Mittwoch, 10. August 2016

In den sozialen Netzwerken ist die Aufregung groß!

ICH KANN ES NICHT MEHR HÖREN!

Prediger predigen die Vernunft, Trump lässt den Revolver stecken, Seehofer findet die Merkel toll, Putin beleidigt den Erdogan und ruft die Demokratie in Russland aus - kaum passiert in der Welt irgend eine Kleinigkeit, ist die Lawine auch schon losgetreten: - alle Medien fangen an zu rennen. Vorneweg die Netz-Zwitscherer und danach alle Medien, die die Zwitscherer zitieren. Dann die Reporter, die auf der Straße die nächste Kurzhaarfrisur, den typischen Migranten und den Rentner befragen müssen. Und dann - nein erst kommen noch die Schlagersternchen und Sportskanonen, die ununterbrochen twittern ("Bin fassungslos" - "Wie können Menschen so etwas tun"), aber dann - nein, dann kommt erst noch der Reporter vor Ort, der vor einem weißen Haus steht und noch nichts Genaues weiß - jetzt aber, ja, dann - endlich - sagen sie, die jungen Moderatoren mit den Schmunzel-Gesichtern, ihn, den Satz, der hinter jeder Meldung kommt (sonst wäre es ja keine Meldung): In den sozialen Netzwerken ist die Aufregung groß!


Samstag, 23. Juli 2016

Bang, Bang - Bang! Die ganze Menschheit hinterher

Schüsse in München.
Acht Stunden Fernseh-Live-Show. Endlosschleifen von rennenden Polizisten, rennenden Menschen in kurzen Hosen (Kommentar: "Die Menschen haben Angst"). Umschalten zu Reportern, die in der Gegend stehen und nicht zu sagen wissen. "Wir wissen noch nichts. Da steht seit Stunden eine Frau, die wird nicht abgeholt."
'Tweets' sind die Informationsquelle. Und Postings und Handy-Videos. Und Spekulationen.
Ein Reporter berichtet, dass die Polizei twittert, bitte keine Aufnahmen vom Polizeieinsatz zu twittern und lässt ein Foto vom Polizeieinsatz einblenden.
Man solle auf die Angehörigen Rücksicht nehmen - im Netz sind die Handy-Videos zu sehen von Sterbenden, von sich windenden Körpern auf der Straße.

Eine Frau raucht und erzählt: "Wir waren bei McDonalds essen - wollten was essen...
Die ganzen Mitarbeiter sind erstmal rausgerannt. Und dann - die ganze Menschheit hinterher.
Man hat drei Schüsse gehört. Bang, Bang (Pause) Bang."
Auf einem Video sieht man einen jungen Mann, der um sich schießt, eine ganze Reihe von Schüssen ist zu hören.

Noch ein Video. Der Amokläufer auf dem Dach.
"Ich bin Deutscher!"
"Ein Wichser bist du!"
"Hier geboren worden, in der Harz IV Gegend."
"Wichser!"
Der Wichser schießt um sich.

Die AfD postet: "Wann macht Frau Merkel die Grenzen dicht?"
Der IS postet Anschlag in München - Fotos werden gepostet von Blutspuren in einer U-Bahn-Station - die Fotos sind gefälscht oder aus einer anderen Stadt oder von Polizeiübungen. Egal.
Münchnerinnen und Münchner berichten von Komplizen, von Geiselnahmen, von Schießereien in der Innenstadt, eine Zeitungsredaktion von Schüssen im Innenhof des Gebäudes...

Es wird gepostet und getwittert und gehetzt und geredet und verdächtigt und... Und die ganze Menschheit hinterher.

Freitag, 22. Juli 2016

Nizza und Paris

Charlie Hebdo - Sfar Johann zeichnet mir aus dem Herzen
Und wieder Bomben, Tote, Ausnahmezustand. Terror überall. Die Frequenz erhöht sich und die Gewalt nimmt zu  - unter unseren Augen.

Und wieder die Berichte und die Terror-Experten und die Betroffenheit und in den Nachrichten heißt es am Ende der Bilderschleifen: "Das Netz trauert". Natürlich unterlegt mit Sphärenmusik. Und wieder müssen wir uns 'Tweets' vorlesen lassen: "Ich schäme mich ein Mensch zu sein" - Nein, falsch! "Betet für Nizza" - Falsch! Da kommt mit die Galle hoch. Schon nach den Anschlägen in Paris zeichnete ein Karikaturist von 'Charlie Hebdo' einen Mann, der sagt: Wir brauchen nicht mehr Religion, sondern Musik, Küsse, Leben!

Paris. Immer schon: Flanieren auf den Boulevards, Montmartre, Les Halles, wo Nachtschwärmer in Abendkleidung ihr Frühstück nahmen. Zu sehen auf den alten Bildern. Rauchen, Rotwein trinken, lesen, schweigen oder sich die Köpfe heiß reden. Ich bin einer davon geworden. Leben und leben lassen.

Die Dummen, die Gewalttätigen, die Religiösen, die Feinde des Lebens, sie haben uns noch nie in Ruhe lassen können. Und jetzt überschütten sie uns nicht mehr nur - wie sonst - mit ihrer Dummheit, ihrem Hass, sie schießen auf uns.
Sie schießen nicht wahllos, sie schießen auf uns, weil wir malen, zeichnen, lachen, weil wir gegen Ungerechtigkeit aufstehen. Weil wir diskutieren, in Cafés sitzen, lieben, ins Theater gehen, Musik hören. Nie hätte ich gedacht, dass es solche Menschen geben könnte... Menschen, die Denkmäler sprengen, Musik als Teufelswerk sehen, Frauen versklaven und vergewaltigen, Menschen steinigen, zu Tode peitschen... die Welt von 'Ungläubigen' säubern. Das Mittelalter ist zurück.
ob das Beten noch hilft?
Ich weiß. Wir haben die jungen Männer jenseits der Grenzen unserer Welt in die Vorstädte abgeschoben, alleine gelassen, missachtet, ausgestoßen, ohne Arbeit, ohne Ehre, ohne Bildung, ohne Zukunft. Bis dahin kann ich verstehen. Doch die Ehre dieser Männer ist eine Lüge, um das Ausgrenzen, das Missachten, das Morden zu rechtfertigen. Die Dummen töten Kultur, Bildung, Zukunft, Menschen. Kein Verständnis. Da wo Leben ist, soll der Tod herrschen? Nein.

Gegen Dummheit und Hass. Ich bin froh ein Mensch zu sein. Wir werden kämpfen, wir müssen kämpfen um das Leben, um Recht, Vernunft und Frieden. Um das Bild einer Welt, das ich in Paris kennengelernt habe. Mit allen Widersprüchen, mit allem Leben, mit allem Geist. Liberté, Égalité, Fraternité!

Montag, 7. März 2016

"Ich glaube trotzdem"


"Die Polizei hat ermittelt: Das Kind hat die Schule geschwänzt. Hier ist kein Kind entführt und vergewaltigt worden", sagt der Reporter. Da haben wir aber nicht mit den Besorgten und Betrogenen gerechnet, "Interessiert mich nicht" sagt eine Frau vor der Kamera. "Ob das wahr ist oder nicht interessiert mich nicht, ich glaube trotzdem daran". Eine gläubige Russlanddeutsche. Glaube. Der nächste Schritt?

"Unsere Kinder sind nicht mehr sicher. Die Polizei lügt. Die Presse lügt". Der nächste Schritt?
Pressekonferenz des russischen Außenministers. Das alte Hundegesicht bellt hochoffiziell in die Mikrophone: "Ausländer vergewaltigen unsere Kinder". Und die Nazis klatschen Beifall. Immerhin werden sie von Putin finanziert. Die Putin-Propaganda-Show, die Nazis, die 'Bewegung' - sie alle ziehen an einem Strang. Hauptsache Destabilisierung... Hauptsache alle gegen Europa, alle gegen die Flüchtlinge. Was sagt die 'Linke' dazu? Nichts. Die sind sauer dass Putin lieber Frau Le Pen unterstützt. Und sie sind sauer dass ihre Wutbürger im Osten mittlerweile lieber das Original wählen: AfD.

Und sonst? Hauptsache immer auf die Merkel. Die Letzte, die sich in Europa noch vernünftig und menschlich verhält, wird in die Zange genommen. Die Letzte die noch an eine europäische Lösung glaubt, wird von Europa bekämpft. Die Gegner der deutschen Kanzlerin glauben nicht mehr an eine Frau, die an Europa glaubt. Weil sie an Menschlichkeit glaubt. An Vernunft. Ihre Gegner aber glauben nur noch an den Glauben, an Verschwörungen, an Marsmenschen und an geschlossene Grenzen. Tätowierte Dummbeutel glauben an Body-Bildung und aus deren Mund schießt die Botschaft: "Tod den Ungläubigen". Der nächste Schritt?

Die Meldungen und Posts überschlagen sich, eine Lawine aus Propaganda und Hass. Alle Ausländer rausschmeißen - aber vorher noch foltern, schreit Trump in Amerika. Ungarn hat geschlossen, Österreich macht dicht und Seehofer ist sowieso schon lange dicht. Die 'Bewegung' wird wieder zum Vorbild. PEGIDA ruft schon lange nach einem Diktator, der aufräumt, am liebsten Putin.
PEGIDA und Putin predigen die Parallelwelt, in der die Ordnung bedroht ist durch Ausländer, Intellektuelle, Presse, Opposition. Hängt sie auf, schlagt sie tot, erschießt sie. Der Rest soll glauben. Wie die Russlanddeutsche, die sich nicht mehr von Fakten aus der Ruhe bringen lässt.

Folgen wir all diesen Glaubens-Routen, führen diese geradewegs und immer zu ihren politischen Nutznießern. Putin, der Front National, die Salafisten, die Rechtsradikalen in Europa. "Der Westen ist dekadent. Merkel muss weg." Wir wollen zurück zu Kohl und Honecker, oder besser noch zu Hitler und Stalin, da konnte man als Frau noch ruhig über die Straße gehen...

Grenzen zu und Schießbefehl. Eine neue DDR. Gute Idee. Könnt ihr machen, das ganze Pack. Und macht schön dicht. Macht was ihr wollt, aber lasst uns damit in Ruhe.
Mir reicht es schon lange, das kaltlächelnde Geschwätz in fast jeder Talkshow. Weil wir ja Demokraten sind. Weil wir jeden zu Wort kommen lassen müssen. Das Muster ist: Wir setzen eine Runde von Skandal und Grusel zusammen. Beispiel 'Maischberger'. Ein Schweizer Hetzer (Roger Köppel), ein ehemaliger Führer der 'Bewegung' (Henkel), die aktuelle Führerin (Petry) - es ist unerträglich. Der Gegenpart? Ein wildgewordener Augstein und ein verbissenen Stegner (sozialdemokratischer Schnellsprechautomat). Die Talkshows sind zu Boulevardmagazinen verkommen, Irrationales, Wutschnauben, alle Plattitüden der rechten Propaganda, alle Angstszenarien werden dort ausgebreitet. Soviel zu Lügenpresse.

Dazu kommen hektische Ausweichmanöver, wie eben nach der Diskussion über die 'Kölner Ereignisse'. Haben unsere kritischen Geister völlig den Verstand verloren? Jedenfalls weigern sie sich hinter die Fassade zu blicken, so wie sonst, um zu ergründen warum bestimmte Phänomene auftreten oder gar wo deren Wurzeln liegen. Das Tempo von Meldungen, Posts, Kommentaren und Videos hat eine Frequenz erreicht, die einem Nachdenken oder gar Differenzieren kaum mehr Zeit lässt. Kaum Zeit lassen soll. Schauen wir auf die Diskussionsforen der TV-Sendungen, lesen wir nur noch braunen Müll.

Warum fällt das Denken, das Analysieren im Moment so schwer, gerade nach den Gewaltexzessen von Köln?
Die Fakten liegen auf dem Tisch, da versucht Frau Kraft (SPD) in einer Plasberg-Talkrunde immer noch zu verschleiern, dass in der Silvesternacht gelogen wurde, indem sie behauptet, die Polizei hätte erst nach und nach vom Umfang der Übergriffe erfahren.
Und Frau Künast (Grüne) überschlägt sich: Straftäter - warum Flüchtlinge - egal woher sie kommen - ohne Ansehen der Person - Keine Vorverurteilung...
Und die Kabarettisten? Eifrig dabei ihre Schablonen zu bedienen und ironisch zu relativieren: aber Vergewaltigung in der Ehe - das Oktoberfest - der Karneval - Thailand...
Binsenweisheiten. Da haben wir uns mehr versprochen. Diese Stimmen haben nichts gelernt. Eine bittere Verharmlosung der neuen Qualität an Gewalt.

Ohne Ansehen der Person? Wir müssen uns allerdings die Personen ansehen, die Täter, so wie es die Opfer tun mussten, die das öffentlich machten, als die Polizei noch verlauten ließ, es sei ein ruhiges Silvester gewesen, um dann, nach Ansehen der Personen, Formulierungen zu suchen, die nur das Ziel hatten die Herkunft der Täter zu verschleiern. Wessen Geschäft sie da betreiben, sehen wir an den verbalen Angriffen auf die Opfer, wenn diese versuchen zu schildern, was sie gesehen haben und was ihnen geschehen ist.

Eine junge Frau erzählt von ihren Erlebnissen im SWR. Über die unglaubliche Folge dieses Interviews schreibt der Sender auf seiner Seite: "Selina ist geschockt und unglaublich wütend, wenn sie an das Video denkt, das ein wildfremder Mann über sie ins Internet gestellt hat. Zu sehen sind darin Ausschnitte aus ihrem Fernsehinterview. Darin erzählt sie, dass die Männer, die sie an Silvester belästigt haben, südländisch aussehen und arabisch gesprochen haben. Dafür wird die 26-Jährige als rassistisch und rechtsradikal beschimpft."

