte der Fernsehgeschichte eines Jahres. Dieses Jahr allerdings erreichte die ‚Kamera’ einen neuen Gipfel. Hier wurde nichts ausgelassen. Dass amerikanische Stars hier für die seriösen Beiträge verantwortlich waren, sagt schon einiges.

Seriöse Momente, ein zusammenhängender Gedanke, der auch im Zusammenhang belassen wird, das ist im Fernsehen immer schwerer zu finden, selbst aus den Haupt-Nachrichten werden wir heutzutage
bombardiert mit Bildsplittern, Fünf-Sekunden-Interviews und all den dummen Gesichtern von der Straße, die vor eine Kamera gezerrt werden müssen - von wegen Volkes Stimme - damit diese 'Experten' zu allen Probleme dieser Welt im O-Ton und auf sächsisch das Wort "unfassbar" absondern dürfen, oder ihre dummen Sätze mit dem großen "ABER" (Ich hab ja nichts gegen... ABER) und dabei qualvoll versuchen, wenigstens einen Satz unfallfrei ins Mikrophon zu blubbern. Wieso müssen wir das eigentlich ertragen? Und wenn keine Einspieler von der Straße kommen, dann bekommen wir die Tweets und Posts der Dummbeutel mit Sicherheit vorgelesen. In einer Nachrichtensendung! Und zwischen all dem quillt der unvermeidliche Dämmstoff von Schmunzel- und Witzigkeitseffekten. Allüberall: Boulevard! Bild macht dumm ist lange her.

Cool und jung
Je später der Abend, desto bunter die Mischung, die von Moderatoren, denen es übrigens auch immer schwerer fällt zwischen Dativ und Genitiv zu unterscheiden, aber wem stört das noch, also die von Moderatoren in einem Ton serviert wird, als befänden wir uns im Kindergarten und man müsse uns die Welt ganz einfach, in großen Lettern und Bildern aber hopphopphopp und eins zwei drei erklären. Ob ihr richtig steht, seht ihr wenn das Licht angeht. Es geht aber kein Licht mehr an. Keine Birne, keine Zeit zum Nachdenken. Motto: Holt die Leute da ab, wo sie sich befinden. Also steigen wir weiter hinab, ins Dunkle, Stufe um Stufe. Mittlerweile fängt es schon an zu riechen. Die braune Sickergrube ist in Reichweite.

Die Kinder-Spätnachrichten heißen heute Plus oder X-tra oder X-press und werden, im Gegensatz zu den Moderatorinnen des frühen Abends, die brav ihre Pferdeschwänzchen links- oder rechts auf dem Blazer ablegen, jetzt von hippen Kurzhaar-Frisuren, oder offenen Blüschen und offenen Haaren rechts auf dem Blüschen, präsentiert, die als erstes natürlich gar nicht wissen, wie X-press ausgesprochen wird. Das ist das Problem, wenn keiner mehr weiß ob amerikanisch oder deutsch oder hip oder hopp. Egal. Hauptsache es klingt zeitgenössisch. Xtra dot com. Wieso ausgerechnet der Kanal für die Zuschauer, die erst ihren Arzt oder Apotheker fragen müssen, hip sein will, bleibt rätselhaft. Wahrscheinlich weil man ab 23 Uhr die Alten im Bett wähnt. Dabei sind es heute die Studenten.

Also zurück zu den gänzlich Ausdruckslosen, die zu später Stunde noch zuschauen, weil ihnen die Energie fehlt zum Computer zu kriechen. Bleibt sitzen. Seht hin. Ihr könnt es verstehen. Denn zu jedem Bericht werden nicht nur witzige, ironisch klingende Sprechblasen abgesondert, sondern auch Bildchen, Sprechblasen und lustige Animationen eingeblendet. Und die Sprech-Blasen bewegen sich mit dem Gesicht des Sprechenden zu jeder kleinsten Bewegung mit, die Sätze des Sprechenden werden dazu - Blitz Blitz - zerhackt, während drei Hauptworte der Kurzsätze in der Sprechblase zu sehen sind. So versteht ihr. Nur ich verstehe nichts mehr. Weil ich mich lautstark über diese Dummheiten aufrege und so weder zuhören kann noch zum lesen komme.
Früher gab es ‚Logo‘ - Nachrichten für Kinder, heute sind alle Nachrichten X-tra Logo. Und der spöttisch-witzige Ton wird noch tantenhafter, wenn es um Kultur geht. Zum Schluss. Mit Schmunzeln. Da flippe ich aus. Früher...

3nach9 1976
Früher, in den alten Fernsehzeiten, war alles - auch nicht anders. NDR 'Classics' hat mir geholfen mich zu erinnern: 3 nach 9. Zum Beispiel der Moderator, der sich intellektuell geben will und eine halbe Stunde lang eine Frage in den Raum zu stellen versucht, die er mit bedeutungsschwangeren Denk- und Formulierungspausen noch mehr in die Länge zieht, um die Antwort des Gastes nach einem Halbsatz zu unterbrechen, um 'nachhaken' zu können. So geht es also auch. Die Sprechblasen sind nur mit noch mehr Luft gefüllt. Und mit Zigarettenrauch. Während der Gast, zum Beispiel ein österreichischer Hähnchen-Unternehmer, zwischen diesen Dunstglocken in die Mangel genommen und sozialdemokratisch-kritisch auf fehlende Mitbestimmung angesprochen wird, kommt 'Witzigkeit' ins Spiel. Eine dicke Frau wird gezeigt, Nahaufnahme, die immer wieder zwischen das Gespräch geschnitten wird. Die dicke Frau sitzt, lustig-ernst im Hintergrund und frisst ein Hähnchen, so, dass ihr das weiße Faserfleisch zu den fettverschmierten Mundwinkeln heraushängen kann. Wahnsinnig kritisch und wahnsinnig witzig. Heute werden aus solchen Zutaten ganze Theaterinszenierungen gemacht.

Aber zurück zur Feier des Fernsehens. Die ‚Kamera’ 2017.
Ich musste schon befürchten, dass wegen Erdo-Wahn der Grimassenschneider Böhmermann eine Kamera bekommen würde. Der Preis ging aber Gott sei dank an die 'heute show'. Gerade noch davon gekommen. Trotzdem zu früh gefreut. Denn die Lümmel von der letzten Bank beherrschen heute nicht nur die Millionen Kabarettsendungen...

Jane Fonda, ausgezeichnet für ihr Lebenswerk, freut sich über drei Preise für drei Nachrichtensendungen - in Deutschland dürfen also schon drei Sender die Wahrheit sagen. Seitenhieb gegen Trump. Wow! Schmunzelhöhepunkt und Applaus. Sie ist aber noch nicht fertig: "Die ersten Schritte der Faschisten sind die Freiheit der Presse anzugreifen.“
Wow! Erst Barbarella, dann Aerobic und jetzt ein Aufruf zum Kampf!
Allerdings ist das Wort ‚Faschisten‘ in der deutschen Simultanübersetzung nicht zu hören. Kein Schmunzel-Faktor.

Witzigkeit bis zum Abwinken 
Nach Verzückungshysterie im Angesicht amerikanischer Stars, durch den bärtigen Moderator Marke Abenteuer-Doku, ist dann aber endlich wieder die bekannte deutsche Witzigkeit angesagt.
Annette Frier und ein anderer Typ mit Bart schneiden Witzigkeits-Gesichter, um darauf aufmerksam zu machen, dass es jetzt wirklich ernst-witzig werden wird, so wie es in der Ära Böhmermann üblich geworden ist. Aber sie grimassieren nicht nur, sie führen auf der Bühne tatsächlich einen Tanz auf, einen witzigen Tanz, einen Hottentotten-, oder Woodoo- oder einfach Urwald-Tanz. Ugga Ugga Ugga - dazu greift sich Annette an die Titten und drückt sie - „beste Schauspielerin“, röhren beide mit Urwald-Stimmen, der bärtige Typ steckt in einem riesigen, goldenen Briefumschlag-Kostüm und tanzt mit, spätestens jetzt kennt die Witzigkeit keine Grenzen mehr.

Einer der amerikanischen Stars kann sich nun nicht mehr zurückhalten und macht den ‚Scheibenwischer‘ - andere schauen sich entgeistert an. Komplett bescheuert, diese Deutschen.
Auch den deutschen Berühmtheiten stehen jetzt die Münder weit offen. So etwas Lustiges haben sie schon lange nicht mehr gesehen. Jetzt fehlt nur noch Barbara Schöneberger oder ein Auftritt von Roberto Blanco oder Howard Carpendale oder von noch einem Witzigkeits-Experten aus der Abteilung Abitur-Gag, der vielleicht als Doppelgänger eines amerikanischen Stars erscheinen und seinen Preis den Abiturienten Joko und Klaas widmen wird. Keine Sorge, das kam alles auch noch. Alles. Gnadenlos. Wirklich uns wahrhaftig.

Mittwoch, 1. Februar 2017

Gefahr?

"Aus der Tatsache der Trumpschen Präsidentschaft irgendwelche Sensation zu machen, halte ich für kindisch genug, um es seinen getreuen Anhängern zu überlassen". So denken viele, die etwas von der amerikanischen Demokratie halten und von der Stärke ihrer Institutionen - und Trump für einen lächerlichen Clown.

"Aus der Tatsache der Hitlerschen Kanzlerschaft irgendwelche Sensation zu machen, halte ich für kindisch genug, um es seinen getreuen Anhängern zu überlassen". Das schrieb Nikolaus Sieveking, ein Angestellter im Weltwirtschafts-Archiv, am 30. Januar 1933 in sein Tagebuch.

In Deutschland dachten Intellektuelle, Juden, die Presse, die Demokraten, dass ein Kulturvolk wie das deutsche, einen Proleten und Schreihals wie Hitler nicht lange dulden würde. Viele prophezeiten ihm einen schnellen Abgang.
Aber dann: Seine Kritiker wurden verfolgt, die freie Presse verboten, Gegner verprügelt und ermordet. Das Parlament wurde gleichgeschaltet, die Opposition und unliebsame Journalisten verhaftet, die Synagogen brannten - und das Kulturvolk ließ es geschehen.

Hitler versprach Deutschland wieder groß zu machen (to make Germany great again). Über allem stand der Leitsatz: Deutschland Deutschland über alles (Germany first).
Hitler wurde gewählt und er verwandelte Deutschland im Handumdrehen in eine Diktatur. Hitler tat genau das, was er vorher angekündigt hatte.

Montag, 23. Januar 2017

Die Gestörten ergreifen die Macht

In Wikipedia finden wir die Beschreibung des neuen Präsidenten der USA. Unter dem Begriff ‚narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS)' wird eine Person charakterisiert, die "unmäßig stark damit beschäftigt ist, anderen zu imponieren, … aber kein zwischenmenschliches Einfühlungsvermögen besitzt…"
Die Störung zeige sich "durch … eine im Inneren chronisch schwelende Wut, die schon bei geringem Anlass (v. a. bei Kritik) explodieren kann."

Und weiter: "Pathologischer Narzissmus kann sich durch Prahlen und Hochstapelei ebenso äußern wie durch unersättliche Ansprüche und Erwartungen. Personen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung neigen dazu, Menschen in ihrem unmittelbaren Umfeld – besonders Sexualpartner und Kinder – emotional zu missbrauchen, um ihr labiles Ego zu stabilisieren.“

Nur diesmal hat er es nicht nur mit seiner Puppe, mit Sexualpartnern oder Kindern, mit Familie, seinem Stab oder Beraterstab zu tun, sondern mit einem ganzen Volk - mit der ganzen Welt - mit dem ganzen Universum, das er durch sein kleines Wurmloch ganz in ein Paralleluniversum ziehen will. In unserem Universum waren noch nie so wenige Menschen bei einer Amtseinführung. In Trumps Parallel-Universum war es genau umgekehrt. Noch nie bejubelten so viele eine Machtergreifung.

Das Schlimmste aber ist, dass wir ununterbrochen gezwungen sind über Äußerungen und Taten von Gestörten diskutieren zu müssen, weil die zum Beispiel zu Präsidenten gewählt werden, die dann genau das wirre und faschistische Zeug ihrer Kurzmitteilungen in die Tat umsetzen wollen. Äußerungen und Taten, von denen jede einzelne in früheren Zeiten immense Skandale ausgelöst hätten. Haben wir uns schon so an den täglichen Rassismus, den täglichen Hass, den täglichen Wahn gewöhnt, weil unsere Zeit schon übermäßig von Gestörten beherrscht wird?

Die Welt steht auf dem Kopf. Der Dieb schreit ‚Haltet den Dieb‘, der Lügner ‚Lügenpresse‘, Faschisten zeigen mit dem Finger auf Demokraten und brüllen 'Faschisten' und alle kreischen ‚Volksverräter‘, wenn man ihnen auf die Schliche kommt. Wer ihren Verdrehungen nicht folgen will, wird als verdreht gebrandmarkt, wer die Unterdrückung der Meinungsfreiheit kritisiert, wird mundtot gemacht oder gleich eingesperrt. Wer das öffentlich macht, wird der Lüge bezichtigt - und so fort. Wir befinden uns mitten in einer Welt des Wahns. Die neue Zeit ist geladen wie eine Pistole - mit Twitter-Hashtags, Fake-News und Begriffen aus der Nazi-Diktatur. Die Wahnsinnigen bauen Roboter, die ihren Wahn teilen und damit die Daten-Bahnen verstopfen, die Straßen Ost-Deutschlands oder die digitalen Netze und von dort aus allen Rohren feuern. In früheren Zeiten sind Gestörte von Ärzten behandelt worden, heute finden wir sie an der Spitze von Nationalstaaten. Ungarn, Polen, Russland, Türkei - Ende nicht in Sicht.

Jetzt also die USA. Schauspielerin Meryl Streep hat bei einer Preisverleihung sehr persönliche Worte gefunden. Es habe ihr das Herz zerrissen, sehen zu müssen, wie ein Mann, der zum mächtigsten Mann des Landes gewählt werden will, einen behinderten Journalisten auf widerliche und respektlose Weise öffentlich nachgeäfft habe. Die Folgen? Unabsehbar.
Den Schwächeren schlagen und über ihn lachen. Verachtung. Respektlosigkeit löst Respektlosigkeit aus. Macht darf alles. Ich darf jeder Frau zwischen die Beine greifen, weil ich es kann, weil ich Macht habe. Ich könnte jemanden erschießen, niemand würde mich verhaften. Auf einer Wahlkampf-Versammlung lässt der zukünftige Präsident einen Zwischenrufer hinauswerfen und fordert den Saal auf: „Schlagt ihn zusammen, ich zahle den Anwalt“.

Ich habe es schon geahnt, dass genug wütende, gestörte, hasserfüllte und dumme Menschen geben würde, um einen der Ihren tatsächlich in das höchste Amt zu bringen.
Jetzt gibt es ein böses Erwachen. Jetzt sind die Straßen in Washington schwarz von Menschen, die sich wehren wollen. Immerhin. Endlich. Und zur Amtseinführung geht Frau Merkel in eine Ausstellungseröffnung. Gut gemacht. Und sie ist nicht die einzige, die fehlte, zumindest in unserem Universum.

„Eine im Inneren chronisch schwelende Wut, die schon bei geringem Anlass explodieren kann“ lässt ihn toben. Alles Lüge. Die Medien lügen. Er spricht von Betrügern, er will einen ‚Krieg gegen die Medien‘ führen. „Sie werden einen Preis dafür zahlen“, droht er. Seine Beraterin Kellyanne Conway, mit den Fakten konfrontiert, spricht von „alternativen Fakten“. Der Journalist ist mutig und hält ihr vor, ‚alternative Fakten‘ seien keine Fakten sondern Lügen.
Ich bin gespannt, was noch kommt: Gedehnte Wahrheit, Szenen aus dem Wurmloch...

Der Ursprung dieses Realitätsverlustes ist die Konstruktion einer geschlossenen Schein-Realität, wie wir sie von Verschwörungstheoretikern kennen, eine Wahrnehmungsstörung aus der geschlossenen Anstalt, die auf Fakten mit Tobsuchtsanfällen reagieren - unter Freud hieß diese Störung noch „Größenwahn“ und bei den frühen Christen wurde sie als Sünde des Hochmuts und der Ruhmsucht verurteilt. Wir können nur hoffen: Hochmut kommt vor dem Fall.

Samstag, 21. Januar 2017

Für einen Verbotsantrag gegen die AfD

Die NPD wird nicht verboten. Wir müssen sie aushalten. Sie ist keine Gefahr für unsere Demokratie.

Was aber ist mit den Lügenpresse- und Volksverräter-Schreihälsen, den Holocaust-Leugnern, den Brandstiftern, wohin sind sie verschwunden? Gibt es eine neue Nazi-Partei, die wir nicht aushalten sondern aufhalten müssen? Ja. Ich plädiere für einen Verbotsantrag gegen die AfD. Ein Verbot dieser neuen Nazi-Partei ist sinnvoll und überfällig. Würde uns auch deren dummes Geschwätz in allen Talkshows ersparen. Und trifft gleichzeitig auch die NPD, die sich längst der AfD bemächtigt hat. Eine Partei, die menschenfeindliche Demonstrationen anführt, die der Gewalt gegen Flüchtlinge Beifall zollt, die Journalisten beschimpft, von der Berichterstattung ausschließt und attackiert (Vorbilder Trump, Putin, Erdogan), deren Führer lügen, dass sich die Balken biegen (Vorbilder Trump, Putin, Erdogan), aber in jeder Talkshow das alles immer wieder langatmig dementieren dürfen. Immer dasselbe Muster. Hass, Gewalt und im Anschluss das Leugnen von Hass und Gewalt. Kein Wort ist wahr, aber jeder Gegner wird der Lüge bezichtigt, denn immer ist alles aus dem Zusammenhang gerissen, oder falsch verstanden (Vorbilder Trump, Putin, Erdogan).

Fazit: An Gesagtem oder Geschriebenen kann sich bei der AfD niemand orientieren, also schauen wir einfach genauer hin: Gerade in unseren Zeiten zählen die Fakten, trotz aller Bemühungen sie in ein Netz von Lügen einzuspinnen, durch eine Lawine von Falschmeldungen zu relativieren oder unter Hashtags zu begraben. Fakten, Fakten, Fakten: Vergiftung, Hass, Billigung von Gewalt, Rassismus. Bündnisse mit Diktatoren, mit Nazi-Organisationen, Rechts-Nationalen, Demokratie-Feinden. Unter ihren Führern (Beispiel Höcke: Holocaust Mahnmal in Berlin sein ein "Denkmal der Schande") lupenreine Nazis, ihre Abgeordneten lupenreine Nazis, diese Nazis werden auch nicht ausgeschlossen, nein, sie ergreifen die Macht. Soviel zur Lüge 'Besorgte Bürger'. Und die 'Bewegung' richtet Ende Januar einen Kongress in Koblenz aus zum Schulterschluss mit den Rechts-Nationalen Europas (Le Pen, Wilders). Kurz: Die AfD ist nicht nur verfassungsfeindlich, sie ist auch eine reale Bedrohung (ein wichtiger Faktor für ein Verbot, sagt das Verfassungsgericht). Die Zeit drängt: Verbot der Partei der neuen ‚Bewegung‘, bevor es zu spät ist. Wo ich das hernehme? Meine Quelle ist die Lügenpresse, außerdem gibt es die BRD gar nicht. Und übrigens: Die letzte Bemerkung ist ironisch gemeint. Aber nur die letzte.

Dienstag, 3. Januar 2017

Köln und der Rest der Welt - Welt der Verkehrungen

"Das Internet unterstützt genau was ich denke", meint eine Frau auf der Straße. Genau. Die Frau denkt, das Internet...
"Lügenpresse", schreit die Frau. Die Presse lügt und im Netz der Lügen wird alles zur Wahrheit.
Denn ich glaube was ich glaube und das Netz glaubt mit. Trump wird zum Wahrheitsverkünder und Putin zum Menschenfreund. Woher weißt du das? Was sind deine Quellen? Nein, er hat kein Land annektiert, er lässt niemanden umbringen, er lässt keine Krankenhäuser bombardieren, jeder darf seine Meinung sagen, von Mordbanden hat er nie etwas gehört, geschweige denn sie beauftragt, Sportler werden nicht gedopt - und als lupenreiner Demokrat unterstützt er natürlich auch nicht Le Pen, die AfD, den Brexit... von wem die Rede ist? Von Trump, denn der Westen war immer schon...

Wieder ein furchtbarer Anschlag - diesmal in der Türkei. Der Diktator weiß nicht so Recht - auf jeden Fall Razzien, Verhaftungen, alle Gegner eliminieren, aber andererseits - die Terroristen haben an einem unislamischen Feiertag in einer Disko Ungläubige erschossen. Immerhin...

Und zu Silvester kommen erneut und pünktlich über tausend Intensivtäter nach Köln. Diesmal werden sie von der Polizei aufgehalten, überprüft und aus dem Verkehr gezogen. Sie werden wiederkommen. Denn bestraft wird hier kaum jemand... Wir diskutieren lieber über Begriffe.

Frau Peter (Grüne), die so gerne von unbekleideten jungen Männern spricht (weil sie 'unbegleitet' nicht aussprechen kann) verurteilt nicht diese Tatsache, sondern die Verwendung des Begriffs 'nordafrikanische Intensivtäter'. Schlimm. Oder ist die Abkürzung schlimm? Nafris? Nach Gorbi, Nazi, Grexit, Brexit und IHDL die nächste Provokation (Lol). Kritik an den Verhältnissen, den Übergriffen? Kritik an der Kürzel-Krankheit, der verdammten Twitterei? Nein. Die verengte Weltsicht auf 140 Zeichen entspricht auch bei Frau Peter ihrem Horizont. Und schon diskutiert niemand mehr über die verhinderte Gewalt (endlich hat die Polizei die Feiernden, die Frauen wirklich geschützt), sondern über die verkehrten und verschlungenen Hirnwindungen einer Grünen.