Wir sollten, wie sonst auch, an der Seite der Angegriffenen stehen, nirgendwo sonst. Nach einer Flut von Falschmeldungen war klar dass einmal mehr die Stunde der Verschwörungsanhänger schlägt: Neuerdings wird im Netz behauptet, gerade die vielen Lügen machten offenbar, dass eben auch Köln eine einzige große Lüge gewesen sei. Die Frauen seien im Auftrag von Rechtsradikalen zur Polizei gegangen um Flüchtlinge zu diskreditieren.

Wie oft wurde von klugen Menschen in den letzten Jahren darauf hingewiesen, dass gewisse Kräfte natürlich Interesse daran haben, Gewalt und Überfälle durch Nazis und Rassisten zu verharmlosen, indem sie behaupten, diese seien doch nur Kriminelle. Es wurde immer wieder nötig zu erklären: Es sind eben nicht einfach nur Straftäter - es sind Nazis, ihr Weltbild führt zwangsläufig zur Gewalt. Und wenn das nicht gesehen werden soll, machen wir einen verhängnisvollen Fehler.

Was ist also so problematisch für 'Linke' und 'Grüne' hier mit gleichem Maß zu messen, die gleichen Fragen zu stellen - die Hintergründe zu analysieren?

Es sind interessanterweise die gleichen Kräfte, die kritisieren, dass die dummen Sätze immer beginnen mit: "Ich bin kein Nazi, aber..." in diesem Fall allerdings selbst ständig mit einem 'aber' herumwedeln und damit einfache Wahrheiten vom Tisch fegen wollen. Oder sich herauswinden, ein Stückweit, aber nachhaltig.

Ich denke, ein Linker, der nicht jede Gewalt ablehnt, jeden Übergriff anprangert, wie auch jede militärische Okkupation und jede Diktatur, der ist eben kein Linker. Jede Grüne, die sich weigert, Wahrheiten auszusprechen, ist keine Grüne und jeder Demokrat, der Unterdrückung billigt, ist eben kein Demokrat. Und noch eins: jeder Kabarettist, der mit Witzen über schwarze Männer die blonde Frauen vergewaltigen, Gewalt ironisiert und damit verharmlost, ist eben nicht mehr lustig. So einfach ist das.

Mittwoch, 6. Januar 2016

In Köln tobt der Mob - im 'Netz' einmal mehr der Erregungswahn

In der Silvesternacht herrschte vor dem Hauptbahnhof Köln mehr als nur Chaos. Raketen wurden in die Menge geschossen. Es wurde gegrabscht, gespuckt, geschrien, gepöbelt, geklaut, gesoffen und geprügelt. Also alles wie immer? Party-Time wie üblich? Nein.
Aus dem Protokoll eines Oberkommissars: "Gegen 22.45 Uhr füllte sich der gut gefüllte Bahnhofsvorplatz und Bahnhof weiter mit Menschen mit Migrationshintergrund. Frauen mit Begleitung oder ohne durchliefen einen im wahrsten Sinne 'Spießroutenlauf' durch die stark alkoholisierten Männermassen, wie man es nicht beschreiben kann."

In Köln wurden Frauen umringt und angegriffen von einem gewalttätigen Mob junger Männer. Gezielt und brutal. Hier handelt es sich nicht um Klau-Kids oder 'Antänzer'. Sondern um Gewalttäter, um Männer, die offenbar so erzogen sind, dass sie Frauen als natürliche Opfer sehen, sich also nehmen was sie glauben sich nehmen zu können. Mit Gewalt.

Im ‚Netz‘ bricht sofort die Hölle los. Aber mit Erstaunen können wir verfolgen: Schon bald geht es nicht mehr um die Frauen. Nein. Es geht um die Angst den Rechten ein gefundenes Fressen zu servieren. Um die Angst vor Vorverurteilung. Noch sei nichts bewiesen. Die Wirklichkeit wird ausgeblendet. Die Aussagen der Opfer, 100 Anzeigen, übereinstimmende Aussagen über den nackten Terror, sie werden klein geredet.

Die Kölner Oberbürgermeisterin sagt den Kriminellen den Kampf an. Sie will die Täter verfolgen. Sie will, dass sich Frauen frei verhalten und bewegen können. Was hören wir auf 'Twitter' dazu? Hassgezwitscher. Was ist passiert? Frau Reker muss die dumme Frage nach praktischen Tipps beantworten. Praktische Tipps? Sie versucht es mit dem Rat bei Großveranstaltungen eine Armlänge Abstand zu halten und als Gruppe zusammen zu bleiben. Und los geht's: Hashtag: #einearmlaenge - da schwillt der Hals der unsozialen Netzwerke. Frau Reker handelt - das macht sie aus. Das ist die Hauptseite. Sie will dafür sorgen, dass sich in Köln jeder und jede sicher fühlen kann. Das geht dabei fast unter. Das 'Netz' fällt über sie her. Die 'Süddeutsche' schreibt dazu: "Dass pauschale Tipps in der Silvesternacht geholfen hätten, behauptet Reker nicht."

Und weiter: "Solche Tipps geben auch Präventionsexperten, Organisationen gegen Frauengewalt und die Polizei. Andreas Mayer, Leiter der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes in Stuttgart rät, um Ansammlungen pöbelnder Männer einen Bogen zu machen und nicht allein unterwegs zu sein. 'Die Gruppe schützt', sagt er. Der Weisse Ring, eine Organisation, die Kriminalitätsopfern hilft, rät ebenfalls dazu, lieber Umwege in Kauf zu nehmen, als sich in unangenehme Situationen zu begeben."

Also was? Haben wir verlernt das Wichtige zu sehen? Das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen? Wird jeder Nebensatz Anlass für Hass und Hashtag?
Wo kommt das her? Auf FB tummeln sich hauptsächlich nur noch Leute, die alles ‚unfassbar’ finden. Leute, die sich nur noch in geteilten Schlagzeilen, Bildern oder Videos äußern. Der Simpel folgt dem Simpel und seinen Simpel-Fabriken. Keine Grautöne, kein Nachdenken, keine Zusammenhänge. Nur noch Werbevideos, Propaganda, Tränenkitsch und Witzigkeiten. Und dann: Teilen, teilen, teilen. Und so folgen die Einfältigen entweder dem Mob oder den besorgten Bürgern, Nazis oder Trollen, den religiösen Irren, diversen Verschwörungs-Fanatikern, Wahrsagern und Glaubenskriegern.
Wie sagte der Kabarettist Wolfgang Neuss: "Heut mach ich mir kein Butterbrot, heut mach ich mir Gedanken." Guter praktischer Tipp.

Noch einmal. Worum geht es? In unserer Stadt, in Köln, treiben Kriminelle ihr Unwesen. Massenkriminalität auf offener Straße. Eine neue Qualität von Gewalt. Frauen werden vor dem Dom bedroht, von Männerrudeln ihrer Würde und ihrer Habe beraubt, ihnen wird Gewalt angetan - und was tun wir? Haben wir alle nur den eigenen Blödsinn im Kopf?
Die Erbsenzähler schreiben: ‚Das waren doch gar keine Tausend‘. Die Gerechten schreiben: ‚Es gibt noch keine Beweise’. Die Witzigen schreiben ‚Schuld ist nur Frau Roth‘, der Mob schreibt ‚Hängt die Flüchtlinge auf‘, Pegida schreibt ‚Hängt Frau Merkel auf‘ und die Nazis schießen auf Flüchtlingsheime. Auch eine neue Qualität von Gewalt. Die neue Qualität von Dummheit in den unsozialen Netzwerken ist kaum noch zu steigern. Sie hat in den letzten Jahren zugenommen, hat aber heute kein lustiges Gesicht, kein Smilie mehr und beschränkt sich nicht auf Katzenvideos.

Die SZ schreibt: „Es geht um den inneren Frieden. Er wird gefährdet von Exzessen auf der Domplatte und von den Exzessen im Internet, die eine brandgefährliche Atmosphäre schaffen.“ Dem stimme ich zu. Das hysterische Geschrei auf Straßen und im ‚Netz’ wird immer bedrohlicher. Die Redaktion von t-online schreibt: “Wie alle anderen Nachrichtenseiten haben auch wir massive Probleme mit den sogenannten Trollen oder ‚Hatern‘. Sie kennen weder Anstand noch Regeln, beleidigen auf das Schlimmste und verbreiten unter dem Schutz der Anonymität des Internets extremistische, menschenverachtende und gewaltverherrlichende Kommentare. … Deshalb sind wir leider gezwungen, die Kommentarfunktion einzuschränken und nur für eine begrenzte Zahl an Themen zuzulassen. Vor allem bei hochaktuellen politischen Diskussionen wie dem Umgang mit Flüchtlingen oder Pegida hat es sich leider gezeigt, dass ein sinnvoller Austausch von Argumenten unmöglich ist.“

Das war zu erwarten. Die Wenigsten sehen noch klar. Die Wenigsten sind in der Lage vernünftig zu diskutieren oder überhaupt Vernunft walten zu lassen. Kein Wunder in einer Welt, in der alles zu einer Glaubensfrage verkommt oder als solche verkauft wird.
Und wir folgen den Verkäufern und verbreiten damit ihre Lügen auf fabrikmäßig hergestellten Netz-Seiten.
Noch ein Tipp: Heut mach ich mal kein 'Teilen'-Post, heut mach ich mir Gedanken.

Wir müssen die Hasser und Verfolger bekämpfen. Wir müssen für die Menschenwürde eintreten, überall. Es darf in Deutschland weder 'befreite Zonen' geben, also Nazi-Freiräume, in die sich kein Polizist mehr verirren will, noch rechtsfreie Räume für Bandenkriminalität und Terror gegen Frauen - in Köln und anderswo. Staat und Polizei sind verpflichtet zu schützen und einzugreifen. Schon wenn mit Silvesterraketen in die Menge gefeuert wird. Auch wenn Party, Alkoholexzesse und Gewalt oft genug kaum mehr zu trennen sind, ist das kein Grund alles laufen zu lassen oder gar wegzuschauen. Menschen wurden beschossen, blutig geschlagen, ausgeraubt, vergewaltigt. Niemand wurde verhaftet. Das darf nie wieder geschehen. Weder auf dem Oktoberfest noch im Karneval.

Wir haben in unserer Gesellschaft, in unserer Stadt Prinzipien und Verhaltensregeln, die es Wert sind verteidigt zu werden, gegen Kriminelle, religiöse Fanatiker, gewalttätige Dumme und dumme Gewalttäter.

Dienstag, 1. Dezember 2015

Wut allüberall

Besorgte Bürger? Schreihälse seid ihr. Schweigende Mehrheit? Schreihälse seid ihr.
Alle. Das Stimmengewirr hinter den Rauchsäulen der Grillwürste, in der Schrebergartenkolonie Deutschland, hat sich in ein Brüllen verwandelt.
Alkohol. Gegrillte Wort-Würste, Dump-dampfende Satzstümpfe. Brandsätze, die auf die Flüchtenden, die Fürchtenden, geschleudert werden. Noch ein Satz Bier, einen Dumpfsatzstumpf mehr und die Wurst geht hoch, der Brandsatz zündet. Die Schreihälse haben so lange geschwiegen. Aus den 'Flüsterern' in der DDR sind jetzt Randalierer geworden. Jetzt schreien sie alle, weil alle schreien. Wir sind ein schreiendes Volk geworden.

Im Januar die Mordanschläge in Paris. Wir reden dagegen an. Wir zeichnen. Wir argumentieren. Wir singen. Sie schreien mit Allah zurück und lassen Waffen sprechen. Der 'Front National', Kachinsky, Orban, Erdogan, die ganzen Zwerge in Diktatorenpose sind täglicher Anschlag, ein Brandsatz gegen Anstand und Intelligenz. 800 Anschläge in unserem Land in einer Woche. In einer Woche! Und etwa 70 Brandanschläge. Frust, Langeweile, Hass. Und Pegida als neue "Bewegung" der Dummen in diesem Land. Biedermann wird zum Brandstifter. Putin ist das Vorbild. Der Zwerg hat alle Kanäle verstopft. Er hat die Lügenpresse zum Schweigen gebracht. Die Elite ist enteignet, Sender sind eliminiert, Kritiker verhaftet oder ermordet. Die Kultur der vielen Stimmen - ausgeschaltet wie in Ungarn, in der Türkei. Die Nachdenklichen, die Träumer, die Helfer, die Demokraten, sie müssen um ihr Leben fürchten. Sie haben schlechte Gene, unreines Blut. Diese Erkenntnis kommen aus Polen, aus der Türkei. Gute Nacht Europa. Aber zurück nach Deutschland.

Auf RTL wird schon lange nur noch geschrien. Der erste Schrei-Sender. In Dresden wird gegen Flüchtlinge geschrien und gegen die "Lügenpresse" gebrüllt. Nazis grölen und schlagen zu.
Auf der Straße wird geschrien bis das Glas klirrt.
Alte Frauen schreien und keifen gegen Asylanten. Das Hirn schreit auf. Einfalt tut weh. Manche Dummheit erledigt sich von selbst. Der Rapper verkleidet sein Geschrei in unendlichem Gelaber bis bärtige Freunde ihm sagen, Musik sei Teufelswerk. Anschließend darf er als Attentäter sterben.

Das Gebrüll von Wiederkäuern bis zum Infarkt der Gesellschaft. Demokraten werden niedergeschrien, Menschen, die differenziert denken wollen, werden niedergeschrien, Menschen, die schreien, werden niedergeschrien, Menschen, die den Kapitalismus, der alles nach Wert und Geld bemessen will, bekämpfen wollen, werden niedergeschrien. Die Anständigen, die guten Menschen, werden niedergeschrien. 

Bis sie selber schreien. Denn sie haben doch Recht. Die Gesellschaft ist ungerecht. Früher wurde diskutiert, gelacht, geredet. Linke schreien nicht. Das Kabarett ist vernünftig. Was für ein Irrtum. Auch hier wird geschrien. Schmickler schreit, Hassknecht schreit seine Wut in einer Satiresendung hinaus. Überall Wutmonologe. Wutbürger. In einem Wahlspot der Linken schreit ein Bürger aus dem Fenster und Gysi sagt: Aber er hat doch Recht!

Und jetzt höre ich den Aufschrei. Links und rechts, Kabarett und "Bewegung" dürfen wir nicht in einen Topf werfen. Waren wir nicht immer im Widerstand gegen jeden Krieg, gegen jede Besetzung eines Landes, gegen jede Unterdrückung? Waren wir nicht gegen Atomkraftwerke im Westen und im Osten, gegen alle Diktatoren? Was ist geschehen? Plötzlich quillt das brüllende 'Netz'  über von Verschwörungen, es wird nur noch von Kriegsvorbereitung gegen den Osten geschrien, von Verschwörung gegen Putin, alle Schuld, alles Böse liegt in Amerika, im Judentum, bei der Lügenpresse, bei den Politikern. Und Kabarettisten werden zu Kronzeugen dieser Wahrheit, sie machen das mit. Amerika war immer schon... In der Ukraine herrschen doch Faschisten, Russland muss sich schützen. Die "Bewegung" hat verstanden und schreit nach Putin.

Es wird Gift und Galle geschrien. Der Wutbürger will nicht mehr. Er sucht das "Heil". Nach dem KZ wird gerufen. Nach Allah wird geschrien. Nach Säuberung wird geschrien. Wenn das nicht mehr reicht, bellen die Gewehre, röhren die Kanonen. Intelligent sind nur noch die Waffen. In den Händen der Dummen. Der Rest ist Schweigen.

Aber auch Hamlet schreit auf deutschen Bühnen. Die Comedy schreit sowieso. Böhmermann schreit als Abi-Gag oder Bierzeitung im ZDF. Das Publikum lacht auch nicht mehr - es reißt den Mund auf als ob es immer schreien müsste. Ja. Es muss.

Auch in den Stadt-Theatern wird jedes Stück zerschrien, zerbrüllt.
In der Dresdner Inszenierung "Graf Öderland/Wir sind das Volk" treten Schauspieler natürlich aus ihren Rollen um natürlich ihre Sicht der Dinge auf Pegida und Dresden loszuwerden. Annedore Bauer, eine junge, dünne Schauspielerin, läuft hin und her auf der Bühne und schreit einen Wutmonolog. Anmerkung, nur nebenbei, ganz leise: Wie wäre es eigentlich damit eine Rolle zu spielen, statt aus ihr heraus zu treten?
Müssen wir immer heraustreten? Alles herausschreien?

Aber ja. Denn sonst wäre das zeitgenössische Theater nicht mehr zeitgenössisch. Und zeitgenössisch ist schreien und lärmen. Einen Text verstehen? Ein Stück spielen? Nein. Da müsste das Publikum ja mitdenken. Sich Zeit nehmen etwas selber zu verstehen.

Heftig! Schreit das Internet. Teilen! Lesen! Unfassbar!
Die Trolle brüllen um die Wette. Alles Verschwörung! Ihr Wahrheitsunterdrücker!
Ein einziges Brüllen der schweigenden Mehrheit. Die Vernunft liegt am Boden. Schreiend geht die Welt zugrunde. Neiiiiiiin!

Montag, 30. November 2015

Satz des Tages

Morgenmagazin. Erst lachen sich die Moderatorinnen und Moderatoren wie üblich kaputt über das Wetter und sich selbst - soll gute Laune suggerieren - dann gibt es die erste politische Meldung und den Satz des Tages: "Beim Klimagipfel in Paris ist das Thema natürlich Sicherheit".
Ja. Für das Klima ist es sowieso zu spät.

Samstag, 19. September 2015

Politik als Werbespot

Werbespots mit Politikern. Wer hat eigentlich bei Katrin Göring-Eckardt, der grünsten Grünen aller Zeiten, Regie geführt? Wahrscheinlich niemand. Da fehlt nämlich noch die anschwellende Musik, wenn sie uns Zuschauerinnen und Zuschauern, von den Ereignissen bereits aufs Tiefste erschüttert, mit dem Schlimmsten rechnend, mit Schwarz-Weiß-Gesichtsausdruck, bedeutungsschwanger und langsam vorliest, was Nazis so auf ihre Seite posten um sie zu beschimpfen und zu bedrohen...
Der Schock sitzt tief. Jetzt wissen wir Bescheid: Wenn selbst die Katrin schon bedroht wird...

Und wer hat eigentlich die Serie an Werbespots entworfen, in denen das Mädchen mit den rotgefärbten Haaren leicht sächselnd in die Kamera spricht um als kritischer Geist auf unserer Mattscheibe zu erscheinen? Es ist das Gespenst, das umgeht in Europa: Der Simpel. Und sie verkörpert es besonders überzeugend. Es geht um Flüchtlinge. Also sagt sie: "Aufhalten, Abschotten, Abschieben: Das zeigt die Konzeptlosigkeit der Bundesregierung". Schnitt. Jetzt sitzt sie in einer Talkshow, die Kamera fährt leicht um sie herum. Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Sie sollte das Haar nach hinten werfen. Aber sie lächelt nur. Sie schaut und lächelt und Musik erklingt dazu und eine sonore Stimme sagt: "Katja Kipping erwidert: Abschrecken, Abschieben, Abstrafen: Das ist der Dreiklang der schwarz-roten Bundesregierung". Ach so.

Der Dreiklang der allgegenwärtigen Simpel-Show ist: Simple Bilder, simple Slogans, simple Schlüsse. Auch in Nachrichtensendungen wird die Themenübersicht immer mit den selben Anfangsbuchstaben gestaltet, die Poesie der Idioten für die Simpel auf den Sofas. Anmachen, Ansagen, Ausblenden. Und am Schluss noch ein stückweit etwas zum Schmunzeln und - das Wetter. Der neue Slogan des neuen WDR übrigens ist tatsächlich (keine Erfindung): "WDR - macht an!" Klar. Alles muss jung sein.

Alles soll, alles muss 'witzig' sein. Aber die Flüchtlinge - nicht witzig. Und das Bild vom toten Kind am Strand - das verdirbt uns den Spaß, das macht uns das Leben wirklich schwer. Dieses Bild ist schon schlimmer als das vom toten Wal am Strand. Also was tun wir? Fernsehen und alle anderen Worte mit F. Sind wir wirklich Doof, Dumm, Dämlich?
Oppermann (SPD) dreht langsam seinen Kopf in die Kamera und lächelt.
Die Krenzstaaten müssen getränkt werden, sagt die Kipping. Das ist starker Tobak - das ist links! Wahrscheinlich meint sie die Grenzstaaten sollten gedrängt werden - nämlich die Flüchtlinge nicht mehr zu verprügeln oder einzuschließen, sondern ihnen zu helfen... Toll.

Flüchtlinge auch auf der Bühne und in den Kulturmagazinen. "Ein normaler Theaterabend wird es nicht", sagt ein Regisseurschnösel in verstörender Nachhaltigkeit als Leiter einer experimentellen Projektgruppe mit wirr-geföhntem Haar und meint: "Es gibt Momente, die betroffen machen". Natürlich. Klar. Und auf der Bühne werden echte Flüchtlinge auf ein Bühnenbild projiziert. Natürlich. Stück egal. Wie immer. Jetzt in allen Inszenierungen: Projektionen (nein, das ist normal) von Flüchtlingen (das ist neu). Das bewegt. Das ganze schwarz-weiß-bewegte Bild. Das ist normal.

Mittwoch, 16. September 2015

Noch ein Trailer für den Trailer

Man könnte meinen unsere fernsehende Bevölkerung bestünde nur aus minderbemittelten, verkitschten Alten, die auf jung machen müssen... Fernsehen für Deppen, Pack und kindische Greise - oder vergreiste Kinder - so ist es doch - nein, nicht dass Sie denken... aber Sie denken ja nicht.

Im Vorabendprogramm tummeln sich jede Menge Alte. Und dann kommt diese Flauschkatze sagt: "Jetzt geht's hier jeden Tag rund - Nachmittags spielt sie mit den Enkeln und Abends ist hier Party - Alles fing mit diesem Gel an..." dann sieht man dabei eine enthemmte 70jährige in der Mitte ihres Wohnzimmers Twist tanzen, mit diesem verzücktem Blick, den Frauen haben, wenn sie sich 'free' fühlen, mit 20 in der Disco, mit 50 Sirtaki oder mit 70 Twist tanzend - enthemmt, jede Drehung, jedes Arme-In-Die-Luft-Werfen eine Feier für das Leben, alles fit, bedrohlich beweglich und ein paar 80jährige lassen ihr den nötigen Platz für ihre Gelenke.
Nächster Spot, in dem sich ein alter Autofahrer von der Frau fragen lassen muss, ob er an das Geschenk gedacht hat, er zieht die Stirn in Falten, wenn er nicht mehr weiß, ob er den Schlüssel am Brett hat hängen lassen, ob vielleicht alles hängt und nichts mehr läuft, was dann, immerhin ist er ein Mann in den besten Jahren... Dann helfen: eine Pille und - er erinnert sich, eine Pille und - er steht, Granufink und - es läuft - und wenn er dann mit Baldiparat anschließend mit weißen Nachthemden schlafen kann - spätestens dann weiß ich, ich bin im ZDF.

Denn alle zwei Minuten sagt jemand: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen sie die Packungsbeilage oder fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker - und das in schwindelerregendem Tempo, wenn dann noch Helene Fischer ihren antiseptischen Kitsch in einen bombastischen Lichtdom plärrt, wenn Bayern München unter Hymnenklängen Hollywoodfußball spielt und uns ein Volksstadel nach dem anderen kaputtklatscht, dann weiß ich, ich bin immer noch im ZDF und konnte nicht einschlafen, wegen all dieser Pillen.

Sophia Thomalla und Talk-Dauergast Kubicki - FDP (?)
Wenn ein Moderator ständig auf einen Bildschirm drückt und dauernd Fakten checkt und Frau Büscher Emails und Tweets vorliest und die Verwandte einer Fernsehserien-Schauspielerin, die Fernsehserien-Schauspielerin Sophia Thomalla, über Frauen und die anderen 40 Geschlechter redet und eine Frauenbeauftragte mit hartem Gesicht und scharfer Aussprache sich fragt warum man so eine zu so einem Thema überhaupt einlädt und Sophia, die Frau mit dem keck geneigten Kopf, sagt, weil sie eine normale Frau sei und die andere Frau sagt, na, es sei eben eine Unterhaltungssendung und der Moderator beleidigt ist und meint es sei aber keine Unterhaltungssendung und der Programmchef begründet warum die erste Fassung der Sendung erst wegen Protesten aus der Mediathek entfernt und dann wegen Protesten wegen der Proteste wieder in die Mediathek aufgenommen wurde, dann weiß ich ermüdet, ich bin im Ersten.

Wenn sich dicke, hässliche Frauen ständig anschreien und heulen und schreien und ihre dicken, tätowierten Töchter zurückschreien, toben und kreischen - dann habe ich mich zu RTL verirrt.

Zurück zu den Öffentlich-Rechtlichen. Talk-Show. Der letzte kluge Satz wird abgeschnitten, weil keine Zeit mehr ist, weil so oft Bürgerinnen und Bürger gesagt wurde, weil der Moderator einen anderen Moderator, der in einem zweiten Bild in das große Bild hinein gefahren wird, bis es zwei Bilder sind, fragen muss, was denn gleich in seiner Sendung kommt, die gleich kommt, die aber nicht gleich kommt, weil er ja erst erzählen muss, dass das Thema, wie in der Sendung des Kollegen auch, ein Thema auch in seiner Sendung sein wird, die aber noch nicht kommen kann, weil er erst wieder zurückschalten muss, damit sich der erste Moderator jetzt endlich verabschieden kann, um dann noch einmal hinüber zu schalten, damit der zweite Moderator zum zweiten Mal sagen kann, was gleich kommt, was dann aber immer noch nicht kommt, weil erst noch zum zwanzigsten Mal ein Trailer gesendet werden muss über eine Sendung, die danach, gleich danach, nach dessen Sendung, kommt, und deren interessanteste Szene schon zum zwanzigsten Mal zu sehen gewesen ist, im Trailer, bis sie zum einundzwanzigsten Mal zu sehen ist, um anzukündigen, dass die Sendung gleich nach dem Trailer für diese Sendung für die der Trailer wirbt, kommt.

Die fünfzigste Wiederholung eine Sendung im hessischen Nachmittagsprogramm endet mit dem Satz: "Meine Frau - sie ist tot". Anschwellende Musik, Nahaufnahme von Anwälten einer Anwaltskanzlei aus der Serie 'Die Anwälte', entsetzte Gesichter, Tränen, die Augen füllen, anschwellende Musik. Keine 0,5 Sekunden später sehen wir einen blondierten Typ, ein aufgeräumtes kariertes Hemd, das vor dem Hintergrund der ablaufenden Sendung, von der man den Nachspann sehen, aber nicht mehr lesen kann, also vor dieser Kulisse des Abspanns muss das karierte Hemd also offenbar unbedingt Schmunzeliges für den Nachmittagszuschauer absondern:

Hallo Hessen
"Es ist Mittwoch, also Gesundheitstag (?) und heute - bei dieser Erkältungszeit (dabei betont er das 'k' besonders, spuckt es aus und macht die Arme ganz breit) kümmern wir uns um die Organe, die davon besonders betroffen sind (?) nämlich Hals (dabei zeigt er mit dem Finger auf seinen Adamsapfel) Nase (dabei quetscht er mit dem Finger seine Nase platt) und - (jetzt dreht er mit beiden Fingern vor seinen Ohren Kreise und sagt nach einer Pause) Ohren! Außerdem haben wir ganz besondere Züchter, hessische Züchter (dabei betont er das 'Z' besonders, spuckt es aus und macht ein verzerrtes Gesicht, zieht die Oberlippe hoch, macht Schlitzaugen und rümpft die Nase) der eine züchtet (Pause) Eichhörnchen - und der andere (Jetzt hüpft er auf und ab) züchtet (Pause, Hüpfen) Kängurus. Hallo Hessen. Gleich geht's los. Gleich nach Hessenschau kompakt." (Jetzt macht er Hasenzähne, ohne Text, noch einmal Hasenzähne und - Schnitt). Aber das Eichhörnchen sehen wir jetzt nicht, weil die Sendung kommt jetzt nicht und die folgende kommt auch nicht, weil erst ein Trailer kommt für eine Sendung die am Abend...