Achtung! Dieser Eintrag (Post) enthält ironische Formulierungen. Der Wahrheitsgehalt liegt unter 90%

Mittwoch, 16. November 2016

Trump - Lügenpresse - Mario Barth

Hashtags zeigen auf wunderbare Weise wie unsere Welt funktioniert. Die meisten Hashtags zeigen, was zusammengehört. Die neusten Hashtags - #Trump, #Lügenpresse, #Mario Barth. Schau an. Stimmt.
#Goebbels, #Olympiastadion, #Mario Barth - hatten wir auch schon. Trump und Barth haben gemeinsam, dass sie komische Figuren sind. Und sie werden finanziert von der gleichen Bagage und bejubelt vom Pack.

Barth, Angestellter des Schrei- und Kreisch-Senders RTL, "deckt auf", stellt sich in New York vor den Trump-Tower  - in einer abgesperrten Straße, wegen einer Parade in der Nähe - und macht sich in dieser abgesperrten Straße lustig über nicht-existierende Proteste gegen Trump. Na also. Noch ein Beweis für Lügenpresse - eine Lügenpresse, die von Protesten berichtet, die es natürlich nicht gibt. Wirklich nicht? Fakten? Egal. Lieber nicht. Wieder einmal eine Verschwörung aufgedeckt. 1,5 Millionen sehen sich das Barth-Video auf Facebook an. Und dann: Teilen Teilen Teilen. Ein Kommentar im 'Netz': "Beweise für unsere Lügenpresse…Du bist einfach geil, Mario :-)"

Da staunt der Troll und der Hashtag-Bot wundert sich.

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Terror - Das TV-Event - Sie stimmen ab!

Alle Theater spielen es, das Publikum ist begeistert. Und jetzt noch das Fernsehen. Doku-Drama vom Feinsten! Fakten? Egal.
Auf Emotionen kommt es an. Der Fernsehfilm über einen Kampfpiloten, der befehlswidrig ein von Terroristen gekapertes Flugzeug abschießt, um Menschen in einem Stadion zu retten, sollte berühren. Der Erregungs-Bürger war einmal mehr gefragt. Das Netz schäumte. Und noch eine Volksbefragung. Alles gut.

Was wurde gezeigt? Der Pilot kam im Film für den Abschuss vor Gericht. In der Verhandlung wurden dann Moral, Kant, Schuld oder Notstand lustig durcheinandergewürfelt und alle Beteiligten machten ernste Gesichter dazu. Keine Rolle spielte, dass in dieser Frage die Gesetzeslage geklärt ist. Davon war nicht die Rede. Mich hätte tatsächlich interessiert, ob rein rechtlich und unter welchen Umständen ein Freispruch möglich gewesen wäre.
Aber dazu wäre Differenzierung nötig gewesen. Wenn allerdings ein solcher Fernsehfilm nur noch auf dem Niveau einer Show, in der zwischen A oder B gewählt werden darf, funktionieren soll, bleibt nichts übrig als den Publikums-Joker zu ziehen. Und das ist immer gefährlich.

Überhaupt - Differenzierung gerät aus der Mode. Fakten sind unerheblich, das Recht - zu kompliziert. Man muss die Zuschauer da 'abholen' wo sie sich befinden - auf Herzkino-Niveau. Graustufen kommen nicht vor,  spielen keine Rolle - der mediale Zirkus ist wichtiger. Die deutschen Theater sind froh, dass sie wieder 'echtes Leben' auf die Bühne bringen können, natürlich mit Zuschauerbeteiligung. Das eigentliche Ziel: Volkes Stimme aufrufen. Nach der Abstimmung - Freispruch - steht die Frage: Wo kommen wir hin? Obwohl, nach Twitter-Terror, Pegida-Hass, Internet-Wahn und der üblichen Dummheit, war wohl auch das Ergebnis dieser Abstimmung nur voraussehbar. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass die Mehrheit so groß sein würde - noch ein Anschlag und wir landen bei 99% - ich hätte auch nicht gedacht, dass unsere Werte von Recht und Gesetz offenbar nicht mehr als gegeben, als selbstverständlich gesehen werden. Härte gegen Terroristen. Um jeden Preis. Auch wenn gegen alle Rechtsprinzipien Menschen in einem Flugzeug sterben müssen. Das will der Pegida- und Sturm-Der-Liebe-Zuschauer.

Dieses 'Event' ist ein Kapitel mehr in dem Schauerroman ‚Deutschland wird völkisch‘, ein Kapitel, das zeigt, wie unsere Erregungs- Netz- und Wut-Unkultur mehr und mehr Vernunft, Verfassung, Recht und andere Kleinigkeiten in die Tonne treten hilft. Es geht nur noch um Reflexe und Emotionen. Im Theater ging die Abstimmung regelmäßig zu 60% für den Angeklagten aus. Nach den jüngsten Anschlägen wurden es schnell 70% und das ‚Volk’ vor dem Fernseher ist schon jetzt bei über 80%. Recht - steh uns bei! Sonst wird das Volk schon bald zur Abwendung von Terror, Folter und Todesstrafe befürworten.

Thomas Fischer (Bundesrichter in Karlsruhe) schreibt in der ZEIT: "Weil das Stück von Schirach die Unterscheidung zwischen Unrecht und Schuld fast vollständig unterschlägt, unterschlägt es auch die Tatsache, dass die Lösung des Dilemmas keineswegs nur 'jenseits des Rechts', also irgendwo im Reich der höchstpersönlichen, beliebig 'abstimmbaren' Moral gefunden werden kann, sondern dass es gerade das Recht ist (und sein muss), das sich die am weitesten gehenden und überzeugendsten Gedanken zu solchen Problemen gemacht hat.

... Die freudetrunkenen Abstimmungsregisseure der Stadttheater und Staatsschauspiele interessiert das nicht. Sie lassen die an der Nase herumgeführten Bürger durch die Türen hinaus und herein spazieren oder Karten hochheben, auf dass die Kunst sich einmal wieder verbinde mit dem ganz wirklichen echten Leben, so wie einst.
...
Das ist die größtmögliche Verarschung des Publikums. Wer Unrecht und Schuld in eins setzt, fällt um Jahrhunderte (!) hinter unsere Rechtskultur zurück und benutzt seine Zuschauer als Gaudi-Gäste für eine Rechtsshow der billigen Sorte."

Samstag, 23. Juli 2016

Bang, Bang - Bang! Die ganze Menschheit hinterher

Schüsse in München.
Acht Stunden Fernseh-Live-Show. Endlosschleifen von rennenden Polizisten, rennenden Menschen in kurzen Hosen (Kommentar: "Die Menschen haben Angst"). Umschalten zu Reportern, die in der Gegend stehen und nicht zu sagen wissen. "Wir wissen noch nichts. Da steht seit Stunden eine Frau, die wird nicht abgeholt."
'Tweets' sind die Informationsquelle. Und Postings und Handy-Videos. Und Spekulationen.
Ein Reporter berichtet, dass die Polizei twittert, bitte keine Aufnahmen vom Polizeieinsatz zu twittern und lässt ein Foto vom Polizeieinsatz einblenden.
Man solle auf die Angehörigen Rücksicht nehmen - im Netz sind die Handy-Videos zu sehen von Sterbenden, von sich windenden Körpern auf der Straße.

Eine Frau raucht und erzählt: "Wir waren bei McDonalds essen - wollten was essen...
Die ganzen Mitarbeiter sind erstmal rausgerannt. Und dann - die ganze Menschheit hinterher.
Man hat drei Schüsse gehört. Bang, Bang (Pause) Bang."
Auf einem Video sieht man einen jungen Mann, der um sich schießt, eine ganze Reihe von Schüssen ist zu hören.

Noch ein Video. Der Amokläufer auf dem Dach.
"Ich bin Deutscher!"
"Ein Wichser bist du!"
"Hier geboren worden, in der Harz IV Gegend."
"Wichser!"
Der Wichser schießt um sich.

Die AfD postet: "Wann macht Frau Merkel die Grenzen dicht?"
Der IS postet Anschlag in München - Fotos werden gepostet von Blutspuren in einer U-Bahn-Station - die Fotos sind gefälscht oder aus einer anderen Stadt oder von Polizeiübungen. Egal.
Münchnerinnen und Münchner berichten von Komplizen, von Geiselnahmen, von Schießereien in der Innenstadt, eine Zeitungsredaktion von Schüssen im Innenhof des Gebäudes...

Es wird gepostet und getwittert und gehetzt und geredet und verdächtigt und... Und die ganze Menschheit hinterher.

Freitag, 22. Juli 2016

Nizza und Paris

Charlie Hebdo - Sfar Johann zeichnet mir aus dem Herzen
Und wieder Bomben, Tote, Ausnahmezustand. Terror überall. Die Frequenz erhöht sich und die Gewalt nimmt zu  - unter unseren Augen.

Und wieder die Berichte und die Terror-Experten und die Betroffenheit und in den Nachrichten heißt es am Ende der Bilderschleifen: "Das Netz trauert". Natürlich unterlegt mit Sphärenmusik. Und wieder müssen wir uns 'Tweets' vorlesen lassen: "Ich schäme mich ein Mensch zu sein" - Nein, falsch! "Betet für Nizza" - Falsch! Da kommt mit die Galle hoch. Schon nach den Anschlägen in Paris zeichnete ein Karikaturist von 'Charlie Hebdo' einen Mann, der sagt: Wir brauchen nicht mehr Religion, sondern Musik, Küsse, Leben!

Paris. Immer schon: Flanieren auf den Boulevards, Montmartre, Les Halles, wo Nachtschwärmer in Abendkleidung ihr Frühstück nahmen. Zu sehen auf den alten Bildern. Rauchen, Rotwein trinken, lesen, schweigen oder sich die Köpfe heiß reden. Ich bin einer davon geworden. Leben und leben lassen.

Die Dummen, die Gewalttätigen, die Religiösen, die Feinde des Lebens, sie haben uns noch nie in Ruhe lassen können. Und jetzt überschütten sie uns nicht mehr nur - wie sonst - mit ihrer Dummheit, ihrem Hass, sie schießen auf uns.
Sie schießen nicht wahllos, sie schießen auf uns, weil wir malen, zeichnen, lachen, weil wir gegen Ungerechtigkeit aufstehen. Weil wir diskutieren, in Cafés sitzen, lieben, ins Theater gehen, Musik hören. Nie hätte ich gedacht, dass es solche Menschen geben könnte... Menschen, die Denkmäler sprengen, Musik als Teufelswerk sehen, Frauen versklaven und vergewaltigen, Menschen steinigen, zu Tode peitschen... die Welt von 'Ungläubigen' säubern. Das Mittelalter ist zurück.
ob das Beten noch hilft?
Ich weiß. Wir haben die jungen Männer jenseits der Grenzen unserer Welt in die Vorstädte abgeschoben, alleine gelassen, missachtet, ausgestoßen, ohne Arbeit, ohne Ehre, ohne Bildung, ohne Zukunft. Bis dahin kann ich verstehen. Doch die Ehre dieser Männer ist eine Lüge, um das Ausgrenzen, das Missachten, das Morden zu rechtfertigen. Die Dummen töten Kultur, Bildung, Zukunft, Menschen. Kein Verständnis. Da wo Leben ist, soll der Tod herrschen? Nein.

Gegen Dummheit und Hass. Ich bin froh ein Mensch zu sein. Wir werden kämpfen, wir müssen kämpfen um das Leben, um Recht, Vernunft und Frieden. Um das Bild einer Welt, das ich in Paris kennengelernt habe. Mit allen Widersprüchen, mit allem Leben, mit allem Geist. Liberté, Égalité, Fraternité!

Montag, 7. März 2016

"Ich glaube trotzdem"


"Die Polizei hat ermittelt: Das Kind hat die Schule geschwänzt. Hier ist kein Kind entführt und vergewaltigt worden", sagt der Reporter. Da haben wir aber nicht mit den Besorgten und Betrogenen gerechnet, "Interessiert mich nicht" sagt eine Frau vor der Kamera. "Ob das wahr ist oder nicht interessiert mich nicht, ich glaube trotzdem daran". Eine gläubige Russlanddeutsche. Glaube. Der nächste Schritt?

"Unsere Kinder sind nicht mehr sicher. Die Polizei lügt. Die Presse lügt". Der nächste Schritt?
Pressekonferenz des russischen Außenministers. Das alte Hundegesicht bellt hochoffiziell in die Mikrophone: "Ausländer vergewaltigen unsere Kinder". Und die Nazis klatschen Beifall. Immerhin werden sie von Putin finanziert. Die Putin-Propaganda-Show, die Nazis, die 'Bewegung' - sie alle ziehen an einem Strang. Hauptsache Destabilisierung... Hauptsache alle gegen Europa, alle gegen die Flüchtlinge. Was sagt die 'Linke' dazu? Nichts. Die sind sauer dass Putin lieber Frau Le Pen unterstützt. Und sie sind sauer dass ihre Wutbürger im Osten mittlerweile lieber das Original wählen: AfD.

Und sonst? Hauptsache immer auf die Merkel. Die Letzte, die sich in Europa noch vernünftig und menschlich verhält, wird in die Zange genommen. Die Letzte die noch an eine europäische Lösung glaubt, wird von Europa bekämpft. Die Gegner der deutschen Kanzlerin glauben nicht mehr an eine Frau, die an Europa glaubt. Weil sie an Menschlichkeit glaubt. An Vernunft. Ihre Gegner aber glauben nur noch an den Glauben, an Verschwörungen, an Marsmenschen und an geschlossene Grenzen. Tätowierte Dummbeutel glauben an Body-Bildung und aus deren Mund schießt die Botschaft: "Tod den Ungläubigen". Der nächste Schritt?

Die Meldungen und Posts überschlagen sich, eine Lawine aus Propaganda und Hass. Alle Ausländer rausschmeißen - aber vorher noch foltern, schreit Trump in Amerika. Ungarn hat geschlossen, Österreich macht dicht und Seehofer ist sowieso schon lange dicht. Die 'Bewegung' wird wieder zum Vorbild. PEGIDA ruft schon lange nach einem Diktator, der aufräumt, am liebsten Putin.
PEGIDA und Putin predigen die Parallelwelt, in der die Ordnung bedroht ist durch Ausländer, Intellektuelle, Presse, Opposition. Hängt sie auf, schlagt sie tot, erschießt sie. Der Rest soll glauben. Wie die Russlanddeutsche, die sich nicht mehr von Fakten aus der Ruhe bringen lässt.

Folgen wir all diesen Glaubens-Routen, führen diese geradewegs und immer zu ihren politischen Nutznießern. Putin, der Front National, die Salafisten, die Rechtsradikalen in Europa. "Der Westen ist dekadent. Merkel muss weg." Wir wollen zurück zu Kohl und Honecker, oder besser noch zu Hitler und Stalin, da konnte man als Frau noch ruhig über die Straße gehen...

Grenzen zu und Schießbefehl. Eine neue DDR. Gute Idee. Könnt ihr machen, das ganze Pack. Und macht schön dicht. Macht was ihr wollt, aber lasst uns damit in Ruhe.
Mir reicht es schon lange, das kaltlächelnde Geschwätz in fast jeder Talkshow. Weil wir ja Demokraten sind. Weil wir jeden zu Wort kommen lassen müssen. Das Muster ist: Wir setzen eine Runde von Skandal und Grusel zusammen. Beispiel 'Maischberger'. Ein Schweizer Hetzer (Roger Köppel), ein ehemaliger Führer der 'Bewegung' (Henkel), die aktuelle Führerin (Petry) - es ist unerträglich. Der Gegenpart? Ein wildgewordener Augstein und ein verbissenen Stegner (sozialdemokratischer Schnellsprechautomat). Die Talkshows sind zu Boulevardmagazinen verkommen, Irrationales, Wutschnauben, alle Plattitüden der rechten Propaganda, alle Angstszenarien werden dort ausgebreitet. Soviel zu Lügenpresse.

Dazu kommen hektische Ausweichmanöver, wie eben nach der Diskussion über die 'Kölner Ereignisse'. Haben unsere kritischen Geister völlig den Verstand verloren? Jedenfalls weigern sie sich hinter die Fassade zu blicken, so wie sonst, um zu ergründen warum bestimmte Phänomene auftreten oder gar wo deren Wurzeln liegen. Das Tempo von Meldungen, Posts, Kommentaren und Videos hat eine Frequenz erreicht, die einem Nachdenken oder gar Differenzieren kaum mehr Zeit lässt. Kaum Zeit lassen soll. Schauen wir auf die Diskussionsforen der TV-Sendungen, lesen wir nur noch braunen Müll.

Warum fällt das Denken, das Analysieren im Moment so schwer, gerade nach den Gewaltexzessen von Köln?
Die Fakten liegen auf dem Tisch, da versucht Frau Kraft (SPD) in einer Plasberg-Talkrunde immer noch zu verschleiern, dass in der Silvesternacht gelogen wurde, indem sie behauptet, die Polizei hätte erst nach und nach vom Umfang der Übergriffe erfahren.
Und Frau Künast (Grüne) überschlägt sich: Straftäter - warum Flüchtlinge - egal woher sie kommen - ohne Ansehen der Person - Keine Vorverurteilung...
Und die Kabarettisten? Eifrig dabei ihre Schablonen zu bedienen und ironisch zu relativieren: aber Vergewaltigung in der Ehe - das Oktoberfest - der Karneval - Thailand...
Binsenweisheiten. Da haben wir uns mehr versprochen. Diese Stimmen haben nichts gelernt. Eine bittere Verharmlosung der neuen Qualität an Gewalt.

Ohne Ansehen der Person? Wir müssen uns allerdings die Personen ansehen, die Täter, so wie es die Opfer tun mussten, die das öffentlich machten, als die Polizei noch verlauten ließ, es sei ein ruhiges Silvester gewesen, um dann, nach Ansehen der Personen, Formulierungen zu suchen, die nur das Ziel hatten die Herkunft der Täter zu verschleiern. Wessen Geschäft sie da betreiben, sehen wir an den verbalen Angriffen auf die Opfer, wenn diese versuchen zu schildern, was sie gesehen haben und was ihnen geschehen ist.

Eine junge Frau erzählt von ihren Erlebnissen im SWR. Über die unglaubliche Folge dieses Interviews schreibt der Sender auf seiner Seite: "Selina ist geschockt und unglaublich wütend, wenn sie an das Video denkt, das ein wildfremder Mann über sie ins Internet gestellt hat. Zu sehen sind darin Ausschnitte aus ihrem Fernsehinterview. Darin erzählt sie, dass die Männer, die sie an Silvester belästigt haben, südländisch aussehen und arabisch gesprochen haben. Dafür wird die 26-Jährige als rassistisch und rechtsradikal beschimpft."

Wir sollten, wie sonst auch, an der Seite der Angegriffenen stehen, nirgendwo sonst. Nach einer Flut von Falschmeldungen war klar dass einmal mehr die Stunde der Verschwörungsanhänger schlägt: Neuerdings wird im Netz behauptet, gerade die vielen Lügen machten offenbar, dass eben auch Köln eine einzige große Lüge gewesen sei. Die Frauen seien im Auftrag von Rechtsradikalen zur Polizei gegangen um Flüchtlinge zu diskreditieren.

Wie oft wurde von klugen Menschen in den letzten Jahren darauf hingewiesen, dass gewisse Kräfte natürlich Interesse daran haben, Gewalt und Überfälle durch Nazis und Rassisten zu verharmlosen, indem sie behaupten, diese seien doch nur Kriminelle. Es wurde immer wieder nötig zu erklären: Es sind eben nicht einfach nur Straftäter - es sind Nazis, ihr Weltbild führt zwangsläufig zur Gewalt. Und wenn das nicht gesehen werden soll, machen wir einen verhängnisvollen Fehler.

Was ist also so problematisch für 'Linke' und 'Grüne' hier mit gleichem Maß zu messen, die gleichen Fragen zu stellen - die Hintergründe zu analysieren?

Es sind interessanterweise die gleichen Kräfte, die kritisieren, dass die dummen Sätze immer beginnen mit: "Ich bin kein Nazi, aber..." in diesem Fall allerdings selbst ständig mit einem 'aber' herumwedeln und damit einfache Wahrheiten vom Tisch fegen wollen. Oder sich herauswinden, ein Stückweit, aber nachhaltig.

Ich denke, ein Linker, der nicht jede Gewalt ablehnt, jeden Übergriff anprangert, wie auch jede militärische Okkupation und jede Diktatur, der ist eben kein Linker. Jede Grüne, die sich weigert, Wahrheiten auszusprechen, ist keine Grüne und jeder Demokrat, der Unterdrückung billigt, ist eben kein Demokrat. Und noch eins: jeder Kabarettist, der mit Witzen über schwarze Männer die blonde Frauen vergewaltigen, Gewalt ironisiert und damit verharmlost, ist eben nicht mehr lustig. So einfach ist das.

Mittwoch, 6. Januar 2016

In Köln tobt der Mob - im 'Netz' einmal mehr der Erregungswahn

In der Silvesternacht herrschte vor dem Hauptbahnhof Köln mehr als nur Chaos. Raketen wurden in die Menge geschossen. Es wurde gegrabscht, gespuckt, geschrien, gepöbelt, geklaut, gesoffen und geprügelt. Also alles wie immer? Party-Time wie üblich? Nein.
Aus dem Protokoll eines Oberkommissars: "Gegen 22.45 Uhr füllte sich der gut gefüllte Bahnhofsvorplatz und Bahnhof weiter mit Menschen mit Migrationshintergrund. Frauen mit Begleitung oder ohne durchliefen einen im wahrsten Sinne 'Spießroutenlauf' durch die stark alkoholisierten Männermassen, wie man es nicht beschreiben kann."