Dienstag, 21. Juli 2015

Zwitschernd ins Mittelalter

Lynchjustiz, Pranger, Inquisition... Das war einmal. Wir sind menschliche Wesen geworden, wir benehmen uns zivilisiert. Mündige Bürgerinnen und Bürger. Keine Schafe. Wir haben gelernt: Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber. Also twittern wir: Die armen Tiere. Und posten: Zu was Menschen alles fähig sind! Bitte teilen! Und dann schauen wir uns um: Wo ist der Metzger? Unter uns? Der Fleisch-Esser, der Merkel-Versteher, der Griechenland-Kritiker?

Wir hängen gerne in der sozialen Hängematte der gesichtslosen Konzerne, die uns beherrschen. Google, Facebook, Starbucks... Da werden wir bedient. Unsere Eier werden eingefroren, falls wir Frauen sind, um später Kinder zu bekommen, mit 60 – wenn die Arbeit getan ist, in multikulturell-musikumspülter Atmosphäre, in Nachhaltigkeit und sanftem Grün. Wir sind wer. Jeder darf sich äußern, im Netz, weltweit, falls er – oder sie nicht in China, Russland, der Türkei oder Korea lebt – falls er noch lebt – oder sie. Also was tun gegen die Langeweile?

Wollen wir den Schafspelz nicht ein bisschen lüften? Wollen wir nicht ein bisschen beißen? Vielleicht auch ein Stückweit totbeißen? Aber ganz langsam. Vorsichtig. Erst einmal ausscheiden. Erst werden wir zu Schafen, die alles Grün abfressen, um es als Hashtag auszuscheiden.
Dann zu Schafen, die sich zusammenrotten, um mit dem Hashtag auf die Fährte zu kommen, die sich in eine blutrünstige Meute verwandeln und losstürmen. Ja, sie wittern das Opfer und wenn es nur einen kleinen Kratzer aufweist. Sie erkennen den Geruch des Blutes, sie wollen jagen und zerfleischen. Alle Schafe haben weiße Wolle. Die schwarzen Schafe werden gejagt.

Alles muss korrekt sein. Keine Zwischentöne, keine Überlegungen, Zweifel, Annäherungen.
#itsacoup – Nein. Kein Staatsstreich in Griechenland... Gemeint ist Schäuble, der deutsche Hitler im Rollstuhl. Nicht etwa eine 'linke' Regierung, die ohne Krawatte auf Motorrädern lässig mit einer Hand in der Tasche in Verhandlungen fährt, die außer diesen Lässigkeiten keinen Plan hat. Eine Männer-Klique, die weder eine schlagkräftige Steuerfahndung einrichtet, noch Steuern eintreibt, die die Milliardäre wie eh und je ungeschoren lässt, die Korruption, die das gesamte System der Vetternwirtschaft, wie ihre Vorgänger, offenbar als kulturelles Erbe betrachtet – diese Regierung also treibt ihr Volk ungesteuert in die Katastrophe und lässt es dazu kommen, dass die 'Geber-Länder' ausschließlich und nur noch von Schulden, Finanzen und Banken reden, weil sie jetzt noch leichter ihren eigenen Profit machen können. Eine komplizierte Gemengelage, deren Unübersichtlichkeit den Schafen zu kompliziert wird. Sie wollen sich nicht über Urheberschaft oder Ursachen Gedanken machen müssen, ihnen genügt ein einfaches „Määhh“: #itsacoup.

Außer dass unter diesem Stichwort für bald erscheinende CDs geworben wird, oder tatsächlich über einen Putsch (in Thailand) gezwitschert wird (niedlich, oder?), finden wir das übliche Übertreiben und Aufpumpen und Schimpfen und Jammern und Anklagen. Griechenland ist toll, die armen Griechen sind toll, die Linken sind toll, Schäuble ein Putschist, Merkel Mutti mit hängenden Mundwinkeln, Deutschland Scheiße, der Kapitalismus sowieso, die Troika sowieso und überhaupt: „Määhh!“

Ein vorläufiger Höhepunkt war der letzte Shitstorm in den unsozialen Netzwerken unter #merkelstreichelt – oh mein Gott! Oder besser OMG! Damit es auch die Schafe verstehen.
Merkel in einer Fernsehdiskussion. Ein kleines palästinensisches Mädchen aus Rostock spricht – in einem Deutsch, das die wenigsten Lallnasen, die sich in ihrem Heimatort vor Flüchtlingsheimen aufbauen, verstehen, geschweige denn sprechen können, sie spricht also über ihre Angst als Flüchtling aus Deutschland ausgewiesen zu werden. Und die Kanzlerin fragt nach, antwortet ihr vernünftig und klar, aufmerksam und dann - um nichts zu beschönigen - sagt sie: Nicht alle werden bleiben können. Das Mädchen fängt an zu weinen, Merkel sieht das, schaut sie an, geht auf sie zu, tröstet sie und sagt ihr, sie habe das sehr gut gemacht, die Probleme so zu schildern. Der nassforsche Moderator muss natürlich hashtag-mäßig eingreifen und irgendwas labern von wegen so einfach sei das nicht, die Kanzlerin ändert den Ton, das wisse sie auch (ich hätte dem Schnösel eine geknallt) und wendet sich wieder dem Mädchen zu.

Dann wird der Beitrag natürlich zusammen-zerschnitten, das große „Määhh!“ beginnt. ÄÄÄhhh, Merkel hat gestreichelt. Will sie auch die Griechen streicheln? Will sie alles wegstreicheln? Die ersten Fotomontagen entstehen. Die ersten Berichte über die Schafherde, über das große „Määhh!“ in den Medien, die natürlich – bis in die seriösen Nachrichten hinein von der 'Empörung' in den unsozialen Medien berichten müssen. WARUM? Die Masse macht's. Das gesunde Volksempfinden muss Thema werden.
Ist die Herde erst einmal losgelaufen, gibt es kein Halten mehr. Das Blöken, das Getrampel, die Staubwolke – darüber muss berichtet werden.

Warum ist das so, warum diese Umkehrung aller Werte. Eine Kanzlerin, die klare Worte findet, auf das Mädchen eingeht, sie tröstet, wenn das Kind die Fassung verliert. Sollten wir nicht – wenn es überhaupt einer Reaktion bedarf – dankbar sein für einen solchen Politikstil? Für eine menschliche Geste?
Wollen wir alle zu Schafen werden? Wollen wir ein lupenreines Riesen-Schaf mit großem Maul, einen Wolf, der ein Baby-Schäfchen auf den Arm nimmt, selbstverständlich von Schaf-Reportern fotografiert, um dem Schäfchen vor laufender Kamera zu versprechen, dass es nicht gefressen wird?
Warum können wir uns nicht darüber freuen, dass uns die größten und dümmsten Exemplare erspart geblieben sind? Bush hätte vom Krieg gegen Terror geknödelt, Berlusconi hätte das Mädchen auf eine Party mit Gleichgesinnten eingeladen, Putin hätte es gleich erschießen lassen. Aber Putin wäre ja nur vom Westen dazu gebracht worden, weil er in die Enge getrieben wurde, der Arme, nicht wahr?

Aus der Distanz schreibt die Züricher NZZ „Der TV-Beitrag über die Begegnung von Angela Merkel mit einem Flüchtlingsmädchen schlägt hohe Wellen. Dabei zeigte der Film nicht einmal die halbe Wahrheit. Ein Lehrstück über Empörungsjournalimus.“ Und weiter schreibt Claudia Schwartz: Der „über sie niedergegangene Shitstorm (war) von subtiler Bösartigkeit – nicht nur in den emotional aufgeladenen Sphären der sozialen Netzwerke. Die 'Süddeutsche Zeitung' gab die Stimmungslage vor, indem sie rasch ventilierte: 'Wie die Kanzlerin ein Flüchtlingsmädchen zum Weinen bringt'. Andernorts wurden gar 'Politiker mit mehr Gespür' wie Silvio Berlusconi herbeigeredet, der das schluchzende Mädchen notfalls eben mit einem unseriösen Versprechen getröstet hätte (Online-Magazin 'Vice').“

Netzhetze, Empörungswelle, Pranger. Zurecht erkennt Kabarettist Dieter Nuhr ein digitales Mittelalter. Und erntet dafür – na was wohl – einen Shitstorm.

Montag, 13. Juli 2015

Die falsche Welt der wahren Welt

Alles Träume, alles Schäume, oder was? Die Welt der schönen Hotels, der Casting-Shows, der Models, der Pilcher-Welten, Traumschiffe und Traumhochzeiten. Eine Welt der Bilder, die wir immer mehr für wahr halten. Für 'authentisch', also nachhaltig retuschiert. Es gibt ein falsches Leben im richtigen und es gibt auch ein falsches Leben im falschen. Die geprügelte Frau, der Flüchtling, der Hooligan, der Arbeitslose - ästhetisch ausgestellt, auf dem Jahrmarkt der Stadttheater, echte Menschen statt Schauspieler, die werden ihrerseits arbeitslos und servieren in Kneipen das Bier für echte Menschen - in echt. Auf den Bühnen immer mehr Mikrophone, in die die echten Menschen über ihr Elend erzählen.

Recherche-Theater als Kabinett des Schreckens mit echten, armen Menschen vor staunendem, reichen Wut-Publikum. Oder in flimmernden, ästhetischen Bildern von Krieg, Hunger und Zerstörung in einer endlos verstörenden Kriegs- und Hunger-'Performance'. Hat nichts mit uns zu tun. Wir sind gut drauf, kann man alles im Facebook lesen. Gefällt mir. Das neue Profilfoto, sexy, süße Katzen oder Sonnenuntergänge oder Blumen. Oder arme Griechen, erstaunliche Obdachlose oder gefolterte Katzen oder armer Putin, böse Merkel, lustige Babys. Alles ist wahr, alles ist echt.

Die Stadt Köln wollte schon eine Köln-Doku-Soap verbieten lassen, weil nach den Bildern einer Stadt des Klüngels, der Unfähigkeit, der versenkten Millionen und Bauwerke, der Kultur- und Bau-Katastrophen jetzt auch noch so getan wird, als wenn sich hier nur sprachunfähige, tätowierte, schreiende Jugend durch die Straßen wälzen würde. Nein. Ist gelogen. Wir haben aber immerhin den Dom und den Karneval. Und den Karneval und den Dom. Und die Produktionsfirmen, die den Doku-Mist produzieren. Und weil das für junge Leute ist, wird weniger der Dom gezeigt (der ist ja schon alt), sondern die Kranhäuser.

Junge Schauspielschülerinnen verabschieden sich schon freiwillig in ihrer Präsentation von Eigenschaften wie individuell, ernsthaft, klar, wandlungsfähig... Das war einmal. Es braucht eine Marke für den Marken-Artikel, damit er sich verkaufen kann: süß, sexy, widerspenstig, frech, süß, sexy...
Dafür braucht es ästhetische Fotografie, Glamour-Fotos, aufgehellt, aufgehübscht, zugekleistert mit Schminke und Photoshop, umrahmt mit Löckchen, bis zur Unkenntlichkeit geglättet. Tussi- und Model-kompatibel.
Schade. Ich muss es einfach nochmal sagen: Schauspiel ist nicht Darstellung, vor allem nicht Selbst-Darstellung. Das Theater könnte das letzte unbeugsame Dorf sein für Geschichten, die mit dem Leben zu tun haben.

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Denken!

Da laufen sie auf die Straße und fürchten sich vor nichts weniger als vor dem Untergang des Abendlandes.

Wo liegt die Ursache? Es ging schon einmal um das Denken. Um die Suche nach einem Menschen.
Aber was sich verbreitet hat in den letzten Jahren ist allein die Dummheit. Woher kommen die neuerlichen Auswüchse? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Islam-Phobie, dem Untergang des Abendlandes, der Pegida-Bewegung, den russischen Staats-Medien, Rosamunde Pilcher, Markus Lanz, Florian Silbereisen, Helene Fischer, Kochshows oder Shitstorm-Auslösern?



Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Anständigen aus der Mitte der Gesellschaft, vergrämten Unverschämten, pöbelnden Kindern, neuen Nazis, prügelnden Glatzköpfen, rüstigen Rentnern, besorgten Kleingärtnern, tätowierten Fleischpaketen, Smilie-Verschickern, religiösen Spinnern, islamischem Staat, Joystick-Bedienern, bewaffneten Banditen, fanatischen Kopf-Ab-Schreihälsen, frömmelnden Kopfschieflegern und sprachunfähigen Studenten?

Die Antwort ist: Ja. Es gibt diese Zusammenhänge. Darum: Wehrt euch! Denkt! Lest! Sprecht! Schluss mit dem dummen Geschwätz, dem Boulevard-Magazinen, den Hasspredigern, dem klebrigen Kitsch, der verlogenen Witzigkeit.
Früher sollten die Juden, heute die Muslime Schuld sein am Untergang des Abendlandes.

Wir haben die Nase voll! Schluss mit dem Aufstand der Spießer, der unser Land in Dummheit zu erstickten versucht. Der denkende, wache Mensch, der aufrechte Gang, sie sind mehr als je zuvor gefordert. Oder wollen wir in einer neuen Dunkelheit, einem neuen Mittelalter versinken?

Heute geht es um die Performance. Hintergründe? Heute eine einzige glatte Oberfläche. Bildung? Höchstens noch Ausbildung. Kultur? Es bleibt eine Flut von Clips.