In Köln wurden Frauen umringt und angegriffen von einem gewalttätigen Mob junger Männer. Gezielt und brutal. Hier handelt es sich nicht um Klau-Kids oder 'Antänzer'. Sondern um Gewalttäter, um Männer, die offenbar so erzogen sind, dass sie Frauen als natürliche Opfer sehen, sich also nehmen was sie glauben sich nehmen zu können. Mit Gewalt.

Im ‚Netz‘ bricht sofort die Hölle los. Aber mit Erstaunen können wir verfolgen: Schon bald geht es nicht mehr um die Frauen. Nein. Es geht um die Angst den Rechten ein gefundenes Fressen zu servieren. Um die Angst vor Vorverurteilung. Noch sei nichts bewiesen. Die Wirklichkeit wird ausgeblendet. Die Aussagen der Opfer, 100 Anzeigen, übereinstimmende Aussagen über den nackten Terror, sie werden klein geredet.

Die Kölner Oberbürgermeisterin sagt den Kriminellen den Kampf an. Sie will die Täter verfolgen. Sie will, dass sich Frauen frei verhalten und bewegen können. Was hören wir auf 'Twitter' dazu? Hassgezwitscher. Was ist passiert? Frau Reker muss die dumme Frage nach praktischen Tipps beantworten. Praktische Tipps? Sie versucht es mit dem Rat bei Großveranstaltungen eine Armlänge Abstand zu halten und als Gruppe zusammen zu bleiben. Und los geht's: Hashtag: #einearmlaenge - da schwillt der Hals der unsozialen Netzwerke. Frau Reker handelt - das macht sie aus. Das ist die Hauptseite. Sie will dafür sorgen, dass sich in Köln jeder und jede sicher fühlen kann. Das geht dabei fast unter. Das 'Netz' fällt über sie her. Die 'Süddeutsche' schreibt dazu: "Dass pauschale Tipps in der Silvesternacht geholfen hätten, behauptet Reker nicht."

Und weiter: "Solche Tipps geben auch Präventionsexperten, Organisationen gegen Frauengewalt und die Polizei. Andreas Mayer, Leiter der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes in Stuttgart rät, um Ansammlungen pöbelnder Männer einen Bogen zu machen und nicht allein unterwegs zu sein. 'Die Gruppe schützt', sagt er. Der Weisse Ring, eine Organisation, die Kriminalitätsopfern hilft, rät ebenfalls dazu, lieber Umwege in Kauf zu nehmen, als sich in unangenehme Situationen zu begeben."

Also was? Haben wir verlernt das Wichtige zu sehen? Das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen? Wird jeder Nebensatz Anlass für Hass und Hashtag?
Wo kommt das her? Auf FB tummeln sich hauptsächlich nur noch Leute, die alles ‚unfassbar’ finden. Leute, die sich nur noch in geteilten Schlagzeilen, Bildern oder Videos äußern. Der Simpel folgt dem Simpel und seinen Simpel-Fabriken. Keine Grautöne, kein Nachdenken, keine Zusammenhänge. Nur noch Werbevideos, Propaganda, Tränenkitsch und Witzigkeiten. Und dann: Teilen, teilen, teilen. Und so folgen die Einfältigen entweder dem Mob oder den besorgten Bürgern, Nazis oder Trollen, den religiösen Irren, diversen Verschwörungs-Fanatikern, Wahrsagern und Glaubenskriegern.
Wie sagte der Kabarettist Wolfgang Neuss: "Heut mach ich mir kein Butterbrot, heut mach ich mir Gedanken." Guter praktischer Tipp.

Noch einmal. Worum geht es? In unserer Stadt, in Köln, treiben Kriminelle ihr Unwesen. Massenkriminalität auf offener Straße. Eine neue Qualität von Gewalt. Frauen werden vor dem Dom bedroht, von Männerrudeln ihrer Würde und ihrer Habe beraubt, ihnen wird Gewalt angetan - und was tun wir? Haben wir alle nur den eigenen Blödsinn im Kopf?
Die Erbsenzähler schreiben: ‚Das waren doch gar keine Tausend‘. Die Gerechten schreiben: ‚Es gibt noch keine Beweise’. Die Witzigen schreiben ‚Schuld ist nur Frau Roth‘, der Mob schreibt ‚Hängt die Flüchtlinge auf‘, Pegida schreibt ‚Hängt Frau Merkel auf‘ und die Nazis schießen auf Flüchtlingsheime. Auch eine neue Qualität von Gewalt. Die neue Qualität von Dummheit in den unsozialen Netzwerken ist kaum noch zu steigern. Sie hat in den letzten Jahren zugenommen, hat aber heute kein lustiges Gesicht, kein Smilie mehr und beschränkt sich nicht auf Katzenvideos.

Die SZ schreibt: „Es geht um den inneren Frieden. Er wird gefährdet von Exzessen auf der Domplatte und von den Exzessen im Internet, die eine brandgefährliche Atmosphäre schaffen.“ Dem stimme ich zu. Das hysterische Geschrei auf Straßen und im ‚Netz’ wird immer bedrohlicher. Die Redaktion von t-online schreibt: “Wie alle anderen Nachrichtenseiten haben auch wir massive Probleme mit den sogenannten Trollen oder ‚Hatern‘. Sie kennen weder Anstand noch Regeln, beleidigen auf das Schlimmste und verbreiten unter dem Schutz der Anonymität des Internets extremistische, menschenverachtende und gewaltverherrlichende Kommentare. … Deshalb sind wir leider gezwungen, die Kommentarfunktion einzuschränken und nur für eine begrenzte Zahl an Themen zuzulassen. Vor allem bei hochaktuellen politischen Diskussionen wie dem Umgang mit Flüchtlingen oder Pegida hat es sich leider gezeigt, dass ein sinnvoller Austausch von Argumenten unmöglich ist.“

Das war zu erwarten. Die Wenigsten sehen noch klar. Die Wenigsten sind in der Lage vernünftig zu diskutieren oder überhaupt Vernunft walten zu lassen. Kein Wunder in einer Welt, in der alles zu einer Glaubensfrage verkommt oder als solche verkauft wird.
Und wir folgen den Verkäufern und verbreiten damit ihre Lügen auf fabrikmäßig hergestellten Netz-Seiten.
Noch ein Tipp: Heut mach ich mal kein 'Teilen'-Post, heut mach ich mir Gedanken.

Wir müssen die Hasser und Verfolger bekämpfen. Wir müssen für die Menschenwürde eintreten, überall. Es darf in Deutschland weder 'befreite Zonen' geben, also Nazi-Freiräume, in die sich kein Polizist mehr verirren will, noch rechtsfreie Räume für Bandenkriminalität und Terror gegen Frauen - in Köln und anderswo. Staat und Polizei sind verpflichtet zu schützen und einzugreifen. Schon wenn mit Silvesterraketen in die Menge gefeuert wird. Auch wenn Party, Alkoholexzesse und Gewalt oft genug kaum mehr zu trennen sind, ist das kein Grund alles laufen zu lassen oder gar wegzuschauen. Menschen wurden beschossen, blutig geschlagen, ausgeraubt, vergewaltigt. Niemand wurde verhaftet. Das darf nie wieder geschehen. Weder auf dem Oktoberfest noch im Karneval.

Wir haben in unserer Gesellschaft, in unserer Stadt Prinzipien und Verhaltensregeln, die es Wert sind verteidigt zu werden, gegen Kriminelle, religiöse Fanatiker, gewalttätige Dumme und dumme Gewalttäter.

Dienstag, 1. Dezember 2015

Wut allüberall

Besorgte Bürger? Schreihälse seid ihr. Schweigende Mehrheit? Schreihälse seid ihr.
Alle. Das Stimmengewirr hinter den Rauchsäulen der Grillwürste, in der Schrebergartenkolonie Deutschland, hat sich in ein Brüllen verwandelt.
Alkohol. Gegrillte Wort-Würste, Dump-dampfende Satzstümpfe. Brandsätze, die auf die Flüchtenden, die Fürchtenden, geschleudert werden. Noch ein Satz Bier, einen Dumpfsatzstumpf mehr und die Wurst geht hoch, der Brandsatz zündet. Die Schreihälse haben so lange geschwiegen. Aus den 'Flüsterern' in der DDR sind jetzt Randalierer geworden. Jetzt schreien sie alle, weil alle schreien. Wir sind ein schreiendes Volk geworden.

Im Januar die Mordanschläge in Paris. Wir reden dagegen an. Wir zeichnen. Wir argumentieren. Wir singen. Sie schreien mit Allah zurück und lassen Waffen sprechen. Der 'Front National', Kachinsky, Orban, Erdogan, die ganzen Zwerge in Diktatorenpose sind täglicher Anschlag, ein Brandsatz gegen Anstand und Intelligenz. 800 Anschläge in unserem Land in einer Woche. In einer Woche! Und etwa 70 Brandanschläge. Frust, Langeweile, Hass. Und Pegida als neue "Bewegung" der Dummen in diesem Land. Biedermann wird zum Brandstifter. Putin ist das Vorbild. Der Zwerg hat alle Kanäle verstopft. Er hat die Lügenpresse zum Schweigen gebracht. Die Elite ist enteignet, Sender sind eliminiert, Kritiker verhaftet oder ermordet. Die Kultur der vielen Stimmen - ausgeschaltet wie in Ungarn, in der Türkei. Die Nachdenklichen, die Träumer, die Helfer, die Demokraten, sie müssen um ihr Leben fürchten. Sie haben schlechte Gene, unreines Blut. Diese Erkenntnis kommen aus Polen, aus der Türkei. Gute Nacht Europa. Aber zurück nach Deutschland.

Auf RTL wird schon lange nur noch geschrien. Der erste Schrei-Sender. In Dresden wird gegen Flüchtlinge geschrien und gegen die "Lügenpresse" gebrüllt. Nazis grölen und schlagen zu.
Auf der Straße wird geschrien bis das Glas klirrt.
Alte Frauen schreien und keifen gegen Asylanten. Das Hirn schreit auf. Einfalt tut weh. Manche Dummheit erledigt sich von selbst. Der Rapper verkleidet sein Geschrei in unendlichem Gelaber bis bärtige Freunde ihm sagen, Musik sei Teufelswerk. Anschließend darf er als Attentäter sterben.

Das Gebrüll von Wiederkäuern bis zum Infarkt der Gesellschaft. Demokraten werden niedergeschrien, Menschen, die differenziert denken wollen, werden niedergeschrien, Menschen, die schreien, werden niedergeschrien, Menschen, die den Kapitalismus, der alles nach Wert und Geld bemessen will, bekämpfen wollen, werden niedergeschrien. Die Anständigen, die guten Menschen, werden niedergeschrien. 

Bis sie selber schreien. Denn sie haben doch Recht. Die Gesellschaft ist ungerecht. Früher wurde diskutiert, gelacht, geredet. Linke schreien nicht. Das Kabarett ist vernünftig. Was für ein Irrtum. Auch hier wird geschrien. Schmickler schreit, Hassknecht schreit seine Wut in einer Satiresendung hinaus. Überall Wutmonologe. Wutbürger. In einem Wahlspot der Linken schreit ein Bürger aus dem Fenster und Gysi sagt: Aber er hat doch Recht!