Lasst euch nicht für dumm verkaufen. Aus Dummheit folgen Vorurteile, Schwarz-Weiß-Denken und Hass. Schluss damit.

Patrioten, Islamisierung, Abendland - wer unter einer solchen einfältig-geschwätzigen Pampe läuft, muss nicht betonen, kein Rechtsradikaler zu sein. Er ist schon in der braunen Soße ausgerutscht. Wie in allen Zeiten grölt er 'Deutschland’ oder 'Volk’ und lässt seinen uniformierten Nebenmann für ihn zuschlagen. Stellen wir uns dieser dumpfen Masse entgegen, bevor sie uns verschlingt. Das ist ein Aufruf.

Montag, 3. Februar 2014

Happy Musik

Kaum zu erkennen. Unter Vermeidung aller Faktoren die 'schwierig' werden könnten. Wie zum Beispiel eine Melodie, die aus mehr als drei Tönen besteht, oder schwierige Texte, oder eine ausgeprägte Stimme. Am besten eine Stimme zwischen Mann und Weib, Gendermäßig, eine Party-Sangria-Pappbecher-Stimmung, so wenig wie möglich Text. Ein Stückweit Gelalle und Gelulle zwischen 'Mensch', 'Freiiiheit', 'Atemlos-Noch-Niemals-In-New-York' - Oder noch besser. Gar kein Text. Die längsten Passagen im Volkstümlich-Erschlager-Pop-Song-Nebel bestehen daher nur noch aus Oh Oh Oh - oder Ohhhh - Ohhhhhhhh - oder Oh Oh Oh Ohhhhhhhoho Oh Oh Oh Ohhhhhoho - so können alle, aber auch alle mitgrölen.

Samstag, 3. November 2012

Die andere Welt

Im Foyer des Theaters am Sachsenring
An der kleinen Bar des Theaters am Sachsenring gab es noch Gespräche. Spät am Abend. Was für ein schönes, kleines Theater, auch nach der Vorstellung. Mein Theater. Am Tisch an der Wand mit den Bildern, Theke im Blick, Blick nach rechts in den Spiegel, Blick nach links durch den roten Vorhang in den Saal. Gläser stehen auf den Tischen. Vor der Theke stehen Menschen. Schauspieler, Besucher, wir verweilen und sprechen unter dem Eindruck einer Theatervorstellung.

Was haben wir gesehen? Haben wir gemeinsam etwas gesehen? Ja. Das Gleiche? Natürlich nicht. Das Gespielte, Gesagte, das Gesehene, das, was wir spüren - jeden Abend ist die Mischung eine andere. Jeder Zuschauer kommt aus seiner eigenen Welt und schaut in eine andere Welt, in die Welt auf der Bühne.

Wir versuchen eine Welt zu bauen, die anders sein soll, anders als die eine, wahre Welt. Eine Kunst-Welt. Wir wollen in unseren Stücken den Unterschied sichtbar machen. Trauer, Liebe, Erregung, Gewalt, Komik, erscheinen auf der Bühne anders als im Supermarkt oder in der U-Bahn. Außerdem gibt es im Theater am Sachsenring diese magische Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum. Die Damen, die ich in die erste Reihe führe, fragen, ob sie mitspielen müssen. Nein. Aber, so klein die Bühne auch ist, es besteht die Möglichkeit, dass sich der Raum während der Vorstellung ins Unendliche dehnt, wenn Spiel und Spielende es zulassen. Dann berührt die Kunst-Welt die wirkliche Welt der Menschen, die im Zuschauerraum sitzen. Theater ganz nah. Das liebt unser Publikum und ich liebe es auch. Wenn die Spieler auf dieser Bühne frei schwingen, aufeinander reagieren, fangen sie manchmal an zu fliegen, wie die Vögel.

Der Zauber des Theaters entsteht, wenn sich Figuren auf der Bühne als lebendige Wesen zu erkennen geben, kein blasses Echo des eigenen 'Ichs', sondern Figuren mit bekannten und unbekannten Seiten. Ich versuche in den Inszenierungen, dass aus dem Spiel keine vordergründige Darstellung wird, dass nicht zuviel verraten, zuviel vorgegeben wird. Wir sehen die Figur durch die Menschlichkeit der Schauspieler, die Menschlichkeit der Figuren durch die Kunst der Schauspieler. Es braucht keine Filmeinspielung, um dem Publikum zu erklären, was gemeint ist. Keine Interpretation, sondern Wahrnehmung. Darum müssen die Schauspieler Menschen bleiben, Hauptfiguren auf der Bühne.

Bleibt das Spiel in der Schwebe, bleiben die Figuren menschlich, dann erzählen sie wahrhaftig eine Geschichte. Dann bewegen sie Geist und Empfindung. Manchmal sehe ich noch Erregung in den Gesichtern der Besucher, die an der Theke vorbei unser Theater verlassen und sich verabschieden. Das ist bereits ein großes Kompliment. Ich bin müde. Ein letztes 'Auf Wiedersehen'. Noch ein Glas an der Theke, noch ein paar Sätze im Foyer an der Theke. Durch den milden, feuchten Abend in die wirkliche Welt.

Mittwoch, 31. Oktober 2012

Feeaanseehn

Lieber ins Theater gehen
Eine seriöse Sendung, das Mittagsmagazin. Ein Bericht über Wittenberg, von wegen Reformationstag. Der Kalender schreibt die Themen. Da treffen wir auf Luther, nicht den echten, wie der Reporter uns beruhigt, ein Schauspieler in Luther-Kostüm. Im Jargon von Mittelalter-Festen - "Seid gegrüßt, gehabt euch wohl" nervt der Schau-Spieler die Passanten und führt den Reporter zur berühmten Küaache. Er meint wohl Kirche. Aber das wird, wie die Verwendung vom Genitiv (Smilie mit Augenzwinkern) auf allen Kanälen verquirlt und verquatscht. Systematisch. Auch in seriösen Sendungen. Man muss den Zuschauer da abholen, wo er sitzt.
Draußen ist Wetta, das wiiaad auch angesagt, aber nicht ohne davor zu allem Überfluss noch eine Schmunzel-Geschichte zu senden. Über Wetterfühligkeit. Eine Frau mit rotgefärbten Haaren und Walking-Stöcken rät uns hinaus zu gehen um den Kööaapa abzuhääaaten (Körper abzuhärten). Sie will uns abholen.

Lassen wir die Schrei- und Kreischsender, die Familien- und Gerichtsfälle außen vor, bleibt auch bei seriösen Sendern nur noch Gequatsche, nur eine Stufe leiser. Bauerfeind, heißt die Frau, die ununterbrochen kichernd ganz nah an einem Schauspieler sitzt, an Moritz, Nase an Nase und alles cool, geil, toll gemacht findet. Schlaft miteinander, aber verschont uns, die Vorbereitungen mit ansehen zu müssen.
"Im Bett mit Paula" heißt der nächste Talk - der Sender übrigens ist ein 'Kultursender', nein: kultur_sender. Klein geschrieben - cool. Die prüde Paula - im Bett aber komischerweise angezogen - stellt anzüglich auszügliche Schmunzel-Fragen an einen Comedy-Rapper mit Migrationshintergrund. Der versucht zurecht zu kommen im Bett mit cooler Körperhaltung, Jacke aus, cooles T-Shirt mit Aufdruck, cooler Satz mit X. Man sieht Paulas Strümpfe, den rot bemalten Mund. Schlaft miteinander, aber verschont uns...

Dienstag, 30. Oktober 2012

Ganz tolle Geschichte

Markus Lanz. Köcheln, labern, blubbern, nichts wird so heiß gekocht, wie es gegessen werden sollte. Nicht den Mund verbrennen. Schwiegermütter lächeln beglückt: Nach Jauch, Pilawa, das nächste Söhnchen, Anzugfüllung, aufgespritzt mit Nettigkeiten für Jedermann. Weiter aufgeblasen, kommt 'Wetten Dass!' heraus. Eine Medienseite liefert Fakten: Zitat: "Die Kollegen von Closer haben nachgezählt: Markus Lanz zeigte bei der vergangenen 'Wetten, dass..?'-Sendung mit seinen Finger 186 Mal auf Publikum und Gäste. Zudem sagte er 23 Mal 'Wow', 16 Mal 'ganz tolle Geschichte' und forderte seine Gäste 18 Mal auf, es sich 'gemütlich' zu machen." In seiner Talk-Show sagt er nur 20 Mal 'Wow' und nur zehn Mal 'ganz tolle Geschichte'. Und natürlich bedankt er sich immer "sehr sehr herzlich" bei einer "spannenden Runde".

Thema Fußball. Da bin ich empfindlich. Eigentlich ein Universum. Lanz macht auch daraus einen Allgemeinplatz für Selbstdarsteller. Gäste: Eine Blondine, ein Torwart, Ex-DFB-Chef Zwanziger (hat natürlich ein Buch geschrieben) und Mario Basler (ein Buch?) Sehr sehr spannende Runde. Mario Basler,  (Ex-FCK, Ex-Bayer, Ex-Rotzlöffel vom Dienst), in einem Einspieler muss er programmgemäß ausfällig werden, im nächsten Einspieler attackiert er einen Kameramann - toll - eine Tätlichkeit. Von Lanz gibt es allerdings keine rote Karte, denn alles soll lustig sein, LUSTIG! Prompt gibt es Applaus vom Publikum. Der nächste Einspieler. Ex-Kollege muss vor die Kamera und sagt: Basler bis zum Hals Weltklasse - oberhalb Kreisklasse. Pöbeln, lallen: Vorbild für die Sportjugend. 'Als ich eingewechselt wurde' heißt immer noch 'Wo ich eingewechselt wurde'. Ist das Kult, oder nur das ewige geistige Sackhüpfen?

Nächstes Kapitel. Zicken-Krieg. Sport-Plauderer Rubenbauer, attackiert den Ex-DFB-Chef Zwanziger, um Applaus einzuheimsen. Warum der DFB nicht zu Klinsmann gestanden habe, damals beim Sommermärchen? Warum es auch noch einen anderen Trainer-Kandidaten gegeben habe? Wir wollen das Sommermärchen in guter Erinnerung behalten, meint Rubenbauer. Im Ernst: Wenn Klinsi keinen Erfolg gehabt hätte, müsste Zwanziger jetzt da sitzen und sich fragen lassen, warum er sich keine Gedanken um eine Alternative gemacht habe? Aber so ist das. Bei den Bayern ist Klinsi einfach gefeuert worden. Der Produzent von 'Wetten Dass' wäre in Amerika auch gefeuert worden, meint Tom Hanks aus Hollywood nach einem Gastauftritt in der Samstag-Abend-Unterhaltung des ZDF. Lanz: gefühlte Tausend Mal am Abend. Lanz werden wir nicht mehr los. Mit Lanz kochen und wetten und blubbern. Die Extrem-Schwiegersöhne werden nicht aussterben. Macht euch keine Gedanken.

Vor allem keine kritischen. Jeder kritische Gedanke wirkt bei Lanz sowieso wie ein Fremdkörper. Ein Extremsportler als Moderator, der gefühlte tausend Mal seinen Extremsportler-Kumpel und Extremsänger Kelly von der Kelly-Family einlädt und alle Knalltüten, die ihr Ego zwischen zwei Buchdeckel pressen lassen müssen. Nachfragen - Achtung, kritischer Moment - die Anzugfüllung neigt sich extrem in Richtung Gast. Aber dann - aufatmen - lässt er wieder hemmungslos blubbern.
Etwa Désirée Nick und ihre unerträglich gelispelten Lebensweisheiten auf Dschungelcamp-Niveau. Kabarettist Thomas Reis bemerkte in besagter Sendung, er könne das Bild nicht vergessen. Désirée Nick frisst Maden. Es könnte auch umgekehrt sein. Die Retourkutschen und Ausfälligkeiten der Schnellsprechtante werden später heraus geschnitten. Nicht dass Sie meinen, es wird jeder Blödsinn gesendet. Nur der größte Blödsinn.

Nachtrag: Kaum habe ich das veröffentlicht, wir schreiben den 13. November, hat Lanz nicht nur einen, sondern drei Kellys zu Gast, den - na? - Extremsportler und - egal. Und ein noch extremer hysterisiertes Publikum als sonst. Ein Irrenhaus. Und die drei Kellys spucken einen Allgemeinplatz nach dem anderen aus, garniert mit nä? und happy und Dummblubber und Kreischen und Jaulen aus dem Publikum. Und Lanz findet alles eine 'ganz tolle Geschichte'. Aus.

Sonntag, 30. September 2012

Soziales Netzwerk - raus oder rein?

Kein Gespräch. Also hinein ins soziale Netzwerk.

Jemand postet "Yam Yam!", ein Foto dazu von einer Curry-Wurst mit Fritten. Darunter ein Kommentar: "Guten Appetit", darunter "Wäre ich gerne dabei", dann der erste empörte Kommentar: "Ich esse nichts, was Augen hatte" ohne Smilie mit Augenzwinkern. Die Freundin ist eine Blume, besser: Ihr Profilbild zeigt eine Blume, also sie ist eine Blume, eine ernste Blume. Darunter ein Hundebild mit Menschen-Name, Kommentar: "Seht euch das Video an. Kaum zu glauben, zu was Menschen fähig sind." Die Hündin spricht allen 'Usern', also Gebrauchern, aus der Seele. Missbraucher sind angeklagt. Tierquäler und Fleischesser.

In Köln-Mühlheim sterben Menschen durch eine Bombe. Eine Sonderkommission wird eingerichtet mit Namen "Döner". Mord im Döner-Milieu. Ein Döner bringt den anderen um. Jahre später, trotz Verschleierung der Geheimdienste, kommt heraus: Es waren Nazi-Terroristen. Aussageverweigerung, Akten verschwinden. Kommission aufgelöst. Die Döner-Esser bleiben unter sich, die Nazi-Vegetarier bleiben im Dunkeln.