Und jetzt höre ich den Aufschrei. Links und rechts, Kabarett und "Bewegung" dürfen wir nicht in einen Topf werfen. Waren wir nicht immer im Widerstand gegen jeden Krieg, gegen jede Besetzung eines Landes, gegen jede Unterdrückung? Waren wir nicht gegen Atomkraftwerke im Westen und im Osten, gegen alle Diktatoren? Was ist geschehen? Plötzlich quillt das brüllende 'Netz'  über von Verschwörungen, es wird nur noch von Kriegsvorbereitung gegen den Osten geschrien, von Verschwörung gegen Putin, alle Schuld, alles Böse liegt in Amerika, im Judentum, bei der Lügenpresse, bei den Politikern. Und Kabarettisten werden zu Kronzeugen dieser Wahrheit, sie machen das mit. Amerika war immer schon... In der Ukraine herrschen doch Faschisten, Russland muss sich schützen. Die "Bewegung" hat verstanden und schreit nach Putin.

Es wird Gift und Galle geschrien. Der Wutbürger will nicht mehr. Er sucht das "Heil". Nach dem KZ wird gerufen. Nach Allah wird geschrien. Nach Säuberung wird geschrien. Wenn das nicht mehr reicht, bellen die Gewehre, röhren die Kanonen. Intelligent sind nur noch die Waffen. In den Händen der Dummen. Der Rest ist Schweigen.

Aber auch Hamlet schreit auf deutschen Bühnen. Die Comedy schreit sowieso. Böhmermann schreit als Abi-Gag oder Bierzeitung im ZDF. Das Publikum lacht auch nicht mehr - es reißt den Mund auf als ob es immer schreien müsste. Ja. Es muss.

Auch in den Stadt-Theatern wird jedes Stück zerschrien, zerbrüllt.
In der Dresdner Inszenierung "Graf Öderland/Wir sind das Volk" treten Schauspieler natürlich aus ihren Rollen um natürlich ihre Sicht der Dinge auf Pegida und Dresden loszuwerden. Annedore Bauer, eine junge, dünne Schauspielerin, läuft hin und her auf der Bühne und schreit einen Wutmonolog. Anmerkung, nur nebenbei, ganz leise: Wie wäre es eigentlich damit eine Rolle zu spielen, statt aus ihr heraus zu treten?
Müssen wir immer heraustreten? Alles herausschreien?

Aber ja. Denn sonst wäre das zeitgenössische Theater nicht mehr zeitgenössisch. Und zeitgenössisch ist schreien und lärmen. Einen Text verstehen? Ein Stück spielen? Nein. Da müsste das Publikum ja mitdenken. Sich Zeit nehmen etwas selber zu verstehen.

Heftig! Schreit das Internet. Teilen! Lesen! Unfassbar!
Die Trolle brüllen um die Wette. Alles Verschwörung! Ihr Wahrheitsunterdrücker!
Ein einziges Brüllen der schweigenden Mehrheit. Die Vernunft liegt am Boden. Schreiend geht die Welt zugrunde. Neiiiiiiin!

Montag, 30. November 2015

Satz des Tages

Morgenmagazin. Erst lachen sich die Moderatorinnen und Moderatoren wie üblich kaputt über das Wetter und sich selbst - soll gute Laune suggerieren - dann gibt es die erste politische Meldung und den Satz des Tages: "Beim Klimagipfel in Paris ist das Thema natürlich Sicherheit".
Ja. Für das Klima ist es sowieso zu spät.

Samstag, 19. September 2015

Politik als Werbespot

Werbespots mit Politikern. Wer hat eigentlich bei Katrin Göring-Eckardt, der grünsten Grünen aller Zeiten, Regie geführt? Wahrscheinlich niemand. Da fehlt nämlich noch die anschwellende Musik, wenn sie uns Zuschauerinnen und Zuschauern, von den Ereignissen bereits aufs Tiefste erschüttert, mit dem Schlimmsten rechnend, mit Schwarz-Weiß-Gesichtsausdruck, bedeutungsschwanger und langsam vorliest, was Nazis so auf ihre Seite posten um sie zu beschimpfen und zu bedrohen...
Der Schock sitzt tief. Jetzt wissen wir Bescheid: Wenn selbst die Katrin schon bedroht wird...

Und wer hat eigentlich die Serie an Werbespots entworfen, in denen das Mädchen mit den rotgefärbten Haaren leicht sächselnd in die Kamera spricht um als kritischer Geist auf unserer Mattscheibe zu erscheinen? Es ist das Gespenst, das umgeht in Europa: Der Simpel. Und sie verkörpert es besonders überzeugend. Es geht um Flüchtlinge. Also sagt sie: "Aufhalten, Abschotten, Abschieben: Das zeigt die Konzeptlosigkeit der Bundesregierung". Schnitt. Jetzt sitzt sie in einer Talkshow, die Kamera fährt leicht um sie herum. Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Sie sollte das Haar nach hinten werfen. Aber sie lächelt nur. Sie schaut und lächelt und Musik erklingt dazu und eine sonore Stimme sagt: "Katja Kipping erwidert: Abschrecken, Abschieben, Abstrafen: Das ist der Dreiklang der schwarz-roten Bundesregierung". Ach so.

Der Dreiklang der allgegenwärtigen Simpel-Show ist: Simple Bilder, simple Slogans, simple Schlüsse. Auch in Nachrichtensendungen wird die Themenübersicht immer mit den selben Anfangsbuchstaben gestaltet, die Poesie der Idioten für die Simpel auf den Sofas. Anmachen, Ansagen, Ausblenden. Und am Schluss noch ein stückweit etwas zum Schmunzeln und - das Wetter. Der neue Slogan des neuen WDR übrigens ist tatsächlich (keine Erfindung): "WDR - macht an!" Klar. Alles muss jung sein.

Alles soll, alles muss 'witzig' sein. Aber die Flüchtlinge - nicht witzig. Und das Bild vom toten Kind am Strand - das verdirbt uns den Spaß, das macht uns das Leben wirklich schwer. Dieses Bild ist schon schlimmer als das vom toten Wal am Strand. Also was tun wir? Fernsehen und alle anderen Worte mit F. Sind wir wirklich Doof, Dumm, Dämlich?
Oppermann (SPD) dreht langsam seinen Kopf in die Kamera und lächelt.
Die Krenzstaaten müssen getränkt werden, sagt die Kipping. Das ist starker Tobak - das ist links! Wahrscheinlich meint sie die Grenzstaaten sollten gedrängt werden - nämlich die Flüchtlinge nicht mehr zu verprügeln oder einzuschließen, sondern ihnen zu helfen... Toll.

Flüchtlinge auch auf der Bühne und in den Kulturmagazinen. "Ein normaler Theaterabend wird es nicht", sagt ein Regisseurschnösel in verstörender Nachhaltigkeit als Leiter einer experimentellen Projektgruppe mit wirr-geföhntem Haar und meint: "Es gibt Momente, die betroffen machen". Natürlich. Klar. Und auf der Bühne werden echte Flüchtlinge auf ein Bühnenbild projiziert. Natürlich. Stück egal. Wie immer. Jetzt in allen Inszenierungen: Projektionen (nein, das ist normal) von Flüchtlingen (das ist neu). Das bewegt. Das ganze schwarz-weiß-bewegte Bild. Das ist normal.

Mittwoch, 16. September 2015

Noch ein Trailer für den Trailer

Man könnte meinen unsere fernsehende Bevölkerung von fern gesehene Bevölkerung, bestünde nur aus minderbemittelten, verkitschten Alten, die auf jung machen müssen, damit sie eine Existenzberechtigung haben... Fernsehen für Deppen, Pack und kindische Greise - oder vergreiste Kinder - so ist es doch, oder? - Nein, nicht dass Sie denken... aber Sie denken ja nicht.

Im Vorabendprogramm tummeln sich jede Menge Alte. Und dann kommt diese Flauschkatze, die sagt: "Jetzt geht's hier jeden Tag rund - Nachmittags spielt sie mit den Enkeln und Abends ist hier Party - Alles fing mit diesem Gel an..." dann sieht man eine enthemmte 70jährige in der Mitte ihres Wohnzimmers Twist tanzen, mit diesem verzücktem Blick, den Frauen haben, wenn sie sich 'free' fühlen, mit 20 in der Disco, mit 50 Sirtaki oder mit 70 Twist tanzend - enthemmt, jede Drehung, jedes Arme-In-Die-Luft-Werfen eine Feier für das Leben, alles fit, bedrohlich fit, bedrohlich beweglich und ein paar 80jährige lassen ihr den nötigen Platz für ihre Gelenke.
Nächster Spot, in dem sich ein alter Autofahrer von seiner Frau fragen lassen muss, ob er an das Geschenk gedacht hat, er zieht die Stirn in Falten, denn er weiß nicht mehr, ob er den Schlüssel am Brett hat hängen lassen, ob vielleicht alles hängt und nichts mehr läuft, was dann, immerhin ist er ein Mann in den besten Jahren... Was dann? Dann helfen: eine Pille und - er erinnert sich, eine Pille und - er erinnert sich, noch eine Pille und - er schaut an sich hinunter, er steht, und noch Granufink und - es läuft - und wenn er dann mit Baldiparat oder wie das Zeug heißt, anschließend mit weißen Nachthemden, die auf dem Bett liegen, schlafen kann - spätestens dann weiß ich, ich bin im ZDF.

Oder wenn alle zwei Minuten jemand sagt: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen sie die Packungsbeilage oder fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker - und das in schwindelerregendem Tempo, wenn dann noch Helene Fischer ihren antiseptischen Kitsch in einen bombastischen Lichtdom plärrt, wenn Bayern München unter Hymnenklängen mal wieder gewinnt und uns ein Volksstadel nach dem anderen kaputtklatscht, dann weiß ich, ich bin immer noch im ZDF und konnte nicht einschlafen, wegen all dieser Pillen.

Sophia Thomalla und Talk-Dauergast Kubicki - FDP (?)
Wenn ein Moderator ständig auf einen Bildschirm drückt und dauernd Fakten checkt und Frau Büscher Emails und Tweets vorliest und die Verwandte einer Fernsehserien-Schauspielerin, die Fernsehserien-Schauspielerin Sophia Thomalla, über Frauen und die anderen 40 Geschlechter redet und eine Frauenbeauftragte mit hartem Gesicht und scharfer Aussprache sich fragt warum man zu so einem Thema überhaupt so eine einlädt und Sophia, die Frau mit dem keck geneigten Kopf, sagt, weil sie eine normale Frau sei und die andere Frau sagt, na, es sei eben eine Unterhaltungssendung und der Moderator beleidigt ist und meint es sei aber eben keine Unterhaltungssendung und der Programmchef begründet warum die erste Fassung der Sendung erst wegen Protesten aus der Mediathek entfernt und dann wegen Protesten wegen der Proteste wieder in die Mediathek aufgenommen wurde, dann weiß ich ermüdet, ich bin im Ersten gelandet.

Wenn sich dicke, hässliche Frauen ständig anschreien und heulen und schreien und ihre dicken, tätowierten Töchter zurückschreien, toben und kreischen - dann habe ich mich zu RTL verirrt.