Ein Liegestuhl vor Sonnenuntergang 'teilt' einen sozialen Inhalt im Netz: "Das Ende der Lesekultur", eine Blume kommentiert: "Hab ich überflogen und nicht ganz verstanden. Freu mich auf weitere Meinungen." Ja. Meinungen. Weiter unten ein Bilderwitz. "Muhuha!" Steht darunter. Exzessives Lachen soll das wohl heißen. Wie das Lachen des Comedy-Fernseh-Publikums, das schon mit geröteten Köpfen vor dem Kollaps steht, noch bevor der Comedian im bedruckten T-Shirt den ersten Satz über die schmalen Lippen gebracht hat. Verzweifeltes Lachen kurz vor dem Exitus. Versteckte Kamera auf der Straße. Für das nächste Theaterprojekt, oder für eine Samstagabend-Unterhaltungssendung, oder gar weltweit für You Tube? Oder einfach nur für die urbane Überwachung? In Köln-Kalk wird ein Mensch auf offener Straße erschossen. Keine Kamera in der Nähe. Alles still.

Karikaturen über einen Religionsstifter. Der Lärm schwillt an. Meinungen auf der Straße. Vor den offenen Kameras, den offenen, gelben Mikrofonen: "Ich find das nicht gut. Da krieg ich Wut." "Ja, isch fühl misch beleidigt. Sowas geht gar nischt."
In einem arabischen Land stirbt jemand an Rauchvergiftung - während des Verbrennens amerikanischer Fahnen. Ein anderer Fanatiker will seine Religion nicht beleidigen lassen und zerreißt die Seiten einer Bibel. In einem anderen Land hält ein anderer Religiöser die Bibel in der Hand und will den Koran verbrennen. Ein Video wird gemacht über einen Religionsstifter. Prediger rufen zum heiligen Krieg auf. Menschen rennen auf die Straße nach dem Gebet und zünden ein Gebäude an. Menschen sterben. Der Macher des Videos, das keiner kennt, wird verhaftet, vor Kameras. Nazis wollen den Film öffentlich zeigen. Ein Intellektueller rät allen, alle Karikaturen überall zu veröffentlichen. Politiker mahnen zur Vorsicht, auf der Straße sprechen die Leute von Angst.

Ein Mädchen hat auf Facebook ihren Geburtstag öffentlich gemacht. Tausende versammeln sich vor ihrem Haus, saufen und randalieren. Die Party gerät aus dem Ruder. Feuer. Es gibt schwer Verletzte.
Ein Theaterleiter bemerkt, dass er doch nicht so viele 'Freunde' findet, auch wenn er bis in die Nacht hinein postet wie toll Theater ist. Er meldet sich ab und darf darüber in der Zeitung einen langen Artikel schreiben. Motto: Die neuen Netzwerke rauben uns die Lebensqualität. Kaum ist der Artikel erschienen, ist er wieder da, im Netzwerk.


Freitag, 17. August 2012

PUSSY RIOT: Verfall der Sitten

Hinter Glas: Pussy Riot
Ergebnis - ein vorsätzlich geplantes Urteil: Zwei Jahre Besserungsanstalt. Zwei Jahre Gefängnis ist schon für einen Schwerverbrecher eine harte Strafe in Russland. Hier ist es der Höhepunkt einer schmutzigen, langweiligen Performance, deren Richter-Darstellerin das Drehbuch aus Moskau erhalten hat. "Richterin liest allein", wird veranstaltet von der Diktatur der langen Reden und kurzen Prozesse.
Die 'Richterin' spricht ununterbrochene drei Stunden über den Verfall der Sitten, die Verletzung moralischer und geistiger Werte, die Verletzung religiöser Gefühle und - Gotteslästerung. Auch von einer internationalen Verschwörung ist die Rede. Und dass die Angeklagten keine Reue zeigen.
Hinter Panzerglas, in einem engen, gläsernen Sarg, drei junge, blasse Mädchen, die nach zweieinhalb Stunden manchen Anflug von Lachen nicht mehr unterdrücken können.
Drei Schneewittchen in einer Geschichte von Franz Kafka, in Handschellen, lächelnd, ungläubig.

Die drei jungen, maskierten Frauen hatten in einer Kunstaktion vor dem Altar der Erlöserkirche in Moskau Gott darum gebeten, sie von Putin, dem Diktator zu befreien. Das also ist Gotteslästerung. Putin ist Gott? Ein Diktator darf nicht Diktator genannt werden, weil er Gott ist? Schon von der inneren Logik müsste Putin hinter Gitter. Wegen Gotteslästerung. Aber Diktatur hat keine Logik. Der Zar und Stalin lassen grüßen. Nach der Urteilsverkündung Ausrufe der schmutzigen Putin-Frommen: "Das ist gerecht".
Das hatte Stalin, der die Kirche unterdrückte, noch nicht begriffen: Patriarchat, orthodoxe Kirche, Staat, Geheimdienst, Gerichte gehören zusammen. Sie pflegen Nationalismus, Dummheit, Engstirnigkeit, Hass und Gewalt. Da ist Putin schon einen Schritt weiter.

Immer wieder wird das Recht der Rächer der Macht nach Bedarf umgestaltet: Zu jeder Art Widerstand gegen die Macht wird (wie in diesem Fall), ein entsprechendes Gesetz verfasst, im Schnellgericht angewandt und in stundenlangen, vorgefertigten, lächerlichen Vorträgen Kund getan. Der ganze Machtapparat steht auf den deformierten Füßen eines blassen, kleinen Mannes, der sich rächen will. Ein eitler Clown, der um sich schlägt, Konkurrenten enteignet, Kritiker entweder ermorden oder einsperren lässt. Man sollte dem deutschen Ex-Kanzler, der seinen Freund, den Clown, immer noch einen 'lupenreinen Demokraten' nennt, jetzt noch eine Ohrfeige verpassen. Aber Stopp - immerhin werden die jungen Frauen nicht in die Psychiatrie eingewiesen. Also: geht doch.

Vor dem Gericht werden Menschen abgeführt und verhaftet, die rufen: "Putin, wir werden dir das nie vergessen - und nicht verzeihen!"
In Köln hättet ihr für eure Performance Spitzenförderung vom Kulturamt und einen großen Artikel im Express bekommen. Das ist der Unterschied. Ihr aber habt wirklich Mut bewiesen.
Liebe junge Frauen, ihr seid nicht so leicht einzuschüchtern, so scheint es. Hört auch in Zukunft, in der es stiller werden wird, unsere Stimmen, auch wenn Madonna dann schon lange wieder neue Kostüme trägt. Lasst euch nicht verhärten. Wir bleiben bei euch. Gott sei Dank.

Montag, 30. Januar 2012

Fritsch und Chétouane im Schauspiel Köln


Montag, 30. Januar 2012

Das Beste war der Schlussapplaus. Die bunten, blassgesichtigen Schauspielerfigurinen werden von der Gruppe einzeln aus dem Pulk nach vorne geschoben, an die Rampe, stolpernd, fallend, schleichend. Es sind Figuren einer Applausordnung, komisch, übertrieben, Finger in die Luft reckend, jubelnd, schüchtern oder auch gespielt schüchtern, mit großer Geste, Handküsse werfend, auf die nicht vorhandene Galerie winkend – 10 Minuten Schlussapplaus, eine tolle Nummer, die zum Lachen reizt und für einen Moment fast vergessen lässt, was für zwei Stunden überdrehter Langeweile hinter den Zuschauern liegen.

Charly Hübner habe ich gesehen, Anja Laïs - ich sehe sie immer wieder gerne auf der Bühne. Was ich nicht gesehen habe ist alles, was ich hätte sehen können, eine Annäherung, Schauspielerei, eine Geschichte, einen Text, Differenzen, Spannung, Brecht, ein Stück, 'Puntila und sein Knecht Matti'. Aber die Erwartungshaltung, einen erfüllenden Theaterabend erleben zu können ist im Stadttheater auf einen ähnlichen Stand gesunken, wie die Erwartung, den FC noch einmal um die Meisterschaft spielen zu sehen. Der Unterschied: Das Theater wird trotzdem zum Spitzenreiter gemacht.

Es scheint schon zum Ritual zu gehören, das Publikum leiden zu lassen, um Rezensenten und Juroren zu befriedigen. Folge: Zäh und nervtötend, immer wieder, immer wieder, immer wieder und wieder, alle Erwartungen über egomanische 'Regie-Talente', die mehr und mehr Regiestühle deutscher Theater besetzt halten, mehr und mehr bestätigt zu sehen. Fritsch bleibt das frisch gehypte Talent, weil Ex-Schauspieler, Ex-Castorf, Ex-Verkrachter, Ex-Weggänger, Ex-Provinz-Regisseur. Er bietet eine Geschichte, die skandalisiert, die ihn zur Marke macht. Er drückt seine Regieschablone auf jedes Stück. Ein bisschen Struwwelpeter, ein bisschen Comic, so entdeckt und wiedererkannt, wird er zum Theatertreffen eingeladen (natürlich) – und schließlich im Theater des Jahres auf das Kölner Publikum losgelassen.

Pausenlose Bewegungs-Choreografie, hinfallen, aufstehen, hinfallen, aufstehen, Jacke gleiten lassen, Hose auch, rutschen, zittern, fallen, schlängeln, alles von Klaviermusik begleitet, ohne Stillstand, ohne Rhythmus, Karikatur einer Karikatur, verzerrte Figuren, die in kein Stück passen, oder in jedes – wie die Posen für den Schlussapplaus. Körperlichkeit ohne Sinn, Schminke ohne Gesicht, Text ohne Bedeutung, genuschelt, skandiert, das ganze Programm. Schauen wir uns die Bilder anderer Inszenierungen von Herrn Fritsch an, dann fällt auf: Dieser Regisseur richtet jedes Stück auf die gleiche Weise hin.

Einen Tag später: Ein anderer Regisseur, der auch immer auf die gleiche Weise arbeitet, eine andere Regie-Marke – Chétouane – richtet den nächsten großen Autor hin, diesmal Kleist. Im Gegensatz zu Fritsch geschieht das in der Halle Kalk kraftlos, in Zeitlupe, gedehnt. In weiße Trikots gesteckt, gehen, traben, laufen die Schauspieler, wie Marionetten über die Bühnenfläche vor (natürlich) einer Videoprojektion, schauen sich entweder bedeutungsschwanger an, oder reden vor sich hin. Eine E-Gitarre wird zum kreischen gebracht, pausenlose Bewegungs-Choreografie, hinfallen, aufstehen, hinfallen, aufstehen, Jacke gleiten lassen, Händchen in die Höh', Text zerlegen, zerlabern, Ärmchen in die Höh', halbherzig, wenn im Text jemand niedersinkt, dann sinkt der Schauspieler nieder, halbherzig, um sofort wieder aufzustehen, die Händchen zu heben und weiter zu gehen. Langeweile, zäh, quälend. Wie schon 'Dantons Tod' unter Endlosschleifen von Fingerübungen unkenntlich blieb, so wurde auch das 'Erdbeben in Chili' zwischen Turnübungen erstickt. Die Frage muss erlaubt sein: Warum lässt eine Intendantin solche Regisseure überhaupt inszenieren? Zwei Stunden auf eine leere Bühne schauen zu dürfen, wäre spannender gewesen.

Freitag, 23. Dezember 2011

"Wir Kinder aus Theben" in der Schlosserei des Schauspiels Köln


Freitag, 23. Dezember 2011

War schön in der Schlosserei. Noch ist sie nicht abgerissen. Gute Erinnerungen habe ich an ausverkaufte Vorstellungen meiner Musikgruppe ZINNOBER Mitte der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, oder an das Gastspiel des Theaters am Sachsenring mit unserer Inszenierung von “Das Fest” 2005, ebenso ausverkauft und bewegt aufgenommen vom Publikum. Jetzt bin ich also wieder Gast im Zuschauerraum des ‘kleinen’ Hauses: “Die Phönizierinnen” in aktueller Inszenierung: “Wir Kinder aus Theben”.

Warm, eng, Vorfreude. Ich kenne viele Premierengäste, situierte Bürgerinnen und Bürger, Journalisten, Förderer, Träger, Amtsleute, Lehrer. Küsschen, man wünscht sich frohe Festtage. Das Programmheft bereitet auf Körperflüssigkeiten und Schlachten vor.
Das erste Bild: Die Wand im Vordergrund wird eingeschlagen, eingetreten, die Einzelteile zerschmettert. Es staubt. Kommt jetzt das Übliche? Nein. Der junge Regisseur Robert Borgmann (Dramaturgie: Sybille Meyer) findet einfache, klare und sehr beeindruckende Bilder und Szenen für die Unausweichlichkeit des Untergangs, des Verderbens, wenn der Gewalt nicht Einhalt geboten wird. Zeitbezug ohne die Zeit zu leugnen. Die Söhne streiten sich um das Erbe Thebens (Carlo Ljubek als Eteokles, Renato Schuch als Polyneikes). Keiner der Beiden will weichen.

Das zieht in Bann. Denn wir sehen die Söhne, wie sie aneinander vorbeischauen, lächeln, sich konfrontieren, ausweichen, schmeicheln und zustoßen. Wir spüren die Spannung im Gefecht der Worte, der Sätze, der Bewegungen, wir spüren jede Regung, jede Täuschung, alle Feindseligkeit. Wunderbar - eine Ouvertüre zu einer sehr musikalischen Inszenierung, die gutes Timing hat und den gesamten Konflikt über die Figuren aufbaut - mit exzellenten Schauspielern.