Zurück zu den Öffentlich-Rechtlichen. Talk-Show. Der letzte kluge Satz wird abgeschnitten, weil keine Zeit mehr ist, weil so oft Bürgerinnen und Bürger gesagt wurde, weil der Moderator einen anderen Moderator, der in einem zweiten Bild in das große Bild hinein gefahren wird, bis es zwei Bilder sind, fragen muss, was denn gleich in seiner Sendung kommt, die gleich kommt, die aber nicht gleich kommt, weil er ja erst erzählen muss, dass das Thema, wie in der Sendung des Kollegen auch, ein Thema auch in seiner Sendung sein wird, die aber noch nicht kommen kann, weil er erst wieder zurückschalten muss, damit sich der erste Moderator jetzt endlich verabschieden kann, um dann noch einmal hinüber zu schalten, damit der zweite Moderator zum zweiten Mal sagen kann, was gleich kommt, was dann aber immer noch nicht kommt, weil erst noch zum zwanzigsten Mal ein Trailer gesendet werden muss über eine Sendung, die danach, gleich danach, nach dessen Sendung, kommt, und deren interessanteste Szene schon zum zwanzigsten Mal zu sehen gewesen ist, im Trailer, bis sie zum einundzwanzigsten Mal zu sehen ist, um anzukündigen, dass die Sendung gleich nach dem Trailer für diese Sendung für die der Trailer wirbt, kommt.

Die fünfzigste Wiederholung eine Sendung im hessischen Nachmittagsprogramm endet mit dem Satz: "Meine Frau - sie ist tot". Anschwellende Musik, Nahaufnahme von Anwälten einer Anwaltskanzlei aus der Serie 'Die Anwälte', entsetzte Gesichter, Tränen, die Augen füllen sich damit, anschwellende Musik. Keine 0,5 Sekunden später sehen wir einen blondierten Typ, ein aufgeräumtes kariertes Hemd, das vor dem Hintergrund der ablaufenden Sendung, von der man den Nachspann sehen, aber nicht mehr lesen kann, also vor dieser Kulisse des Abspanns sehen wir, müssen wir sehen, wie das karierte Hemd offenbar unbedingt Schmunzeliges für den Nachmittagszuschauer absondern muss:

Hallo Hessen
"Es ist Mittwoch, also Gesundheitstag (?) und heute - bei dieser Erkältungszeit (dabei betont er das 'k' besonders, spuckt es aus und macht die Arme ganz breit) kümmern wir uns um die Organe, die davon besonders betroffen sind (?) nämlich Hals (dabei zeigt er mit dem Finger auf seinen Adamsapfel) Nase (dabei quetscht er mit dem Finger seine Nase platt) und - (jetzt dreht er mit beiden Fingern vor seinen Ohren Kreise und sagt nach einer Pause) Ohren! Außerdem haben wir ganz besondere Züchter, hessische Züchter (dabei betont er das 'Z' besonders, spuckt es aus und macht ein verzerrtes Gesicht, zieht die Oberlippe hoch, macht Schlitzaugen und rümpft die Nase) der eine züchtet (Pause) Eichhörnchen - und der andere (Jetzt hüpft er auf und ab) züchtet (Pause, Hüpfen) Kängurus. Hallo Hessen. Gleich geht's los. Gleich nach Hessenschau kompakt." (Jetzt macht er Hasenzähne, ohne Text, noch einmal Hasenzähne und - Schnitt). Aber das Eichhörnchen sehen wir jetzt nicht, weil die Sendung kommt jetzt noch nicht und die folgende kommt auch nicht, weil erst ein Trailer kommt für eine Sendung die noch nicht kommt...

Dienstag, 21. Juli 2015

Zwitschernd ins Mittelalter

Lynchjustiz, Pranger, Inquisition... Das war einmal. Wir sind menschliche Wesen geworden, wir benehmen uns zivilisiert. Mündige Bürgerinnen und Bürger. Keine Schafe. Wir haben gelernt: Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber. Also twittern wir: Die armen Tiere. Und posten: Zu was Menschen alles fähig sind! Bitte teilen! Und dann schauen wir uns um: Wo ist der Metzger? Unter uns? Der Fleisch-Esser, der Merkel-Versteher, der Griechenland-Kritiker?

Wir hängen gerne in der sozialen Hängematte der gesichtslosen Konzerne, die uns beherrschen. Google, Facebook, Starbucks... Da werden wir bedient. Unsere Eier werden eingefroren, falls wir Frauen sind, um später Kinder zu bekommen, mit 60 – wenn die Arbeit getan ist, in multikulturell-musikumspülter Atmosphäre, in Nachhaltigkeit und sanftem Grün. Wir sind wer. Jeder darf sich äußern, im Netz, weltweit, falls er – oder sie nicht in China, Russland, der Türkei oder Korea lebt – falls er noch lebt – oder sie. Also was tun gegen die Langeweile?

Wollen wir den Schafspelz nicht ein bisschen lüften? Wollen wir nicht ein bisschen beißen? Vielleicht auch ein Stückweit totbeißen? Aber ganz langsam. Vorsichtig. Erst einmal ausscheiden. Erst werden wir zu Schafen, die alles Grün abfressen, um es als Hashtag auszuscheiden.
Dann zu Schafen, die sich zusammenrotten, um mit dem Hashtag auf die Fährte zu kommen, die sich in eine blutrünstige Meute verwandeln und losstürmen. Ja, sie wittern das Opfer und wenn es nur einen kleinen Kratzer aufweist. Sie erkennen den Geruch des Blutes, sie wollen jagen und zerfleischen. Alle Schafe haben weiße Wolle. Die schwarzen Schafe werden gejagt.

Alles muss korrekt sein. Keine Zwischentöne, keine Überlegungen, Zweifel, Annäherungen.
#itsacoup – Nein. Kein Staatsstreich in Griechenland... Gemeint ist Schäuble, der deutsche Hitler im Rollstuhl. Nicht etwa eine 'linke' Regierung, die ohne Krawatte auf Motorrädern lässig mit einer Hand in der Tasche in Verhandlungen fährt, die außer diesen Lässigkeiten keinen Plan hat. Eine Männer-Klique, die weder eine schlagkräftige Steuerfahndung einrichtet, noch Steuern eintreibt, die die Milliardäre wie eh und je ungeschoren lässt, die Korruption, die das gesamte System der Vetternwirtschaft, wie ihre Vorgänger, offenbar als kulturelles Erbe betrachtet – diese Regierung also treibt ihr Volk ungesteuert in die Katastrophe und lässt es dazu kommen, dass die 'Geber-Länder' ausschließlich und nur noch von Schulden, Finanzen und Banken reden, weil sie jetzt noch leichter ihren eigenen Profit machen können. Eine komplizierte Gemengelage, deren Unübersichtlichkeit den Schafen zu kompliziert wird. Sie wollen sich nicht über Urheberschaft oder Ursachen Gedanken machen müssen, ihnen genügt ein einfaches „Määhh“: #itsacoup.

Außer dass unter diesem Stichwort für bald erscheinende CDs geworben wird, oder tatsächlich über einen Putsch (in Thailand) gezwitschert wird (niedlich, oder?), finden wir das übliche Übertreiben und Aufpumpen und Schimpfen und Jammern und Anklagen. Griechenland ist toll, die armen Griechen sind toll, die Linken sind toll, Schäuble ein Putschist, Merkel Mutti mit hängenden Mundwinkeln, Deutschland Scheiße, der Kapitalismus sowieso, die Troika sowieso und überhaupt: „Määhh!“

Ein vorläufiger Höhepunkt war der letzte Shitstorm in den unsozialen Netzwerken unter #merkelstreichelt – oh mein Gott! Oder besser OMG! Damit es auch die Schafe verstehen.
Merkel in einer Fernsehdiskussion. Ein kleines palästinensisches Mädchen aus Rostock spricht – in einem Deutsch, das die wenigsten Lallnasen, die sich in ihrem Heimatort vor Flüchtlingsheimen aufbauen, verstehen, geschweige denn sprechen können, sie spricht also über ihre Angst als Flüchtling aus Deutschland ausgewiesen zu werden. Und die Kanzlerin fragt nach, antwortet ihr vernünftig und klar, aufmerksam und dann - um nichts zu beschönigen - sagt sie: Nicht alle werden bleiben können. Das Mädchen fängt an zu weinen, Merkel sieht das, schaut sie an, geht auf sie zu, tröstet sie und sagt ihr, sie habe das sehr gut gemacht, die Probleme so zu schildern. Der nassforsche Moderator muss natürlich hashtag-mäßig eingreifen und irgendwas labern von wegen so einfach sei das nicht, die Kanzlerin ändert den Ton, das wisse sie auch (ich hätte dem Schnösel eine geknallt) und wendet sich wieder dem Mädchen zu.

Dann wird der Beitrag natürlich zusammen-zerschnitten, das große „Määhh!“ beginnt. ÄÄÄhhh, Merkel hat gestreichelt. Will sie auch die Griechen streicheln? Will sie alles wegstreicheln? Die ersten Fotomontagen entstehen. Die ersten Berichte über die Schafherde, über das große „Määhh!“ in den Medien, die natürlich – bis in die seriösen Nachrichten hinein von der 'Empörung' in den unsozialen Medien berichten müssen. WARUM? Die Masse macht's. Das gesunde Volksempfinden muss Thema werden.
Ist die Herde erst einmal losgelaufen, gibt es kein Halten mehr. Das Blöken, das Getrampel, die Staubwolke – darüber muss berichtet werden.

Warum ist das so, warum diese Umkehrung aller Werte. Eine Kanzlerin, die klare Worte findet, auf das Mädchen eingeht, sie tröstet, wenn das Kind die Fassung verliert. Sollten wir nicht – wenn es überhaupt einer Reaktion bedarf – dankbar sein für einen solchen Politikstil? Für eine menschliche Geste?
Wollen wir alle zu Schafen werden? Wollen wir ein lupenreines Riesen-Schaf mit großem Maul, einen Wolf, der ein Baby-Schäfchen auf den Arm nimmt, selbstverständlich von Schaf-Reportern fotografiert, um dem Schäfchen vor laufender Kamera zu versprechen, dass es nicht gefressen wird?
Warum können wir uns nicht darüber freuen, dass uns die größten und dümmsten Exemplare erspart geblieben sind? Bush hätte vom Krieg gegen Terror geknödelt, Berlusconi hätte das Mädchen auf eine Party mit Gleichgesinnten eingeladen, Putin hätte es gleich erschießen lassen. Aber Putin wäre ja nur vom Westen dazu gebracht worden, weil er in die Enge getrieben wurde, der Arme, nicht wahr?