Die Mutter Iokaste (Julia Wieninger), ihr gelingt es nicht die Söhne zu besänftigen, sie fleht, sie zürnt. Der Vater Kreon (Yorck Dippe), der feige Repräsentant, kalt, überfordert, weiß nicht wohin mit sich, wenn er seinen Sohn Menoikeus (Orlando Klaus) opfern soll. Höchst beeindruckend die retardierende Verzweiflung, schließlich die stumme Kälte. Das Suchen und nicht Finden wollen, am Ende nur noch das Warten auf die Erfüllung der Prophezeihung. Sie wir erzählt. Alle tot, alles zerstört. Antigone (Marina Frenk) sucht den Vater. Sie sucht, sie irrt, sie ruft ihn - und Ende. Die Schauspieler fassen sich an den Händen, ein stiller, guter Schluss, sie suchen die Hand der Antigone-Schauspielerin, die noch suchend nach dem Vater ruft. Sie fassen sie nicht. Ich bin sowieso tot, sagt die Wieninger und geht ab, die anderen folgen, Kreon muss bleiben. Antigone ruft weiter, leise. Da hören wir hinter den Säulen Schreie, wie das Kreischen von Krähen. Junge Mädchen in weißen Gewändern (Chor?) setzen sich in eine Reihe, in gekrümmter Haltung, die Köpfe abgeknickt, aus ihren Mündern fließt Blut. Das erste Mal auf der Bühne, dass Blut fließt.

Es ist still. Das beeindruckende Finale eines großen Schauspielabends, in dem sogar einen Sinn hat, während eines dramatischen Monologs den Satz fallen zu lassen: Was macht man mit einem Hund – der keine Beine hat? Pause - Um die Häuser ziehen. Oder das Kind, das die Prophezeihung der alten Seherin ausspricht. Die Schauspieler, zur Wand gewandt, sprechen den Text, das kleine Kind, blondes, langes Haar, tropfnass, wandelt über die Bühne und macht synchron die Mundbewegungen. Schön-grausam, sehr präsent, verwirrend. Freud und Marx treten auf, zelebrieren komponierten Text am Klavier, laufen mit riesigen, schwebenden Schritten rund um die Bühne – wie Marx-Brothers im Ministerium für komische Gänge. Alle diese Intermezzi haben die richtige Stelle, die Leertaste bekommt Bedeutung, wie jede Geste, jedes Wort. So fallen wenige überflüssige ‘Tricks’ eben nicht ins Gewicht. Das unterscheidet die Inszenierung von manchem Ärgernis. Schade, dass es keine Bravos gab. Hatten die Premierengäste anderes im Kopf, oder saßen sie schon unter dem Weihnachtsbaum. Die Inszenierung, die Schauspieler, sie trafen Emotion und Geist.

Ein guter Abend.

Samstag, 25. Juni 2011

Nackt und feucht

Ich gehe gerne ins Theater. Aber was heißt schon Theater heutzutage? Es ist mehr als Theater. Es ist Halle, Werkstatt, Studio, Fabrik, Raum... eine nackte Fläche. Auf der nackten Fläche sind Mikrophone zu sehen. Ach ja, Mikrophone. Kein Schauspieler ohne Mikrophon. Alles erinnert jetzt an ein Pop-Konzert. Die Grenze zwischen Zuschauerraum und Bühne ist gefallen. Die Ebenen überlappen sich. Theater ist Pop, Event. Eins ist allerdings im Theater noch anders: Mitklatschen und Wunderkerzen werden ersetzt durch:

Flüssigkeiten. Schauspieler sind immer nass, feucht, stecken in kurzen Höschen, Unterhemden, Unterröcken, fallen hin, stehen auf – nackt und feucht. Und sie sind immer bei der Arbeit. Auf den großen Bühnen gibt es immer etwas zu laufen, zu springen, zu turnen, bis zur Verausgabung. Toll. Und schon sind alle verschwitzt, feucht, nass. Früher bewunderte der einfache Zuschauer, die simple Zuschauerin, wie ein Schauspieler, eine Schauspielerin sich so viel Text merken konnte, heute sind alle schwer beeindruckt, wie erschöpft, verausgabt, nass und schmutzig die Darsteller nach vorne treten, um sich vom befeuchteten Publikum Johlen und Klatschen abzuholen. Eben ein Event.

Die Flüssigkeiten werden getrunken, verschüttet, gespuckt, der Boden wird angefeuchtet, um später, wir ahnen es schon, ganz unter Wasser zu stehen. Nichts gegen Flüssiges, wenn es ins Stück passt, nichts gegen Schreie, wenn sie eine Emotion ausdrücken – ohne Dauerzustand zu werden. Aber all diese Maßnahmen sind nur noch Bausteine für die eine, einzige Theater-Performance-Rezeptur, die fast überall angewendet wird, auf freien und städtischen Bühnen. Immer geht es um Entgrenzung und Bewegung, Bewegung, die ein Text oder ein Schauspieler nicht mehr leisten können, nicht mehr leisten sollen – denn es soll ja Pop sein, Performance – oder einfach Regie-Selbsterfahrung. Spätestens dann frage ich mich warum es dafür noch ein Publikum braucht. Und das fragt sich der performative Theatermacher auch.

Kein Stück ohne Text-Flächen, keine Inszenierung ohne Video-Projektionen, keine Inszenierung in der nicht geschwitzt, gewitzelt, geschlachtet, fragmentiert wird, wir schauen hin und sehen nichts, wir schauen in ein Programmheft, in dem sich Dramaturgen ausgetobt haben. Jetzt verstehen wir.

In Köln wurde die Katastrophe um den Einsturz des Stadtarchives im Schauspielhaus durch den Kakao, oder besser auch durch Wasser gezogen. Wasser und Erde sind persönlich aufgetreten, nackt, und fickten. Es war richtig was los. Ich hörte: Das Regietheater ist so toll mit den Textmassen fertig geworden - und so respektlos. Ja. Meine Kölner Freunde und Kollegen waren glücklich. Dabei erfahren die Elemente nur dasselbe, was Othello und Desdemona oder Faust und Gretchen auf den Bühnen des deutschen Theaters immer erfahren. Irgendwann sind alle nass. Es wäre doch eine schöne Idee, einmal eine gespielte Szene zu zeigen. Othello wird eifersüchtig wegen eines Tuches und nicht weil im Hintergrund Desdemona gefickt wird und gleichzeitig ein Nackter an der Rampe ein Lied in ein Mikrophon singt. Später wird Desdemona dann ins Wasser gesteckt - plitschplatsch und tot (Habe ich tatsächlich in Köln gesehen, fanden alle ganz toll). Keine Missverständnisse: Die Jelinek-Inszenierung mit dem Wasser von Köln, in Köln von Karin Beier inszeniert, war faszinierend, sie hat eine Textfläche mit allen Mitteln des Theaters sinnlich, komisch, durchdringend gemacht - und ich fand es großartig. Bis zur Pause. Danach das große Platschen und Klatschen, es war eine reine Freude, aber nichts weiter.

Und noch etwas können wir beobachten: Je mehr geschrieen, gespritzt und gefickt wird, desto glücklicher sind die Rezensentinnen. Ich habe nachgeschlagen. Alle Kritiken sind immer euphorisch wenn es um ein Experiment, um Dokumentarisches, Migration, wenn es um Wasser, um echte, authentische, verstörte Menschen geht. Manche Regisseurin spricht davon, die Aufgabe des Theaters sei es nicht, zu unterhalten oder es gar dem Publikum leicht zu machen. Ist der Umkehrschluss richtig? Und ist es nicht eine besondere Art des Rassismus immer echte Flüchtlinge auf der Bühne hinter die Mikrophone zu stellen – und sie damit auszustellen wie ehemals die Schausteller auf dem Jahrmarkt? Der leise Grusel des Bürgertums im Parkett ist sicher. Echte Menschen. Die Schauspieler kellnern derweil in Kneipen bis sie arbeitslos sind um dann als echte Arbeitslose wieder auf der Bühne stehen zu dürfen.

Das Regisseur/innen-Theater rechtfertigt jede Reizüberflutung gerne mit der Ausrede, das Publikum provozieren zu wollen. Dieses müsse das schon aushalten. Muss es? Auf der Bühne arbeitet der Schauspieler, im Parkett arbeitet der Zuschauer. Beide werden gequält. Botschaften, für die ein Kabarettist eine kurze Pointe braucht, werden im Theater zu fünfeinhalb Stunden (ohne Pause) zerdehnt. Ist das Theater ohne Sinn und Verstand, auf benetzten Flächen, in hermetischen Räumen, das Theater der Zukunft?

In einem immer ärmeren Leben von rasendem Stillstand, führt zwar ein atemlos-spritziges Theater zumindest zu einer Reizung der Sinne, aber diese Reizung kommt höchstens bis zur Wasser-Oberfläche. Es sei denn, man gehört zu den Leuten, die Wasseroberflächen ein Stückweit 'spannend' finden, weil sie sich als Teil des zeitgenössischen Publikums fühlen, die diesen Reiz, dieses Wasserkräuseln brauchen, um klug über Theater reden zu können.

Theater ist anders. Es war immer anders und wird immer anders bleiben. Ein stiller Moment, eine Geste, ein Blick, ein leicht angezogener Satz, ein entblößtes Wort. Und ein Zuschauer, der das hört und sieht und erkennt, ganz still im Dunkeln. Das Lärmen, die Performance, das quälend überfrachtete Experiment - all das wird landen wo es hin gehört.

Es lebe das Theater!

Donnerstag, 26. Mai 2011

Gefühle


26. Mai 2011

Seit längerer Zeit kein Blog-Eintrag mehr. Warum schreibst du nicht mehr, fragt mich ein Freund, warum gerade jetzt nicht einfach die Gefühle schildern - nach der Wiedereröffnung des Theaters, fragte er mich weiter, nach einem Blick in den ‘Spiegel’ der neuen Internetseite des Theaters am Sachsenring. Letzter Eintrag Jelinek? Gefühle?

Es ist so schwer für uns Männer, über Gefühle zu reden. Was soll ich da schreiben? Im Dezember 2009 musste ich mein Theater schließen. Finanzielle Probleme. Was hatte ich für Gefühle? Enttäuschung, Wut? Ich habe so viel über die unsäglichen Dummheiten von Politik und Verwaltung geschrieben, über das Zu-Tode-Sparen. Freunde rieten mir schon bald, es um Gottes Willen endlich ruhen zu lassen.

Da ist etwas dran. Sich nicht verbeißen. Abstand gewinnen. Im März 2011 konnte ich das Theater wieder öffnen, mit englischsprachigen Gastspielen. Es bleibt schwierig, aber es macht wieder Spaß. Gefühle? Arbeit, Anstrengungen. Vorsprechen, erste Proben, Hoffnungen, Erwartungen. Die nächsten Steine, die in den Weg gelegt werden, die freudigen Erwartungen von Schauspielern, die ersten Abstimmungsschwierigkeiten. Gefühle?

Ich sitze nicht mehr abends am Computer und denke und schreibe, ich rege mich nicht mehr auf, setze mich anschließend hin und schreibe darüber. Laue Sommerabende, Meer und Sand. Das sind Gefühle. Am Eingang des Theaters sind Platten lose. Die bisherigen Reparaturen haben den Zustand verschlimmert. Vor zwei Jahren ahnte ich den Abschied von vertrauten Abläufen und Räumen. Ich fing an, Theke, Bilder, Stühle, Krimskrams, den Blick auf die Bühne, zu fotografieren und zu verabschieden. Gefühle? Ja.

Dann entschlossen wir uns, die Räumlichkeiten dem Theater der Keller zu überlassen. An einem glühend heißen, staubigen Sommertag saßen wir im Büro einer Anwaltskanzlei mit trockenem Mund und unterschrieben den Vorvertrag. Kein Zurück mehr. Blass, erhitzt und erleichtert kehrten wir zurück. Die Entscheidung war gefallen. Platz für ein neues Leben?

Die letzten Vorstellungen, gut besucht, begeistert gefeiert, die Schauspieler verstehen noch nicht ganz, sie werden unterkommen, sie werden spielen. Es halten sich Gerüchte, das Keller würde doch nicht bei uns einziehen. Gefühle? Alle wissen etwas, lächeln mitleidig, wir erfahren es als letzte. Ich muss hinterher telefonieren. Ja. Der Anwalt und sein Anhang, sie bleiben im alten Keller. Wir stehen da und wundern uns und beschweren unsere Herzen. Gefühle? Enttäuschung, Wut. Und Hoffnung - natürlich.

Andere Interessenten wollen uns einen Apfel und ein Ei geben für das Theater, für ein Theater, das betriebsbereit am Sachsenring steht. Ein letzter Abend, Fotos, eine Schauspielerin nimmt noch ein Kleid mit, ein Schauspieler den Hasen aus “Liebe, Sex und Therapie”. Wir schließen und verschwinden. Die Laufschrift über dem Eingang läuft weiter. Warum, fragen Freunde. Eine Freundin mietet das Theater. Preisnachlass? Klar. Es ist aber dann doch nur für eine Freundin der Freundin. Nach dem Fest sieht das Theater befleckt und ramponiert aus. Gefühle? Enttäuschung. In der Zwischenzeit will uns die Politik mit einer Liquiditätshilfe unter die Arme greifen. Die SPD und ein Grüner sind dagegen. Warum haben wir Feinde? Warum diese offensive Ablehnung? Der Beschluss zur Hilfe wird gefasst. Die Freunde der SPD und des Grünen aber sitzen auch im Amt und nehmen den Beschluss übel. Das Amt schreibt uns einen Brief. Sie werden das Geld nicht überweisen. Gefühle? Typisch. Ich fange wieder an mich zu verbeißen in die eigenen Denkschleifen. Hat das kein Ende?

Es gibt Freunde, die helfen wollen, sie finden aber wir sollten uns ändern, wir sollten klüger werden, wir sollten ökonomischer planen, ein anderer Spielplan? Ein Steuerberater will uns beraten. Er schließt die Augen, wenn er einfache Wahrheiten ausspricht. Traumfrau? Ja. Kafka? Nein. Ich versuche zu widersprechen. Irgendwann kommt er nicht mehr. Freunde helfen uns den Haushalt zu planen. Noch einmal die Zahlen. Die Schulden bleiben. Die Planung und die Altlasten muss man trennen. Wir trennen und tragen die Altlasten. Freunde wollen uns helfen. Es braucht eine neue Struktur. Eine GmbH. Eine gemeinnützige. Dann kann man helfen.