Aus der Distanz schreibt die Züricher NZZ „Der TV-Beitrag über die Begegnung von Angela Merkel mit einem Flüchtlingsmädchen schlägt hohe Wellen. Dabei zeigte der Film nicht einmal die halbe Wahrheit. Ein Lehrstück über Empörungsjournalimus.“ Und weiter schreibt Claudia Schwartz: Der „über sie niedergegangene Shitstorm (war) von subtiler Bösartigkeit – nicht nur in den emotional aufgeladenen Sphären der sozialen Netzwerke. Die 'Süddeutsche Zeitung' gab die Stimmungslage vor, indem sie rasch ventilierte: 'Wie die Kanzlerin ein Flüchtlingsmädchen zum Weinen bringt'. Andernorts wurden gar 'Politiker mit mehr Gespür' wie Silvio Berlusconi herbeigeredet, der das schluchzende Mädchen notfalls eben mit einem unseriösen Versprechen getröstet hätte (Online-Magazin 'Vice').“

Netzhetze, Empörungswelle, Pranger. Zurecht erkennt Kabarettist Dieter Nuhr ein digitales Mittelalter. Und erntet dafür – na was wohl – einen Shitstorm.

Montag, 13. Juli 2015

Die falsche Welt der wahren Welt

Alles Träume, alles Schäume, oder was? Die Welt der schönen Hotels, der Casting-Shows, der Models, der Pilcher-Welten, Traumschiffe und Traumhochzeiten. Eine Welt der Bilder, die wir immer mehr für wahr halten. Für 'authentisch', also nachhaltig retuschiert. Es gibt ein falsches Leben im richtigen und es gibt auch ein falsches Leben im falschen. Die geprügelte Frau, der Flüchtling, der Hooligan, der Arbeitslose - ästhetisch ausgestellt, auf dem Jahrmarkt der Stadttheater, echte Menschen statt Schauspieler, die werden ihrerseits arbeitslos und servieren in Kneipen das Bier für echte Menschen - in echt. Auf den Bühnen immer mehr Mikrophone, in die die echten Menschen über ihr Elend erzählen.

Recherche-Theater als Kabinett des Schreckens mit echten, armen Menschen vor staunendem, reichen Wut-Publikum. Oder in flimmernden, ästhetischen Bildern von Krieg, Hunger und Zerstörung in einer endlos verstörenden Kriegs- und Hunger-'Performance'. Hat nichts mit uns zu tun. Wir sind gut drauf, kann man alles im Facebook lesen. Gefällt mir. Das neue Profilfoto, sexy, süße Katzen oder Sonnenuntergänge oder Blumen. Oder arme Griechen, erstaunliche Obdachlose oder gefolterte Katzen oder armer Putin, böse Merkel, lustige Babys. Alles ist wahr, alles ist echt.

Die Stadt Köln wollte schon eine Köln-Doku-Soap verbieten lassen, weil nach den Bildern einer Stadt des Klüngels, der Unfähigkeit, der versenkten Millionen und Bauwerke, der Kultur- und Bau-Katastrophen jetzt auch noch so getan wird, als wenn sich hier nur sprachunfähige, tätowierte, schreiende Jugend durch die Straßen wälzen würde. Nein. Ist gelogen. Wir haben aber immerhin den Dom und den Karneval. Und den Karneval und den Dom. Und die Produktionsfirmen, die den Doku-Mist produzieren. Und weil das für junge Leute ist, wird weniger der Dom gezeigt (der ist ja schon alt), sondern die Kranhäuser.

Junge Schauspielschülerinnen verabschieden sich schon freiwillig in ihrer Präsentation von Eigenschaften wie individuell, ernsthaft, klar, wandlungsfähig... Das war einmal. Es braucht eine Marke für den Marken-Artikel, damit er sich verkaufen kann: süß, sexy, widerspenstig, frech, süß, sexy...
Dafür braucht es ästhetische Fotografie, Glamour-Fotos, aufgehellt, aufgehübscht, zugekleistert mit Schminke und Photoshop, umrahmt mit Löckchen, bis zur Unkenntlichkeit geglättet. Tussi- und Model-kompatibel.
Schade. Ich muss es einfach nochmal sagen: Schauspiel ist nicht Darstellung, vor allem nicht Selbst-Darstellung. Das Theater könnte das letzte unbeugsame Dorf sein für Geschichten, die mit dem Leben zu tun haben.

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Denken!

Da laufen sie auf die Straße und fürchten sich vor nichts weniger als vor dem Untergang des Abendlandes.

Wo liegt die Ursache? Es ging schon einmal um das Denken. Um die Suche nach einem Menschen.
Aber was sich verbreitet hat in den letzten Jahren ist allein die Dummheit. Woher kommen die neuerlichen Auswüchse? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Islam-Phobie, dem Untergang des Abendlandes, der Pegida-Bewegung, den russischen Staats-Medien, Rosamunde Pilcher, Markus Lanz, Florian Silbereisen, Helene Fischer, Kochshows oder Shitstorm-Auslösern?



Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Anständigen aus der Mitte der Gesellschaft, vergrämten Unverschämten, pöbelnden Kindern, neuen Nazis, prügelnden Glatzköpfen, rüstigen Rentnern, besorgten Kleingärtnern, tätowierten Fleischpaketen, Smilie-Verschickern, religiösen Spinnern, islamischem Staat, Joystick-Bedienern, bewaffneten Banditen, fanatischen Kopf-Ab-Schreihälsen, frömmelnden Kopfschieflegern und sprachunfähigen Studenten?

Die Antwort ist: Ja. Es gibt diese Zusammenhänge. Darum: Wehrt euch! Denkt! Lest! Sprecht! Schluss mit dem dummen Geschwätz, dem Boulevard-Magazinen, den Hasspredigern, dem klebrigen Kitsch, der verlogenen Witzigkeit.
Früher sollten die Juden, heute die Muslime Schuld sein am Untergang des Abendlandes.

Wir haben die Nase voll! Schluss mit dem Aufstand der Spießer, der unser Land in Dummheit zu erstickten versucht. Der denkende, wache Mensch, der aufrechte Gang, sie sind mehr als je zuvor gefordert. Oder wollen wir in einer neuen Dunkelheit, einem neuen Mittelalter versinken?

Heute geht es um die Performance. Hintergründe? Heute eine einzige glatte Oberfläche. Bildung? Höchstens noch Ausbildung. Kultur? Es bleibt eine Flut von Clips.

Lasst euch nicht für dumm verkaufen. Aus Dummheit folgen Vorurteile, Schwarz-Weiß-Denken und Hass. Schluss damit.

Patrioten, Islamisierung, Abendland - wer unter einer solchen einfältig-geschwätzigen Pampe läuft, muss nicht betonen, kein Rechtsradikaler zu sein. Er ist schon in der braunen Soße ausgerutscht. Wie in allen Zeiten grölt er 'Deutschland’ oder 'Volk’ und lässt seinen uniformierten Nebenmann für ihn zuschlagen. Stellen wir uns dieser dumpfen Masse entgegen, bevor sie uns verschlingt. Das ist ein Aufruf.

Montag, 3. Februar 2014

Happy Musik

Kaum zu erkennen. Unter Vermeidung aller Faktoren die 'schwierig' werden könnten. Wie zum Beispiel eine Melodie, die aus mehr als drei Tönen besteht, oder schwierige Texte, oder eine ausgeprägte Stimme. Am besten eine Stimme zwischen Mann und Weib, Gendermäßig, eine Party-Sangria-Pappbecher-Stimmung, so wenig wie möglich Text. Ein Stückweit Gelalle und Gelulle zwischen 'Mensch', 'Freiiiheit', 'Atemlos-Noch-Niemals-In-New-York' - Oder noch besser. Gar kein Text. Die längsten Passagen im Volkstümlich-Erschlager-Pop-Song-Nebel bestehen daher nur noch aus Oh Oh Oh - oder Ohhhh - Ohhhhhhhh - oder Oh Oh Oh Ohhhhhhhoho Oh Oh Oh Ohhhhhoho - so können alle, aber auch alle mitgrölen.

Samstag, 3. November 2012

Die andere Welt

Im Foyer des Theaters am Sachsenring
An der kleinen Bar des Theaters am Sachsenring gab es noch Gespräche. Spät am Abend. Was für ein schönes, kleines Theater, auch nach der Vorstellung. Mein Theater. Am Tisch an der Wand mit den Bildern, Theke im Blick, Blick nach rechts in den Spiegel, Blick nach links durch den roten Vorhang in den Saal. Gläser stehen auf den Tischen. Vor der Theke stehen Menschen. Schauspieler, Besucher, wir verweilen und sprechen unter dem Eindruck einer Theatervorstellung.

Was haben wir gesehen? Haben wir gemeinsam etwas gesehen? Ja. Das Gleiche? Natürlich nicht. Das Gespielte, Gesagte, das Gesehene, das, was wir spüren - jeden Abend ist die Mischung eine andere. Jeder Zuschauer kommt aus seiner eigenen Welt und schaut in eine andere Welt, in die Welt auf der Bühne.

Wir versuchen eine Welt zu bauen, die anders sein soll, anders als die eine, wahre Welt. Eine Kunst-Welt. Wir wollen in unseren Stücken den Unterschied sichtbar machen. Trauer, Liebe, Erregung, Gewalt, Komik, erscheinen auf der Bühne anders als im Supermarkt oder in der U-Bahn. Außerdem gibt es im Theater am Sachsenring diese magische Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum. Die Damen, die ich in die erste Reihe führe, fragen, ob sie mitspielen müssen. Nein. Aber, so klein die Bühne auch ist, es besteht die Möglichkeit, dass sich der Raum während der Vorstellung ins Unendliche dehnt, wenn Spiel und Spielende es zulassen. Dann berührt die Kunst-Welt die wirkliche Welt der Menschen, die im Zuschauerraum sitzen. Theater ganz nah. Das liebt unser Publikum und ich liebe es auch. Wenn die Spieler auf dieser Bühne frei schwingen, aufeinander reagieren, fangen sie manchmal an zu fliegen, wie die Vögel.

Der Zauber des Theaters entsteht, wenn sich Figuren auf der Bühne als lebendige Wesen zu erkennen geben, kein blasses Echo des eigenen 'Ichs', sondern Figuren mit bekannten und unbekannten Seiten. Ich versuche in den Inszenierungen, dass aus dem Spiel keine vordergründige Darstellung wird, dass nicht zuviel verraten, zuviel vorgegeben wird. Wir sehen die Figur durch die Menschlichkeit der Schauspieler, die Menschlichkeit der Figuren durch die Kunst der Schauspieler. Es braucht keine Filmeinspielung, um dem Publikum zu erklären, was gemeint ist. Keine Interpretation, sondern Wahrnehmung. Darum müssen die Schauspieler Menschen bleiben, Hauptfiguren auf der Bühne.

Bleibt das Spiel in der Schwebe, bleiben die Figuren menschlich, dann erzählen sie wahrhaftig eine Geschichte. Dann bewegen sie Geist und Empfindung. Manchmal sehe ich noch Erregung in den Gesichtern der Besucher, die an der Theke vorbei unser Theater verlassen und sich verabschieden. Das ist bereits ein großes Kompliment. Ich bin müde. Ein letztes 'Auf Wiedersehen'. Noch ein Glas an der Theke, noch ein paar Sätze im Foyer an der Theke. Durch den milden, feuchten Abend in die wirkliche Welt.

Über mich

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.