Wir reden über Stücke, die keine Kosten verursachen, Publikum ziehen und Einnahmen bringen. Nächste Spielzeit mit neuen, jungen Schauspielern neue Inszenierungen, große Stücke, flotte Komödien, griffige Titel. Da müsste es doch mit dem Teufel zugehen… Gefühle? Spannung, Erwartung. Die Journalisten schreiben über die Eröffnung und die Wiedergeburt nach dem ‘Liebesentzug’ durch das Kulturamt. Witzig. Das Kulturamt findet das gar nicht witzig. Sie rufen in der Redaktion an und ‘intervenieren’. Warum haben wir Feinde? Was ist los? Es nimmt kein Ende.

Eine Freundin sagt mir, ich würde nicht verstehen. Ich müsse einfach einmal den Mund halten. Sonst brächte mich das wieder in Schwierigkeiten. Ich verstehe nicht. Ich plane den Spielplan. Mit Kafka und Traumfrau. Und Hamlet und einem Stück über Spengler/ Walser/ Benjamin. Das bekommt einen kleinen Zuschuss. Es gibt neues Personal, das auf Augen verdrehen und zischeln seitens bestimmter Amtspersonen nicht so viel gibt. Hoffnung. Natürlich.

Das englischsprachige Theater hinterlässt begeistertes Publikum, dessen Umfang allerdings zu wünschen übrig lässt. Nicht genug Schülergruppen. Einige letzte Vorstellungen sind voll und es knistert. Der Raum ist klein, die Atmosphäre dicht. Das Theater atmet wieder. Schön. Gefühle? Erschöpfung und Gespanntheit. Und Vorfreude. Besser geht’s nicht.

Mittwoch, 30. März 2011

Karin Beier bringt die Jelinek im Schauspielhaus zum Tanzen

Auch diesmal (wie schon bei den ‘Nibelungen’) habe ich eine der umjubelten Inszenierungen von Karin Beier erst mit zeitlichem Abstand sehen können. Fern vom Jubel oder der Theater-des-Jahres-Hysterie sehe ich neue und alte Textflächen der Jelinek - und - dieser Abend reißt mich wirklich hin. Fasziniert, in Bann gezogen bin ich. Dieser Abend bestätigt im besten Sinne den Satz: Theater ist Kontext. Vermutlich hat der Abstand den Abend noch schärfer gemacht. Noch deutlicher werden uns Zusammenhänge zwischen Staudamm-Bau, U-Bahn-Bau, Wasser, Beton, Atomkraftwerk, Tsunami, Tod und Schuld. Das Wasser. Es soll bleiben wo es ist. Das Wasser kommt. Ein Thema in Variationen.

Die Assoziationsketten zwischen den Satzketten der Jelinek lösen durch das Spiel Worte, Bilder, Emotionen aus, Überlegungen, Verstrebungen, die immer wieder mit Wasser, mit Gewalt, Natur, Mensch, Beherrschbarkeit, Überwältigung oder Tod zu tun haben. Dieser Abend reizt die Sinne und das Hirn. Er bietet das, was Theater ausmacht, ich sehe wie diese Inszenierung einen Text, selbst einen so überbordenden, lebendig machen kann. Viele zeitgenössische Inszenierungen, wie wir wissen, bedienen einen Ton, walzen ein Konzept zu Tode und bemühen die ganze Rezeptur des Multi-Media-Spektakels. Auch hier sind Video, Farbe, Wasser im Spiel, aber sie lösen sich auf in Text und Spiel, sie machen Sinn. Karin Beier hat ein wunderbares Gespür für Rhythmus, sie wechselt die Tempi, sie zieht an, lässt los, alles hat eine geradezu knisternde Energie, große Kraft, immer eine Form, eine Fassung, auch in der Fassungslosigkeit. Großartig.

Der Beginn ist ein klarer, gut gestaffelter Anlauf. Vor dem roten Vorhang spricht ein Mann (Thomas Loibl), ein Ingenieur ins Mikrofon, er spricht über die großen Pläne, sich Erde und Wasser untertan zu machen. Über die Toten wird gesprochen, während des ganzen Abends. Mal sind es 150, oder doch mehr? Mal 2 Stück Personen. Im Hauptteil - “Das Werk” - geht es um eines der größten Speicherkraftwerke der Welt, in den Kapruner Alpen in Österreich, das in den zwanziger Jahren mit Freiwilligen, in der Nazizeit auch mit Zwangsarbeitern gebaut wurde. Wie viele Arbeiter starben hier im Kampf mit Erde und Wasser, im Ringen um den Bau dieses Großprojektes? Der Schauspieler ringt auch. Die schwierige Besteigung des Wortberges ist nicht sein letztes Glanzstück, wie auch das gesamte Ensemble ein außerordentlich agierendes, Lust machendes Schauspieler-Ensemble ist. Hier sehen wir zu und staunen und lassen uns überraschen. Dann öffnet sich die Bühne. Eine Putzfrau wischt, redet ein bisschen und singt einen traurigen Gesang (Rosemary Hardy), der Sprecher wird zurückgezogen, eingebunden, in der Tiefe der Bühne tauchen Figuren auf, Frauen zunächst (Caroline Peters, Laura Sundermann, Julia Wieninger, Kathrin Wehlisch und die unglaubliche Lina Beckmann).

Die Spielenden bewegen sich im Pulk, vereinzeln sich, explodieren, singen, schweigen. Später: Eine lange Strecke steht ein Chor, der summt, ruft, singt, schreit, Sprache im Stakkato, in Melodie gefangen, wütend, traurig, ruhig (Leitung: Carsten Wüster). Kein Augenblick ist ohne Spannung. Der Text fließt, atmet und hämmert, nicht alles dringt ins Bewusstsein, aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist, das der Kern immer hindurch scheint, dass wir sehen und hören können und - verstehen. Die Einzelteile blinken in verschiedenen Farben, tauchen auf, verschwinden. Eine Stimme ertönt, sie kann nicht zum schweigen gebracht werden. Immer wieder taucht sie im Raum auf. Wo ist das Radio? Im Zuschauerraum? Dann mischt sich noch Frau Jelinek persönlich ein. Eine feine Sprachwanderung mit Susanne Barth (die Große) als Jelinek. Die Schauspieler versuchen ihr auszuweichen auf die andere Seite der Bühne. “Im Bus”, an der Tür im Parkett tauchen Krätzchensänger auf (Thomas Loibl, Michael Weber und Manfred Zapatka), ein heidnisches Dreigestirn, wahnsinnige Clowns, böse Onkels. Dann liegen Tote, eine Frau erkennt und beweint, schreit, heult und sagt unvermittelt zu einer Frau: “Du rauchst? Kannst Du bitte die Zigarette ausmachen?” Ein Mikrokosmos des Witzes der gesamten Inszenierung.

Nach der Pause, ich wurde bereits gewarnt, jetzt gehe es erst richtig los, werde ich doch ernüchtert. Wir Kölner sind schon beglückt, wenn die Katastrophe um das Stadtarchiv durch den Kakao, oder das Wasser gezogen wird. Schuld? Wasser und Erde treten höchstpersönlich auf, nackt, fast nackt, und ficken. Aber im Gegensatz zum ersten Teil, zu den beiden ersten Stücken, wechselt der Ton nicht mehr, die Ebenen des Erzählens, die Komik bleiben in Kalauern hängen, die Dynamik wird nur noch bestimmt von spritzendem Wasser, von schwimmenden Blättern, die Mittel - dann doch - fangen an, sich selbst zu genügen. Die ‘echten’ Zitate Kölner Politiker unterstreichen zwar noch einmal die Einfältigkeit oder Unverschämtheit, mit denen diese Politiker unsere Stadt der Korruption, der Erde, der Gewalt ausliefern, aber diese kabarettistischen Aktionen im Wasserschlamm bleiben flach.

Ich persönlich habe auch über Köln im ersten Teil alles erfahren. Im zweiten wird das noch einmal unterstrichen, bewässert, Ebene auf Ebene geschichtet. Aber gut. Und gut bleibt der Abend so oder so.

Dienstag, 29. März 2011

Grün, grün, grün


Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Zeitenwende, historischer Tag, Sensation! Leute! Habt ihr die letzten Jahre verschlafen?

Es kam wie es kommen musste. Schon lange zeichnete sich ab, dass die neue bürgerliche Mitte – sauber, nachhaltig und gesund, gut situiert und ausgebildet – eine Partei braucht. In Baden-Württemberg hat der Lehrer Kretschmann – nett, seriös, väterlich – das schwäbische Herz mit schwäbischen Sprüchen erobert. Was ist daran besonders, oder gar revolutionär? Jetzt wird er Landesvater.

Auf der grünen Wahlparty: Mädchen mit grünen Perücken, kreischende, hüpfende Frauen, die begeistert in die Hände klatschen, grüne Männer, die heulen, junge Grüne die trommeln (Samba) und die grünen Mädchen zum wippen bringen. Revolutionär? Die neue Kultur. Lange her: Die rauchenden, alten Männer mit Bier und Stiernacken. Der Mittelstand in Deutschland hat nichts mehr übrig für verkniffene Säcke, die Bahnhöfe, Atom und Demokratie mit Schlagstock und Wasserwerfer durchpeitschen. Sie wissen: Das weiche Wasser, das frei laufende Huhn, die Trillerpfeife im Mund – das ist das neue Deutschland.

Der Ordnungspolitiker, der kleinbürgerliche Wachstumshysteriker, oder gar der alte Nazi – die Zeiten sind vorbei. Die "Wählerinnen und Wähler" sitzen vor den Fernsehschirmen und sehen explodierende Atomreaktoren, Betreiber, die ständig lügen, verschleiern und sich dabei permanent entschuldigen. Gut, Japan ist weit weg, aber die Bilder brennen in den Köpfen. Seit Jahrzehnten heißt es: Die Technik ist sicher, zumindest im Westen. Alles Lüge. Zum wiederholten Male werden große Teile der Erde nachhaltig atomar verseucht mit unabsehbaren Folgen. Jetzt drückt sich die Erkenntnis auch im Wahlergebnis aus.

Die "ZEIT" hatte getitelt: "Keine Lügen mehr". Und alle nicken. Zeitenwende. Der Typus des verknöcherten Politikers, des Lügners, sollte abgewählt werden. Das wäre ein gutes Signal gewesen. Hat nicht ganz geklappt. Beck in Rheinland-Pfalz bleibt. Blass, fast wie seine eigene Wachsfigur, kann er sich doch noch halten, mit Hilfe der Grünen, die ihn leider stützen. Leider. Sie stützen eine dieser alten Figuren. Die CDU in Rheinland-Pfalz hat eine Neue, eine strahlende Siegerin, Julia Klöckner, die nicht nur als ehemalige Weinkönigin den Eindruck macht, auf der Sonnenseite zu stehen und ohne Schlagstock auszukommen. Diese Frau zeigt der CDU: Es ght auch anders. Sie hätte auch mit den Grünen gehen können, denn sie ist durchaus für die dauerhafte Stilllegung von Atommeilern. Nach der atomaren Laufzeitverlängerung ist nun allerdings jedes schwarz-grüne Vernunftprojekt vorerst unmöglich geworden. Ein schwerer Fehler von Frau Merkel, die sich mit diesem Kuhhandel zugunsten der Atom-Lobby den eigenen Weg, die CDU zu einer modernen Partei zu machen, vorerst verbaut hat. Außerdem: Sie hat die Zeitenwende nicht erkannt.

Frau Merkel hätte besser fernsehen sollen, dann wäre ihr aufgefallen: Wenn die modernen Heimatfilme mit schwedischem oder irischem Hintergrund ein Weltbild malen, dann ist es das grüne Weltbild, das Weltbild der frei laufenden Hühner, der Besserverdienenden, der bürgerlichen Mitte. Alle paar Tage zeigen uns die klebrigen Kitschfilme immer dieselben Geschichten: Da ist der Schnösel, der es natürlich übertreiben muss, der für GoldInvest zu Felde zieht, ein skrupelloser Immobilienhai, dieser Schnösel hat immer ein Blondie an der Seite, die sich vernachlässigt fühlt. Blondie hat sich folgerichtig bald schon in einen Wuschelkopf vom Öko-Institut verliebt, der sie auf sein Boot trägt, um mit ihr Kartoffeln zu schälen und Wein zu trinken. Er raubt ihr einen Kuss. Sie wehrt sich nicht. Sie werden beobachtet. Ihr Mann stellt sie. Er will eine Immobilie für sie kaufen. Aber Blondie sagt zum Noch-Ehemann, zum Anzugträger mit dem geldgierigen Blick, mitten am Strand, mitten in die Kamera hinein: Das mache ich nicht mit. Da werden doch tiefe Löcher in den Strand gegraben und dann ist doch die nachhaltige Geologie in Gefahr!

Ja, so reden sie, die Frauen, die ihren Ehemann los werden wollen, um flugs den neuen Wuschelkopf romantisch bemuttern zu können. Und den Strand retten zu können. Und die Romantik. Und die gehen dann los und wählen grün. Und ihre Zuschauerinnen und Zuschauer auch. So geht das. So sind die Grünen Volkspartei geworden. Also Frau Merkel, aufpassen. Sie haben doch schon viele 'alte' Männer in die Wüste geschickt, jetzt mussten Ihnen die Wählerinnen und Wähler zum ersten Mal helfen und den Mappus hinterher schicken.

Schießen Sie den Westerwelle ab, machen sie einen Wuschelkopf zum Minister (Guttenberg war auch kein 'neuer' Mann) und drehen sie den nächsten Film: "Angela Merkel: Das Glück ist grün!" Das wäre wahrhaft revolutionär. Übrigens: Wer in dieser Glosse die Smilies vermisst, muss selber schauen, wo der Ernst bleibt. Oder sollte der Ernst…

Gute Nacht.

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.